Helmut Kraussers Schmerznovelle Vorsicht vor erotisierten Psychoanalytikern!

Psychoanalytiker, deren Realitätssinn durch erotische Abenteuer attackiert wird, sind immer wieder eine Geschichte wert. Helmut Krausser hat eine besonders gelungene vorgelegt.

Von Simone Kaempf


Der Psychoanalytiker hat seit langem einen festen Platz in der Weltliteratur. Vor 75 Jahren war er in Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" zu finden, wo seine Ehe durch eine Urlaubsbekanntschaft seiner Frau durcheinander gerät. Vor zwei Jahren spielte ihn Tom Cruise in Stanley Kubricks letzten Film "Eyes Wide Shut", wo ein nicht ausgelebter Betrug den scheinbar glücklichen Arzt in turbulente erotische Abenteuer stürzt.

Es ist das alte Spiel mit den Gefährdungen durch das Unterbewusste, das Helmut Krausser in seinem neuen Buch "Schmerznovelle" vorführt. Wie Schnitzler nutzt er dafür die Form der Novelle, die sich schon immer für die Erzählung des Unerhörten in die gewöhnliche Wirklichkeit eignete. Doch bei Schnitzler geht das dämonische Begehren glimpflich aus. Es mündet in einen Befreiungsschlag, weil mit dem neuen Wissen um die Versuchungen das bisherige Leben gelassener weiter geführt werden kann. Anders bei Krausser: Nach der Begegnung des Arztes mit Johanna, von der er mit Leidenschaft gepackt ist, nimmt die Beziehung einen tödlichen Verlauf. Krausser lässt schon mit dem ersten Satz eine latente Bedrohung aufziehen: "Man begann sehr bald nach meiner Ankunft, mich auf das Ehepaar Palm hinzuweisen".

Der Erzähler ist für einige Tage auf den Landsitz seines Doktorvaters gefahren, mit dem ihn auch Freundschaft verbindet. Als Psychiater ist er es gewohnt, sich mit klinischer Distanz seinen Fällen zu nähern. Doch bei Johanna Palm verliert er schon bald die Position des Beobachters. "In letzter Zeit bin ich sehr empfindlich für die Erotik vierzigjähriger Frauen", konstatiert er noch, als er aus dem Spiel mit ihr schon nicht mehr heraus kommt.

Sie entzieht sich mit wachsender Unberechenbarkeit, ihm wird ihr Anblick immer wichtiger. Die Lust, mit der er sie wahrnimmt, durchtränkt sich mit Schmerz. Der Erzähler fühlt sie tief in seinem Inneren, wo die aufbrechenden Fragen "Wer bist Du? Und warum bist Du so?" an seiner Identität nagen. Die Liebessehnsucht wendet sich in lustvolle Grausamkeit und führt schließlich dazu, dass er Johanna ermorden wird - oder besser ihren Verstorbenen, in dessen Rolle sie in Anfällen von Persönlichkeitsspaltung immer wieder fällt. Erst nach dem Tod kann der Erzähler sich wieder in der Wirklichkeit einfinden.

Krausser bereitet sehr kunstfertig auf die unerhörten Begebenheiten vor. Geschickt lässt er den Erzähler die Vorgeschichte der Familie Palm psychologisieren, die auch zu seiner eigenen Motiv- und Spurensuche wird. Die erotischen Beschreibungen dienen nur der weiteren Psychologisierung der Geschichte, sie wurden Krausser schon immer durch die Heiligkeit des Erzählens geadelt. Als "promiskuoses Erzähltemperament" wurde er deswegen auch schon mal bezeichnet.

Der 36-Jährige lebt in München, doch sein Erzählton ist nach sechs Romanen, etlichen Filmdrehbüchern und Theaterstücken immer noch auf eine andere Herkunftswelt eingestimmt: Im Alter von zwanzig Jahren lebte er eine Zeit lang auf der Straße, und auch heute noch meint man bei ihm einen auf Distanz zur modernen Wohn-, Kleidungs- und Konsumverhalten geschulten Blick zu erspüren. Das Schreiben "mitten aus dem Leben" löste er wenige Jahre später zu Gunsten einer langwierigen Recherche in der Musikgeschichte der Renaissance auf, aus der das 860-Seiten-Opus "Melodien" entstand. "Schmerznovelle" ist nur 144 Seiten dünn. Aber Kraussers Stimme ist beharrlich. Immer scheint sie sich Zeit gelassen zu haben. Um so sicherer trifft sie jetzt ihren Ton.

Helmut Krausser: "Schmerznovelle" (Rowohlt Verlag, Reinbek 2001); 144 Seiten; 29,90 Mark



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