Hauptstadtroman "Gehwegschäden": Ganz Berlin ein Schlagloch

Von Hans-Jost Weyandt

Vom Swinger Club ins Wettbüro, dann in die Absturzkneipe: In "Gehwegschäden" jagt Helmut Kuhn durch den prekarisierten Teil der Hauptstadt. Sein Roman verneigt sich vor "Berlin Alexanderplatz" und liest sich ebenso witzig wie rasant.

Straßenschäden als Eingeständnis der Kapitulation: "So ist das" Zur Großansicht
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Straßenschäden als Eingeständnis der Kapitulation: "So ist das"

Ein Roman über die Verteilungskämpfe der Gegenwart, über den rauen Wind, der durchs Land fegt und sich in seinem Zentrum bricht - aus der Perspektive jener, die von diffusen Abstiegsängsten nur deshalb nicht geplagt werden, weil sie längst wissen, wie Armut riecht und schmeckt: Helmut Kuhns wirklichkeitshungriges 400-Seiten-Panorama reibt sich an aktuellen Reizwörtern wie "Wut" und "Empörung", und es findet Resonanz im solidarischen "Wir" der Ich-AG-Prekären, die sich unter existentiellem Druck im Netz zusammenschließen.

Dabei ist es um den Gemeinsinn sonst schlecht bestellt. Mit dieser Diagnose eröffnet Helmut Kuhn seinen Roman. Abgeleitet hat er sie aus dem Titel. In "jeder normalen Berliner Straße" werde auf Schildern vor "Gehwegschäden" gewarnt, und die massenhafte Warnung sei ein Eingeständnis der Kapitulation: "Das Wort bedeutet: Wir haben resigniert." Die Schlussfolgerung ist mindestens so kühn, wie die exotische, in Berlin tatsächlich gepflegte, Faust- und Denksport-Kombination Schachboxen zum Sinnbild des Überlebenskampfs in einer prekären Gesellschaft zu stilisieren. Das versucht Kuhn nämlich auf den folgenden Seiten mit allerlei journalistischen Tricks, doch mehr als eine detailverliebte Werbung für den ausgefallenen Sport will ihm nicht gelingen.

Nach diesem verstolperten, um Originalität bemühten Einstieg kann der Roman endlich beginnen, der umso rasanter Fahrt aufnimmt, je unbekümmerter er das Rohmaterial verwendet, das ihm seine Hauptfigur liefert: die Stadt Berlin, gesehen aus der Kiezperspektive. Wohl weil sie ihm so facettenreich und zugleich schon so häufig porträtiert vorkommt, dass jede Eigenart zum Klischee glattgelutscht scheint, lässt Kuhn den ruhelosen Reporter Thomas Frantz von der Leine und ihn auf seinen Streifzügen entlang den Abgründen großstädtischen Lebens sorglos und immer neugierig Beobachtungen sammeln, die sich vielleicht ähnlich oder besser bei Jörg Fauser und Sven Regener finden, bei Bernd Cailloux oder Jan Peter Bremer, die zuweilen an Hesses "Steppenwolf" erinnern und allesamt Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" verpflichtet sind.

Roman als Großbaustelle

Einzelne Sätze aus diesem epochalen Metropolenroman hat Kuhn wie Intarsien kursiv in seinen Erzählfluss eingefügt. Das gelingt schon deshalb gut, weil Kuhn die Methode seines Meisters anwendet, Werbeslogans und umgangssprachliche Phrasen, Dialekte und Produktbezeichnungen als Bausteine in den Text zu integrieren. "Geiz ist geil" trifft auf das Deutsch afrikanischer Einwanderer und steht neben Markennamen wie Samsung. Der Kreuzberger Quotenschwabe erklärt die Feinheiten des E-Commerce. Eine wunderbare Liebeserklärung an das Berlinern gelingt Kuhn, wenn er einen Bauhistoriker aus dem Osten der Stadt die Geschichte des Kaufhauses Jonaß erzählen lässt: von der Flucht der jüdischen Besitzer über die Nutzung durch die Nazis und später die SED bis zur Umwidmung zum Luxus-Club in der Nachwendezeit.

