"Jürgen" von Heinz Strunk In Harburg nichts Neues

Nach dem Mörder-Roman "Der goldene Handschuh" kehrt Heinz Strunk in gewohnte Gefilde zurück: Sein neuer Roman zelebriert die Tragik verzagter Durchschnittsmenschen - und gerät dabei leider selbst etwas zu normal.

Heinz Strunk
Dennis Dirksen

Heinz Strunk


Jürgen Dose ist Mitte 40 und allein. Ein Otto Normal, braver Steuerzahler und unbescholtener Bürger, der im grau getünchten Hamburger Randbezirk Harburg seine gleichförmigen Bahnen zieht. Von dessen Sorte es Millionen gibt, wie er selbst konstatiert. "Pro-Kopf-Menschen, die ohne Aufsehen vor sich hin "pitschern."

Pitschern heißt für Dose, das Leben eines "ganz armen Willis" zu fristen. Frühmorgens die Schimpftiraden der bettlägerigen Mutter Margret, zur Übung mit Pflegerin Petra flirten und acht Stunden als Pförtner im "größten Parkhaus Europas" auf Bildschirme starren. Abends dann die dritten Programme und gelegentlich ein Essen im nahe gelegenen Restaurant Kamin 21. Die allgegenwärtige, deprimierende Normalität eben.

Schnell wird klar, dass Strunk sich mit seinem neuesten Roman "Jürgen" vom unerbittlichen Psychogramm eines ganzen Viertels inklusive seines Serienmörders Fritz Honka, wie in "Der goldene Handschuh" geschrieben, abwendet. In "Jürgen" gibt es keinen Sex, keine Gewalt, keine Doppeldeutigkeiten, keinen beißenden Uringestank. Stattdessen einen unbedarften, gutmeinenden Durchschnittsdeutschen. Verlässliches Inventar für Strunk, bekannt etwa aus "Fleisch ist mein Gemüse" oder "Fleckenteufel". Jürgen Dose höchstpersönlich quälte sich schon im 2005 erschienenen Hörspiel "Trittschall im Kriechkeller" durchs Leben.

Doch warum kehrt Strunk nach dem gefeierten "Goldenen Handschuh" zur literarischen Schonkost zurück? Vom bis zum Brechreiz pointierten Sprachrealismus zum Ulk eines Sammelbandes von zu Recht vergessenen Redewendungen?

Womöglich, weil sich satirische Unterhaltungsliteratur einfach gut verkauft. Die ARD dreht schon vor Buchveröffentlichung an einem Fernsehfilm zum Stoff, Ende März folgt unter dem Titel "Die gläserne Milf" ein Soundtrack zum Roman. Die wahrscheinlichere Antwort aber ist: Weil es diese Menschen tatsächlich zuhauf gibt und sie einen beträchtlichen Anteil dieses Landes stellen.

Menschen wie Bernd Würmer etwa. Jürgens bester und einziger Freund ist ebenfalls Mitte 40, Sachbearbeiter, Insektensammler, seit knapp 15 Jahren im Rollstuhl, solo, ein noch viel ärmerer Willi. Ihre zweckdienliche Beziehung lebt vor allem von der gegenseitigen Versicherung, dass es eben doch noch schlimmer geht. Dazu kommt ein gemeinsamer Antrieb: die Suche nach einer Frau. Aber Speed-Dating läuft ins Leere, Kontaktanzeigen versanden, sporadische Dates verlaufen wie das Leben, enttäuschend. Jürgen versucht, sich mit aus populärwissenschaftlicher Ratgeberliteratur heruntergeratterten Biologismen und Kalendersprüchen zum Wesen der Frau einen strategischen Vorteil zu verschaffen, was bis auf Alltagssexismen natürlich nichts abwirft.

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Heinz Strunk:
Jürgen

Rowohlt; 256 Seiten, 19,95 Euro

Am Ende liegt die vermeintliche Rettung in Polen. Mit der Agentur "Eurolove" fahren beide nach Breslau, wo ihnen heiratswillige Schönheiten versprochen werden. Pustekuchen: Jürgen holt sich lediglich die Erkenntnis ab, an einem Wanderhoden zu leiden.

Entgegen der Aufmachung ist "Jürgen" kein Liebesroman, die Liebe ist für beide bloß süße Verheißung, die das Leben erträglich macht. Man könnte sie auch durch Fußball oder Modelleisenbahnen ersetzen. Die eigentliche Frage lautet: Was macht jemand, der das Beste schon hinter sich hat? Der in der Liebe aufs Abstellgleis, im Beruf in die Sackgasse, im Leben in die Warteschleife geraten ist? Strunks Antwort: Er glaubt. Nicht an Gott, nicht an die Menschheit, sondern an die Hoffnung.

Wer sich davon ontologische Einsichten, einen fesselnden Spannungsbogen oder sprachliche Tiefe erwartet, wird von "Jürgen" jedoch enttäuscht. Der Roman dringt nur so weit unter die Oberfläche, wie sein Held es zulässt. Das heißt: Es geht zumeist eher seicht zu. Normalität verpflichtet.

Trotzdem lenkt Strunk den Blick auf eine oft übersehende Wirklichkeit. Indem er seine Charaktere mit gewohnter Feinfühligkeit und Empathie durch ihre Realitäten stolpern lässt, zeichnet er auch in "Jürgen" eine Art Sittengemälde der Verzagten - und zeigt fast beiläufig, wie sich Deutschland seit den einschneidenden Sozialreformen der Regierung Schröder verändert hat.

Abstiegsängste und soziale Unsicherheiten scheinen, ohne jemals explizit benannt zu werden, durch jede der 252 Seiten. Diese gesellschaftlichen Unebenheiten macht Strunk ohne jeden Voyeurismus sichtbar - auch in seinen schwächeren Romanen.

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insgesamt 3 Beiträge
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jay-kopp 26.03.2017
1. Genau DAS ist Heinzer!
Wer die Bücher vor "Der goldene Handschuh" gelesen hat, hat einen Heinz Strunk kennengelernt, der es schafft, die Tristesse mit derartig wertschätzenden Worten zu beschreiben, sodass auch aus der scheinbar unerträglichsten Situation ein Fünkchen Hoffnung entsteht. Heinz Strunk kann mehr, als voyeuristische, bis über die Grenze des Erträglichen hinausgehende Texte a la "Der Goldene Handschuh" zu verfassen. Er erzählt vom Leben. Und nicht nur von "ficki ficki". Ich freue mich auf "Jürgen".
Akonda 27.03.2017
2. Was für ein Blödsinn!
Harburg ist grau? Klar, wenn man das Graue sucht, wird man es finden. Derlei Ecken und Straßen gibt es wohl in jeder Stadt. Ansonsten ist gerade Harburg schön grün. Das nächste Mal die Sonnenbrille zu Hause lassen, dann kann man das Grüne auch sehen!
blueberryhh 27.03.2017
3. na ja ...
der Handschuh war doch auch schon überbewertet ... nett zu lesen, sich etwas gruseln und ekeln dabei ... aber Literatur? Na ja, viele Leute kaufen auch die Hamburger Morgenpost und denken, sie kaufen eine aktuelle, vollwertige Tageszeitung...
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