Zum Tod von Hellmuth Karasek Geliebter Luftikus

Witzeerzähler, Polemiker, Charmeur: Hellmuth Karasek war einer der Ersten, die Kulturkritik in große Unterhaltung übersetzten. Jetzt ist er im Alter von 81 Jahren gestorben. Verbeugung vor einem Beglücker.

DPA

Er habe erst spät in seinem Leben gemerkt, dass er seinen Beruf verfehlt habe, hat Hellmuth Karasek in den vergangenen Jahren öfter in Interviews gesagt: "Die Glücksmomente in meinem Berufsleben erlebe ich nicht beim Fernsehen und nicht als Kritiker. Ich erlebe sie bei Lesungen. Weil die Leute dich da für eine Zeit lang wirklich mögen."

Der Kritiker, Entertainer und unermüdliche Witze-Verschleuderer Hellmuth Karasek hat deutlicher als die meisten Medienmenschen gezeigt, dass er geliebt werden wollte - um beinahe jeden Preis, von einem möglichst großen Publikum. Er hat dank dieser stolz zur Schau getragenen Liebesbedürftigkeit eine Menge kühner und manchmal auch blöder Faxen gemacht.

Aber bei allem Schwejk'schen Charme, bei aller noblen Bildung konnte der Mann, den sie bei seinen vielen Fernsehauftritten so gern mit seinem akademischen Titel "Professor" nannten, ein giftiger, manchmal grobianischer Polemiker sein. Im Beschimpfen von angeblich schlechten Dichtern, im Bekämpfen seiner tatsächlichen oder echten Kollegenfeinde lief Hellmuth Karasek oft zu großer Form auf.

Der Mann, der den Großschriftsteller Günter Grass einen "maßlosen Wichtigtuer" nannte, war ein Meister darin, freundlich mit den Augen zu zwinkern, hatte dabei aber sehr oft eine Weisheit seines Freundes Billy Wilder im Sinn: "Manche Leute drücken nur deshalb ein Auge zu, damit sie besser zielen können."

In Wahrheit hat Hellmuth Karasek den Beruf des Kritikers natürlich doch mit der allergrößten Begeisterung verrichtet. Er fing 1960 als Redakteur bei der "Stuttgarter Zeitung" an, wurde dort Feuilletonchef und machte einen Ausflug als Dramaturg ans Stuttgarter Staatstheater, er arbeitete zwischen 1968 und 1974 als Feuilletonredakteur bei der "Zeit" und wurde dann ein SPIEGEL-Kulturchef, der bis 1991 regierte und sein Magazin mit tollem Geltungsstolz auch nach außen repräsentierte.

Fernsehen als Himmelsgeschenk

Anders als sehr viele andere schreibende Journalisten hatte Karasek einen großen Spaß daran, in Rundfunksendungen und im Fernsehen aufzutreten - und als er schließlich 1988 dazu berufen wurde, neben Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki als Kritiker im "Literarischen Quartett" über die neuesten Bücher zu sprechen, begriff er das als Himmelsgeschenk.

Hellmut Karasek bei SPIEGEL TV (1994):

SPIEGEL TV
"Ist es nicht toll, wie viele SPIEGEL-Kollegen jetzt wieder neidisch auf mich sind?" Und: "Hab ich wieder sehr geschwitzt?", fragte er nicht bloß einmal, wenn er aus dem Fernsehstudio in die Redaktion zurückkam und seinen Feuilletonfrauen und Feuilletonmännern zur Hebung der Laune Champagner und Weißwein spendierte.

In der Fernsehdiskussion wie in seinen Texten war Karasek selten ein kühler Analytiker, aber stets entschlossen zu klaren Urteilen. Eine gute Kritik müsse sich entscheiden, "entweder hopp oder top", dozierte er, als er mich 1989 als Redakteur zum SPIEGEL holte. Das war seine einzige Lektion. Er selbst hielt sich oft, aber nicht immer an sie, was auch mit seiner erzählerischen Begabung zu tun hatte.

Hellmuth Karasek, der 1958 in Tübingen eine Dissertation über "Das sogenannte schmückende Beiwort" geschrieben hatte, war ein begnadeter Ausschmücker und Schwadroneur. Während und nach seiner Zeit beim SPIEGEL, als er für den Berliner "Tagesspiegel" und die "Welt" und andere Zeitungen arbeitete, hat er sagenhaft viele Bücher geschrieben.

Ein pralles, lustiges Leben

Eines der besten hieß "Auf der Flucht" und erzählte von seiner Jugend. Karasek, in Brünn geboren, marschierte als Knabe bei der Hitlerjugend mit und besuchte eine Weile eine jener Eliteschulen der Nazis, die sich Nationalpolitische Erziehungsanstalt, kurz Napola, nannten. 1944 floh die Familie vor der anrückenden Roten Armee von Mähren nach Bernburg an der Saale. Dort, in der bald gegründeten DDR, machte er 1952 sein Abitur, angeblich als Bester der Schule - und brach dann in den Westen auf.

Das garantiert umstrittenste Buch, das er je veröffentlichte, war 1998 sein Debütroman "Das Magazin". Der handelte angeblich von den Intrigen im Innern einer Hamburger Magazinredaktion, vor allem aber davon, dass die Nacherzählung des täglichen Machtkampfs und Hormonauswurfs unter Journalisten schon immer nur sehr beschränkt als literarischer Unterhaltungsstoff getaugt hat.

"Das Magazin" brachte dem Autor schrecklich viele Verrisse ein, unter denen er noch viele Jahre lang erstaunlich gelitten hat.

Wirklich gefreut hat sich Karasek nur über eine einzige Besprechung seines Riesenromans. Sie stammte von Dirk Schümer und erschien in der "Frankfurter Allgemeinen". Karaseks Geschichten, schrieb Schümer, wirkten "wie das Dokument einer tieftraurigen Weisheit". Und fügte hinzu: "Gelebt freilich hat der Autor nicht danach."

Vielleicht war es ganz gut, dass Hellmuth Karasek kein trauriges, weises Journalistenleben gelebt hat, sondern ein beschwingtes, lustiges, in dem es für ihn und über ihn oft eine Menge zu lachen gab.

Karasek im Werbespot: "Womit soll man auch sonst blinzeln?"

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Aus dem SPIEGEL-TV-Archiv: Hellmuth Karasek im Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki

SPIEGEL TV (1996)

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