Das zum Zeitpunkt von Frantz' Besuch gerade entkernte Gebäude an der Torstraße spiegelt den Charakter des Romans. Laut und schmutzig, roh und zugig, provisorisch, chaotisch und kühn gleicht er selbst einer Großbaustelle, und seine Lektüre erinnert an eine widrige Begehung: Als balanciere man über wacklige Bohlen, stolpere ungesicherte Treppen hinauf, vorbei an klaffenden Flanken, windschiefen Attrappen, mürben Materialien aus zweiter Hand und tollkühnen Stützkonstruktionen, die sich auf den ersten Blick als haltlos erweisen, obwohl der forsch plaudernde Bauherr sie zu tragenden Elementen erklärt.

Während dieser windig seine Phrasen drischt, als gebe ihm jedes "So ist das" jene Trittsicherheit, die seinem Bau offenbar mangelt, und dabei immer weiter emporsteigt, fasst man seltsamerweise Vertrauen in die kruden Luftschlossbauerei und beginnt zu ahnen, dass auf unsicherem Grund vielleicht nur das Hinklotzen und Zusammenzimmern vorläufige Stabilität garantiert.

Hauen, Treten, Schimpfen

Unmengen an Material aus dem Kiez und der Geschichte hat Kuhn in Abschnitten verbaut, die sich wie Geschosse zu einer expressionistischen Architektur der Gefühle türmen. Jedes von ihnen ist mit einem Wort bezeichnet, die aneinandergereiht eine Frage ergeben: "Ist Hoffnung, Verzweiflung, Furcht, Überheblichkeit und Zorn gleich Wut?" Die Gleichung geht nicht völlig auf, und zum Gleichnis will das ungefüge Ganze des Romans nicht taugen, aber die Vitalität der Gefühle widerspricht der Eingangs- und Titeldiagnose von den "Gehwegschäden".

Es dürften sich kaum mitreißendere, witzigere Darstellungen sozialer Brüche und Zwänge finden lassen als in einigen Passagen dieses Romans. Sie kulminieren in einer Monumentalszene des massenhaften Hauens, Tretens, Schimpfens und Schubsens bei der Eröffnung eines Elektronikmarkts, der mit Sonderposten lockt.

Mehrmals stoppt Kuhn das Geschiebe wie einen Film, fokussiert ein Gesicht, gibt ihm einen Namen und eine Biografie, nur um es dann in der sich wieder bewegenden Menge verschwinden zu lassen. Dieser erzählerische Kniff, den Kuhn wohl Tykwers "Lola rennt" verdankt, bewahrt die Ansammlung vor der zynischen Stigmatisierung als geizgeile Meute. Ein Querschnitt deutscher Sozialisationen quetscht sich in die Verkaufshölle, und aus keiner Biografien lässt sich zwingend die Zwangslage ableiten, eigene Interessen einmal mit dem Ellenbogen verteidigen zu müssen.

Mit dem Käuferstrom lässt sich der Reporter Thomas Frantz zum Stapel mit den Laptops treiben; wie er sich überhaupt gern treiben lässt und so in Wettbüros, Swinger Clubs, Absturzkneipen gerät und in Kontakt mit prominenten Köpfen der digitalen Bohème wie einem Jascha von einer Zentralen Gehirnagentur, der mit freundlicher Eloquenz und fröhlich gelbem Irokesen erklärt, das Sammeln von Fakten und Verknüpfen von Wissen im Netz sei eine geradezu promethische Strategie, um Gesellschaft zu formen: "Social Sculpting".

