Hellmuth Karasek als Kritiker "Gouvernantenhaft". "Furienhaft". "Stutenbissig".

Gemeinsam mit Marcel-Reich Ranicki prägte er die Literaturkritik in Deutschland. Nun ist Hellmuth Karasek gestorben. Eine Rückschau auf seine engagiertesten Kommentare über Literatur, die Welt - und Kollegen.

Literaturkritiker Karasek (2013 in Frankfurt): "Natürlich wird man ein wenig wehmütig"
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Literaturkritiker Karasek (2013 in Frankfurt): "Natürlich wird man ein wenig wehmütig"


Als im Dezember 2001 die letzte reguläre Folge des "Literarischen Quartett" ausgestrahlt wurde, galt es längst als erfolgreichste Literatursendung der deutschen Fernsehgeschichte - auf jeden Fall war es die einflussreichste. Zwei Jahre nach dem Tod Marcel Reich-Ranickis ist mit Hellmuth Karasek nun auch der zweite prägende Kritiker der Reihe gestorben. In zahlreichen Wortgefechten und Lobeshymnen hatte er mit seinen Kollegen über Literatur gestritten. Eine Auswahl seiner klügsten, streitbarsten und amüsantesten Sätze:

"Immer wenn es um erotische Bücher ging, hat Frau Löffler leicht gouvernantenhaft reagiert, bei Autorinnen sogar stutenbissig. (...) Sie verachtet eben alles, was nicht schwer ist und Spaß macht. Für sie muss Kunst Nachsitzübung sein." (im Juli 2000 über die später im Streit aus der Sendung geschiedene Sigrid Löffler)

"Er hat, glaube ich, gemocht, dass ich damals ziemlich skrupellos bereit war, vor der Kamera zu sprechen." (im Januar 2014 über Marcel Reich-Ranickis Gründe, ihn zum "Literarischen Quartett" zu holen)

"Es ist eine Zeit, die wir in Deutschland kollektiv am gründlichsten verdrängt haben, natürlich weil wir das als Verursacher und Verursacher der Verursacher am bittersten nötig hatten." (1994 im SPIEGEL über die Verfolgung von Juden in der NS-Ära)

"Ulla Hahn hat etwas zu erzählen, aber sie kann es leider nicht erzählen." (im Oktober 2001 über Ulla Hahns Roman "Das verborgene Wort")

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Hellmuth Karasek: Ein Leben für die Literatur
"Sie wollte (...) einen Eklat produzieren, um zu zeigen, wie schlecht man sie beim ZDF behandelt. Leider ist in den Tagen danach ein Amoklauf daraus geworden. Was sie etwa über Thomas Gottschalk gesagt hat, war höchst furienhaft." (2008 im SPIEGEL über Elke Heidenreichs Kritik am ZDF)

"Natürlich wird man ein wenig wehmütig, den Niedergang der SPD, einer Volkspartei mit so stolzer Tradition, zu erleben. Aber wer weiß, vielleicht sind auch die Tage der CDU als Volkspartei gezählt? Vielleicht brauchen wir überhaupt keine." (über den Wahlsieg von Union und FDP bei der Bundestagswahl 2009)

"Witze sind Niedermacher. Es gibt die hohe Literatur, und daneben gibt es den Witz - zum Beispiel die Parodie: (...) Wer bröselt durch die Nacht und hat Durst? Es ist das Brötchen mit seiner Wurst. Das ist natürlich eine Parodie auf den 'Erlkönig'." (2012 im Gespräch mit dem Kabarettisten Eckart von Hirschhausen)

"Ich habe mit Marcel Reich-Ranicki einen der für mich wichtigsten Menschen der Welt verloren. Er hat mich an den Rand seiner Bedeutung und seines Ruhms geführt. Noch heute werde ich bei Lesungen darauf angesprochen, warum es nicht mehr "Das literarische Quartett" gebe." (nach dem Tode Marcel Reich-Ranickis im September 2013)


Aus dem SPIEGEL-TV-Archiv: Hellmuth Karasek im Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki

SPIEGEL TV (1996)

mxw



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