Henning Mankells "Vor dem Frost" Kriminale Familienbande

Erstmals schickt der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell die Tochter seines berühmten Kriminalkommissars Kurt Wallander auf Streife. Allzu viel frischer Wind weht in der erfolgreichen Kirimi-Reihe aber dennoch nicht. "Vor dem Frost" bietet alles, was der Leser von einem neuen Wallander-Roman erwartet.

Von Kerstin Schneider


Mankell-Roman "Vor dem Frost": Wiedersehen mit guten alten Bekannten

Mankell-Roman "Vor dem Frost": Wiedersehen mit guten alten Bekannten

Die Zeit vergeht. Jetzt ist sogar die kleine Linda erwachsen geworden. Neun Bände hat es gedauert, und oft mussten wir bangen, dass gar nichts aus dem Töchterchen des legendären Krimihelden Kurt Wallander werden würde. Mal wollte sie etwas mit Möbeln machen, mal Schauspielerin werden. Und dann kam auch noch der Selbstmordversuch nach der Scheidung der Eltern hinzu. In Henning Mankells neuem Kriminalroman "Vor dem Frost" tritt Linda nun in die Fußstapfen ihres Vaters. "Sie wollte wie er sein, zur Polizei gehen", heißt es auf Seite 27.

Da der schwedische Bestsellerautor uns in seinen letzten beiden Krimis mit der grandiosen Verschwörungsgeschichte einer internationalen Hackerbande ("Die Brandmauer") und einer neuen Nazibewegung in Schweden ("Die Rückkehr des Tanzlehrers") in Atem hielt, musste er jetzt einiges aufbieten. So wird Linda gleich zum Auftakt ihrer kriminalen Karriere mit einer christlich-fundamentalistischen Sekte konfrontiert, deren Spur sich mit brutalen Morden, brennenden Tieren und Anschlägen auf Kirchen durch das Buch zieht.

An allzu viel Neues müssen wir uns im ersten Linda-Fall jedoch zunächst nicht gewöhnen. Kommissar Kurt Wallander ermittelt weiter, Linda ist zunächst nur ein Helferlein, das ihrem Papa bei den Ermittlungen begleiten darf. Denn noch hat die angehende Polizistin Ferien - bis es dann im Herbst mit dem Streifendienst bei der Ordnungspolizei so richtig losgehen soll.

Zusammengerührt ist Mankells neuer Roman aus den gleichen Ingredienzien, die den Autor zu einem der meist gelesenen Krimiautoren der Welt machen: Ein grausames Ereignis in der Vergangenheit, moralische Lamentos über den Zustand der Welt, brutalste Morde und Ereignisse, detaillierte Einblicke in die Ermittlungsarbeit. Der Prolog führt in den Urwald von Guayana und erinnert an eine fürchterliche, wahre Geschichte: Der fanatische Sektenführer Jim Warren Jones inszenierte 1978 einen Massenselbstmord, dem fast tausend seiner Anhänger, darunter viele Kinder, zum Opfer fielen. Henning Mankell lässt eines der Sektenmitglieder, einen jungen Schweden, diesem jüngsten Gericht entkommen. Der Mann ist seelisch deformiert und wird sich rächen, so viel ist nach den ersten Seiten klar.

Der bei Mankell schon traditionelle Prolog erzeugt eine immense Spannung, die im ersten Teil der Haupthandlung leider nicht ganz aufrecht gehalten wird - trotz der Schwäne, die von einem der Verbrecher angezündet werden und trotz des brutalen Mordes an einer Rentnerin. Denn allzu lange hält sich der Autor damit auf, die Familiengeschichte der Wallanders aus Lindas Perspektive zu erzählen, Lindas Verhältnis zu ihrem Vater zu beschreiben und Kindheitserinnerungen aufzuzählen. Auch Lindas überstürzte Suche nach ihrer verschwundenen Freundin Anna klingt zunächst nach den Versuchen der "Drei ???", ein Verbrechen aufzudecken. Erst ab der Mitte des Buches, als der Autor die Motive des neuen Sektenführers darlegt, wird es wieder richtig spannend. Mankell legt Fährten und baut Hinweise in die Romanhandlung ein, die jedem Hobbykriminologen das Herz aufgehen lassen.

Bestseller-Autor Mankell: Spricht durch seine Figuren
DDP

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Der Schriftsteller erzählt - wenn nicht aus der Perspektive der Täter - fast ausschließlich aus Lindas Sicht. Wie so häufig benutzt er seine Romanfiguren als Vehikel, um seine Meinung zu Rechtsstaat, Demokratie und Moral auszudrücken. Linda unterscheidet sich daher wenig von ihrem Vater: Sie ist ähnlich aufbrausend und stur, lässt sich auf falsche Fährten locken und beißt sich an Nebensächlichkeiten fest. Allerdings verbreitet sie als fast 30-Jährige noch nicht jene Weltuntergangsstimmung, die vor allem die letzten Wallander-Romane des Autors kennzeichnete.

Wer Mankells Krimis liest, kauft auch immer gleich eine ganze Krimifamilie ein. Alle sind immer wieder dabei. Selbst Stefan Lindman, der krebskranke Kommissar aus dem 2002 erschienenen Kriminalroman "Die Rückkehr des Tanzlehrers" wird integriert. Linda darf sich sogar in ihn verlieben. Dazu kommen viele Verweise auf Familienmitglieder: Linda sucht das Haus ihres verstorbenen Großvaters, dem Auerhahn-Maler, auf. Sie besucht ihre Mutter Mona, die zur Alkoholikerin wurde, was der Autor im nächsten Band sicher noch zum Thema machen wird. Auch Baiba, die letzte große Liebe von Kurt Wallander wird erwähnt, der übrigens nach Ansicht seiner Tochter "endlich mal wieder was zum Vögeln braucht". Auch an alte Mordfälle erinnert der Autor. Vielleicht ist es gerade Mankells serielles Schreiben, das seine Leser so sehr lieben. Henning Mankell ist zu einem Markennamen geworden. Man freut sich, alte Bekannte wieder zu treffen. Man weiß, dass man in den Büchern ein Maximum an Spannung finden wird und eine klar strukturierte Geschichte.

Das neue Buch ist auch eine Antwort auf den 11. September. Es endet mit dem Terroranschlag auf das World Trade Center. Was der Autor mit diesem Plot sagen will, ist klar: Schaut her es gibt nicht nur islamische Fundamentalisten sondern auch christliche. Die Gefahr kommt von überall, lässt uns Schwarzseher Mankell glauben. Eine schwedische Zeitung formulierte es so: Je moralischer und düsterer der Bestsellerautor schreibe, desto mehr kauften ihn die Leser. Von Linda Wallander, der junge Polizistin, sind noch mehr Folgen zu erwarten. Zwei oder drei hat der Autor angekündigt, der bislang jedes Jahr mindestens ein Werk auf den Buchmarkt liefert. Die Mankell-Serie wird so schnell nicht abreißen.




Henning Mankell: "Vor dem Frost", Roman, Paul Zsolnay Verlag, 541 Seiten., 25,60 Euro. Veröffentlichung am 18 Juli 2003



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