Im flüchtigen Bild der Gesellschaft einen Halt zu finden: Das versucht, etwas bescheidener, Kuhn mit all seinen Mitteln in diesem groß angelegten Roman.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Stefan aus dem Siepens "Das Seil", Nedim Gürsels "Allahs Töchter", David Graebers "Schulden" , Abdellah Taïas "Der Tag des Königs", Katrin Seddigs "Eheroman", Chimamanda Ngozi Adichies "Heimsuchungen" und David van Reybroucks "Kongo".

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Schlagloch - das Symbol einer Ära
weltoffener_realist 11.06.2012
Zitat von sysopVom Swinger Club ins Wettbüro, dann in die Absturzkneipe: In "Gehwegschäden" jagt Helmut Kuhn durch den prekarisierten Teil der Hauptstadt. Sein Roman verneigt sich vor "Berlin Alexanderplatz" und liest sich ebenso witzig wie rasant. Helmut Kuhns Berlin-Roman "Gehwegschäden" bei FVA - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,835884,00.html)
Der Titel macht sich auch ganz hübsch als prägnantes Fazit der Regierungsära Wowereit. Welcher Stolz muss einen Regierenden Bürgermeister erfüllen, wenn einem zu den Schlagworten "Gehwegschäden" und "Schlagloch" spontan Berlin einfällt.
2.
Pfaffenwinkel 11.06.2012
Ein kluges, wortgewaltiges und interessantes Buch!
3. Gaehn,
dennis_mundo 11.06.2012
habe beim Ueberfliegen des Artikels die Worte Berlin, Kiez, unten, Schlagloecher und allerlei Begriffe gelesen, die mit Verfall und niedrigen Standards zu tun haben. Alles natuerlich irgendwie bewusst gewollt, weil ja Charme und so... Ich habe den Film "(irgendwas mit 'nem Herrn Lehmann)" gesehen, nachden der Roman im Spiegel so gepriesen wurde. Habe nur abgehaengte Typen in runtergekommen Kneipen in grauen Strassen zur Nacht in Erinnerung. Ach ja, und das es eine Komoedie sein sollte. Ich und mein australischer Kumpel hatten 90 ruhige Minuten in denen unsere Gesichtsmuskeln geschont wurden. Schade, dass wir keine Gurkenscheiben hatten. Na ja, Berlin, arm aber sexy, abgerissen, immer jemand der bruellt, ach was fuer ein Charme... Danke fuer den freien Platz im Buecherregal.
4. Noch schlimmer:
Layer_8 11.06.2012
Zitat von weltoffener_realistDer Titel macht sich auch ganz hübsch als prägnantes Fazit der Regierungsära Wowereit. Welcher Stolz muss einen Regierenden Bürgermeister erfüllen, wenn einem zu den Schlagworten "Gehwegschäden" und "Schlagloch" spontan Berlin einfällt.
Berliner Schlaglochgehwege mutieren in kalten Wintern zu holperigen Gletscherwegen, weil der Räumungsdienst nur für Autofahrer zuständig zu sein scheint. Und wegen der armen Bäume am Wegesrand ist Salzstreuen nicht erlaubt, sagen die wohl, um Finanzengpässe zu übertünchen. Also bleibt nur das Balancieren auf Eispanzern übrig. Immerhin habe ich hier schon manch Winter ohne Knochenbrüche überstanden wegen den Spikes unter meinen Schuhsohlen
5. Berlin tiefer legen
ArnoNuem 11.06.2012
Vielleicht sollte man Berlin einfach ein paar Meter tiefer legen. Bei der Sanierung der Staatsoper Unter den Linden wurde in 17 Meter Tiefe Pfäle der alten Stadtbefestigungsanlage gefunden. Und weil man es ja in Berlin gerne alt und rustikal mag (siehe Aufbau des ehemaligen Stadtschlosses), wird Berlin nach altem Vorbild neu gebaut. Das gibt zwar keine fußschonenden Gehwege (wegen grob gehauener Pflastersteine); dafür bekommt jede Berlinerin und jeder Berliner ein Pferd. Wäre doch ein prima Konjunkturprogramm - oder?
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