Neuer Roman von Helene Hegemann Alles explodiert

Erst sterben Tiere, dann die Menschen: In ihrem dritten Roman "Bungalow" liefert Helene Hegemann Innenansichten davon, wie es sich am Rande einer zerbrechenden Gesellschaft lebt.


Außen stehen die Hochhäuser. Wenig anheimelnde Mietskasernen für das Prekariat einer Stadt, die nicht weiter definiert wird, aber einiges mit Berlin gemein hat. In der Mitte aber wurden 16 einstöckige Bungalows mit Flachdächern angesiedelt, von den Balkons der Wohnblocks sehen sie aus wie Hakenkreuze. Vor ihnen halten teure Autos, wenn die Bewohner ihre Cocktailpartys feiern. Eine architektonische Besonderheit aus den Fünfzigerjahren, ein soziales Experiment, getrieben von einer Utopie des Zusammenlebens, die längst hinfällig geworden ist.

Von diesem Kontrast unterschiedlicher Leben erzählt Helene Hegemann ihrem neuen, dritten Roman "Bungalow". Charlie, im Buch zwölf, dreizehn Jahre alt, lebt gemeinsam mit ihrer Mutter in einem der Hochhäuser. Die Mutter ist Trinkerin, komplett durchgeknallt, wenig klare Momente, ständig pleite. Charlie hat lediglich einen Freund. Bei Iskender, dessen Vater eine Art Kneipe in der Einkaufspassage besitzt, die den Wohnblocks angegliedert ist, darf sie manchmal zu Mittag essen.

Autorin Helene Hegemann: Ist das das echte Leben?
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Autorin Helene Hegemann: Ist das das echte Leben?

Aber Freundschaft, wie geht das eigentlich? Charlie weiß es nicht. Und wo wir schon bei so schwierigen Fragen sind: Was ist mit Liebe und Sexualität? Charlie versucht durchaus, sich solchen Themenkomplexen zu stellen, aber in ihrem Leben herrscht ein so unangenehmes Grundrauschen verschiedener Ängste, dass es gar nicht möglich scheint, damit erfolgreich zu sein.

Diese Dauerfrequenz schwillt an; Charlie schaut ihren ersten Porno. Charlie wechselt auf die weiterführende Schule. Charlie hat ihren ersten Vollrausch. Charlie verliebt sich, und zwar in Georg und Maria, ein Schauspielerpaar, das in einen der Bungalows gezogen ist. Die beiden sind offenbar wohlhabend, aber im Unterschied zu ihren direkten Nachbarn Freaks - und vielleicht genau deshalb dienen die beiden für das verwahrloste Teenagermädchen als Projektionsfläche für ein anderes Leben.

Der süße Duft der Kadaver

Helene Hegemann malt uns eine Szenerie, die absolut verloren wirkt. Trostlos, lustlos, farblos, angesiedelt in einer Zeit, in der Gegenwart und nahe Zukunft geremixt sind. Ein Krieg scheint vor der Tür zu stehen, die bisherige Ordnung der Dinge befindet sich im Zusammenbruch, erste, ebenso diffuse wie unheimliche Vorzeichen sind nicht zu übersehen.

Etwa die Sache mit den toten Tieren. Hunde, Hamster, Tauben, Ratten, so viele sterben. Die Gehsteige im Viertel sind ein einziger Friedhof, man kann den süßen Duft der Kadaver in der Sommerhitze förmlich riechen. Irgendwann folgen die Menschen. Zwei zünden sich an. Einer springt Silvester vom Dach, einer vor den Zug, nachdem er aus Versehen im Schlaf über sein Baby gerollt ist und dieses dabei getötet hat.

Bei anderen sind die Gründe unklar: "In den ersten beiden Januarwochen brachten sich in der Stadt, in der wir lebten, 985 von zwei Millionen Menschen um. Vier davon in unserem Viertel, drei weitere waren Elternteile von Kindern aus meiner Schule, von denen ich nur eines so richtig kannte, Salina, die Zehnjährige, die an Silvester mit uns auf dem Spielplatz gesessen hatte."

All das ist schön gewaltig - aber nie schön. Ästhetik kommt im Buch nur als Ästhetik der anderen vor, als Kulisse, mit der Charlie überhaupt nichts zu tun hat. In ihrer eigenen Welt folgt eine Katastrophe der nächsten, da raucht es, stinkt es, zischt es, brennt es. Am Anfang eher mittelbar, bald zieht Hegemann den Regler so sehr hoch, dass Charlies ganze Chose mit einem großen Knall in die Luft fliegt.

Das Wohn- wird zum Krisengebiet, halbe Körper liegen auf der Straße und Charlie wundert sich über einen Hund: "Er lag mit offenen Augen auf der Seite, er bewegte sich auf und ab, als würde er atmen, aber sein Körper war offen, das sah aus, als hätte man bei einem Stofftier die Naht am Bauch aufgetrennt und die Füllung rausgeholt, seine Gedärme oder Organe oder wie man das nennt, waren einfach nicht da, lagen nicht mal mehr neben ihm. Wo waren diese Scheißorgane, warum lebte der noch?"

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Helene Hegemann:
Bungalow

Hanser Berlin; 288 Seiten, 23,- Euro (gebunden)

Die allumfassende Sprachmacht der Berlinerin, die in ihrem vorherigen, auch schon wieder fünf Jahre alten Roman "Jage zwei Tiger" den Inhalt bisweilen an die Wand drückte, marschiert hier in Einklang mit der Handlung voran. Deren Zeitebenen wurden zwar clever angelegt, dennoch wirkt sie eigenartig verwaschen, verlangt von Leserinnen und Lesern Hingabe und ermuntert zur ständigen Überprüfung: Ist das das echte Leben? Oder doch nur die Fantasie eines Teenagermädchens, das nach seiner trinkenden Mutter gerät? Welcher Krieg wird hier gerade gekämpft, wer fickt eigentlich wen? Und haben wir es mit einer Milieustudie oder einem Deutschlandroman oder doch Science Fiction zu tun? Das bleibt offen.

Dass "Bungalow" vergangene Woche für den Deutschen Buchpreis 2018 nominiert wurde, besitzt hingegen seine absolute Richtigkeit.

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