Helmut Krausser Suggestive Schattenspiele im Ultrachronos

In seinem neuen Roman "UC" treibt Helmut Krausser das Spiel mit der Wahrnehmung auf die Spitze. Der Schriftsteller und Dramatiker löst Zeit und Raum textlich auf und hetzt seinen Protagonisten durch einen Alptraum, in dem Realität und Fiktion verschwimmen und die Erinnerung zu einer relativen Größe wird.

Von Irene Binal


Krausser-Roman "UC": Spiel mit suggestiven Techniken

Krausser-Roman "UC": Spiel mit suggestiven Techniken

Kurz vor dem Tod, so sagt man, läuft noch einmal das ganze Leben im Zeitraffer vor dem geistigen Auge ab. Diese ganz eigene Wahrnehmungswelt, Ultrachronos, kurz UC, genannt, steht im Mittelpunkt des neuen Romans von Helmut Krausser: Der Dirigent Arndt Hermannstein hat nur noch wenige Augenblicke zu leben - und in diesen wenigen Augenblicken lässt er sein Dasein Revue passieren. Noch wenige Monate zuvor war Hermannstein ein berühmter und geachteter Künstler, dessen Karriere gefestigt schien und der sich vom Geld seiner Frau einen luxuriösen Lebenswandel gestatten konnte.

Ein einziger Anruf erschüttert dieses scheinbar so geordnete Leben in seinen Grundfesten: Ein alter Schulfreund teilt Hermannstein mit, dass man die Gebeine der gemeinsamen Klassenkameradin Marita in einem Wäldchen gefunden habe. Das Gespräch wirft für Hermannstein einige Fragen auf: "Warum rief er mich an? Rief er jeden aus der alten Klasse an, dessen Nummer er auftreiben konnte? War Maritas Tod von so allgemeinem Interesse? Warum redete er von Maritas Gebeinen, nicht von ihrer Leiche? Und die Todesursache?" Beim Versuch, sich an Marita zu erinnern, tauchen weitere Unklarheiten auf. Hat Hermannstein sie tatsächlich noch beim letzten Klassentreffen gesehen? Warum kann sich keiner der anderen Schulfreunde an Maritas Erscheinen erinnern? War sie zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon tot? Aber was hat Hermannstein eigentlich mit ihren Tod zu tun?

"Opus Summum"

Auf der Suche nach seiner Vergangenheit stößt Hermannstein auf immer neue Ungereimtheiten. Ein ungewöhnlich harmonisches Treffen mit seiner Frau Laura in Las Palmas scheint nie stattgefunden zu haben. Ungeklärt ist auch der Verbleib von Hermannsteins Geliebter Claudia, mit der er einige Monate in Berlin verbrachte und die danach offenbar spurlos verschwunden ist. Und dann taucht auch noch der Schriftsteller Sam Kurthes auf, der mehr über den Dirigenten zu wissen scheint, als dieser selbst und sich intensiv mit dem Ultrachronos beschäftigt: "Es gibt zwei Höllen der Zeit: den Hyperchronos, einen Abgrund, der sich ins Leben zurückwölbt, ihm nähern wir uns manchmal im Traum, und es gibt den Ultrachronos, der sich irgendwann wie eine Blase vom Rest der Zeit abnabelt und in höhere Dimensionen hineinplatzt. Eine Art Arche der Bilder, auch solcher der Phantasie und der Sehnsüchte."

Als "Opus Summum" bezeichnet der in München lebende Krausser, 38, sein Buch, das, so meint er, "alle Themen und literarischen Strategien der vorangegangenen Bücher bündelt": "Dissoziierte Protagonisten, extreme Charaktere, abnorme Zeitwahrnehmung und Zeitverläufe, der Zusammenhang von Fakten und ihrer Mythisierung, Metamorphosen in höhere Seinszustände, virtuelle Persönlichkeiten, die Lügengebäude, die durch Schuld entstehen, daraus entstehende Binnen- und Parallelwelten, die Verfälschung der eigenen Vita durch ungeahnte Fremdeinwirkung, das Spiel mit suggestiven Techniken, mit dem Pathos und dessen ironischer Unterwanderung."

Hans Christian Andersens Schatten

Krausser, der einem größeren Publikum vor sieben Jahren mit seinem Epos "Thanatos. Das Schwarze Buch" bekannt wurde und seitdem vor allem als Theater-Autor wirkt ("Haltestelle: Geister"), beherrscht diese literarische Klaviatur und reizt sie in "Ultrachronos" bis zum Äußersten aus, legt falsche Fährten, verwirrt und verlockt, führt den Alltag ad absurdum und spielt mit der Psyche seines bedauernswerten Protagonisten ebenso wie mit der des Lesers. Das Märchen "Der Schatten" von Hans Christian Andersen dient ihm dabei als weitere Erzählebene; die Geschichte eines gelehrten Mannes, dessen unbedacht frei gelassener Schatten ihn zu seinem Sklaven macht und schließlich umbringen lässt, spiegelt das Drama Hermannsteins wider. Sein "Schatten" ist Sam Kurthes, der im Verlauf der Erzählung mehr und mehr Macht über den unglücklichen Dirigenten gewinnt und die Grenzen zwischen Fiktion und Realität endgültig verschwimmen lässt: Womöglich ist Hermannstein nichts anderes als ein Produkt von Kurthes' Phantasie, mit dem dieser nach Belieben seine Spiele treibt.

Einen Ausweg gibt es für den Dirigenten nicht mehr - alles, woran er sich zu klammern versuchte, erweist sich als pure Doppelbödigkeit. Seine Freundin Anne, von der er Hilfe erhofft, lässt sich auf eine merkwürdige Dreiecksbeziehung mit Kurthes und dessen Geliebter Julia ein, die wiederum einst eine Affäre mit Hermannstein hatte, vielleicht aber auch eine ganz andere Julia ist. Arndt wird selbst zum Schatten in einer Welt, die sich an ihm vorbeibewegt, für ihn bleibt nur mehr der Tod als letzter denkmöglicher Ausweg: "Ich schwimme im Pool, im Traum, im Vorhof des UC. Schillernde Netze, die die Sonne auf den blaugekachelten Grund des Bassins auswirft. Tanzende Lichtseile, glitzernde Schlangen. An der Wasseroberfläche hingegen: Sonnenölfilme, fette Schlieren, treibende Kastanienblätter, der Schatten von Libellen. Und ich bin hier. Werde immer hier sein. Nicht auffindbar."

Universum in Buchform

"Ultrachronos" ist für Helmut Krausser nicht zu Unrecht sein "ambitioniertestes Projekt": "Ich empfinde es wie ein Universum in Buchform. Klingt vermessen, ist vermessen gemeint." Eine Vermessenheit, die Krausser sich wohl leisten kann: Mit "UC" hat er die Grenzen von Sein und Dasein ebenso gesprengt, wie jene der Dimensionalitäten, hat fortgesetzt, was er mit "Thanatos" begonnen hatte. Fast beruhigend ist es, sich am Ende des Buches wieder im normalen Alltag wieder zu finden - einem Alltag allerdings, der, wie wir nach der Lektüre wissen, schnell zum alptraumhaften Strudel sich überlappender Realitäten werden kann. "Es gibt einige vorstellbare Szenarien, die zum Verlust jedweden humanistischen Korsetts führen könnten", sagt Helmut Krausser. Und nicht nur er kann nur hoffen, vor ihnen bewahrt zu bleiben.

Helmut Krausser: "UC". Rowohlt Verlag, Reinbek 2003. 320 Seiten, 22,90 Euro



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