Fortschritt und Staatsterror: Eine neue Dimension der Grausamkeit

Von Oskar Piegsa

"Die Schreie der Verwundeten": Fortschritt und Massentötung Fotos
Corbis

Wie nahe sind sich Fortschritt und Terrorherrschaft? In seinem Buch "Die Schreie der Verwundeten" zeigt Henning Ritter den kühlen Schreibtischtäter als Errungenschaft der Revolution. Und den Liberalismus als Versuch, die Allmacht des Staates einzudämmen.

Grausam waren Menschen schon immer, doch mit der Moderne erlangte ihre Grausamkeit eine neue Qualität. Diese Vermutung lässt der Schriftsteller Stendhal den Helden seines Romans "Rot und Schwarz" aussprechen: Im revolutionären Frankreich habe man die schlimmsten Grausamkeiten begangen - aber ohne Grausamkeit. Ohne Leidenschaft. Ohne Genuss. Der Revolutionär Robespierre etwa war kein tobender Tyrann. Er sprach leise, trat höflich und beherrscht auf, so berichten es Historiker. Dennoch war Robespierre als Anführer der revolutionären Terrorherrschaft verantwortlich für die Tötung von Tausenden Menschen in wenigen Monaten, bis er am 28. Juli 1794 selbst hingerichtet wurde. Robespierre war ein Schreibtischtäter, eine historisch neue Erscheinung.

"Grausamkeit ohne Grausamkeit": Dieser Gedanke steht am Anfang der Überlegungen, die Henning Ritter in seinem Buch "Die Schreie der Verwundeten" aufgeschrieben hat. In seinem Essay zeigt der langjährige Leiter des geisteswissenschaftlichen Ressorts der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zum einen, wie nahe sich Fortschritt und Grausamkeit im 19. Jahrhundert waren: In Frankreich endete der erste Anlauf der Demokratie im Terror, in Amerika gab es die Freiheit nicht ohne die Sklaverei. Und kaum hatte Charles Darwin seine Thesen zur natürlichen Auslese formuliert, leitete einer seiner Anhänger daraus die These ab, die "Auslöschung aller niederen und geistig unterentwickelten Völker", also aller Menschen außerhalb Europas, sei "unvermeidlich". Zum anderen schildert Ritter, wie sich einzelne Denker darum bemühten, die moderne Grausamkeit einzudämmen: Zunächst mit der Philosophie des Liberalismus, die individuelle Rechte gegen die Allmacht des Staates setzte und eine Wiederholung der Terrorherrschaft unmöglich machen sollte. Später auch mit der Organisation von Mitleid und Solidarität durch Vereine wie das Rote Kreuz, die praktische Hilfe leisteten, wo Menschen an den Folgen der Grausamkeit litten, etwa in Kriegen.

Im Zentrum der sechs Kapitel von Henning Ritters Essay steht jeweils eine Schlüsselfigur: der liberale Philosoph Benjamin Constant etwa oder der Amerikareisende Alexis de Tocqueville. Ausgehend von seinen sechs Protagonisten skizziert Ritter die Diskussionen ihrer Zeit, über Staatstheorie, Moralphilosophie und Evolution. Er schlägt dabei weite Bögen. Als Leser muss man sich Ritter anvertrauen, dessen Erzählung kaum vorhersehbar ist und manchmal vom Ursprungsthema wegzuführen scheint, bis er wieder die Ausgangsthese einer spezifisch modernen Form der Grausamkeit berührt. Man folgt dem Erzähler gern: Ritter ist nicht nur belesen, sondern weiß sein Wissen elegant zu organisieren. Wo man in anderen Ideengeschichten über immer neue Namen und Fachbegriffe stolpert, verführt Ritter durch eine bilderreiche Sprache, die frei ist von geisteswissenschaftlichem Jargon. Nicht zuletzt durch sein gekonntes Spiel mit der Erwartungshaltung des Lesers bekommt "Die Schreie der Verwundeten" trotz seines bedrückenden Themas eine überraschende Leichtigkeit.

Das unvermittelte Ende des Essays nach nicht einmal zweihundert Seiten hat dann einen ähnlichen Effekt wie das schrille Läuten der Schulglocke nach einer Unterrichtsstunde, die ruhig noch etwas länger hätten dauern dürfen. Abrupt entlässt Ritter seinen Leser ins 20. Jahrhundert: In jenes Jahrhundert, in dem alle bisherigen Erscheinungsformen der modernen, leidenschaftslosen und systematischen Grausamkeit noch einmal übertroffen werden.

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