"Der Traumkicker": Elf Kumpel müsst Ihr sein

Von Hans-Jost Weyandt

Fußballmärchen vom Ende der Welt: Hernán Rivera Leteliers "Der Traumkicker" erzählt von einem Ballkünstler, der ein Minenarbeiterdorf aus seiner Apathie reißt - und davon, dass große Dramen auch der kleinen, miesen Tricks bedürfen. Nummer sechs der elf besten Bücher zur Fußball-EM.

Maradona gegen England 1986: "Wie die Taube des Heiligen Geistes" Zur Großansicht
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Maradona gegen England 1986: "Wie die Taube des Heiligen Geistes"

Darum geht's: Kumpel und Kicker, Bergbau und Bolzplatz gehören seit je zusammen, von Schalke bis Donezk, und daran erinnern die Clubs von der Ruhr noch heute gern, wenn sie ihren Profikickern ein bisschen Ruß ins Gesicht schmieren lassen für den obligaten Fototermin unter Tage. Andernorts, und davon erzählt dieser wunderbare kleine Roman, muss die Tradition nicht in lustigen Inszenierungen gepflegt werden. Die Einheit von knochenhartem Leben und knochenhartem Kicken ist ungeschminkte Realität bei den Minenarbeitern von Coya Sur in der Acatamawüste, und es bedarf nur des Atems eines Erzählers wie Hernán Rivera Letelier, um den mythischen Kern der Überwindung des Elends im Spiel zum Glühen zu bringen. Die Salpetermine des Orts soll geschlossen werden. Ohnmächtig sehen die Arbeiter und ihre Familien dem Ende entgegen, bis eines Tages ein seltsamer Fremder sie aus der Apathie reißt. Expedito González kann alles am Ball und nichts im Leben, der Schalker Kreisel- und Kneipenheilige Ernst Kuzorra ist gegen ihn ein Wunder der Solidität. Aber wenn der Ort Coya Sur schon chancenlos ist gegenüber den Minenbossen, so könnte der Traumkicker zumindest der seit Menschengedenken erfolglosen Fußballmannschaft helfen, wenigstens einmal zu gewinnen.

Das lernt man: Dass die alten sentimentalen Weisen von den "elf Freunden" oder von der Solidarität vielleicht nur deshalb so hohl klingen, weil sie so häufig so scheppernd und dröhnend arrangiert worden sind. Letelier hat sie vom Humtata repräsentativer Pathosformeln befreit: ein tröstendes Märchen vom trostlosen Arsch der Welt.

Der Satz, der alles sagt: "Wie die Taube des Heiligen Geistes, sollte Bruder Zacarías Ángel später sagen, fuhr der Ball langsam, wie in Zeitlupe herab, als suchte er den Leib unseres Traumkickers, der ihm am anderen Ende des Spielfelds, zwei Meter vor dem gegnerischen Strafraum mit geradezu spiritueller Sanftheit ein Nest auf seiner Brust bot, 'katatonisch, wie dieser schwarze Koprolith den Ball mit der Brust annimmt!', ihn dann mit dem Knie auf seinen Kopf kickte, sich umdrehte und ihn unter dem bewundernden Raunen des Publikums auf das Tor zutrug, im Kreis seiner Mannschaftskameraden, die ihn mit Ellbogenchecks und Tritten vor jedem beschützten, der ihn umreißen wollte."

Das taugt's: Herzerwärmend wie "Brassed Off" (1996) oder ähnliche britischen Filme, die dem Niedergang der Arbeiterkultur mit Empathie und Witz begegnen; mitreißend wie Eduardo Galeanos Fußballklassiker "Der Ball ist rund" - und am Ende natürlich mindestens so magisch wie Maradonas Jahrhunderttor 1986 gegen England.

Und wer wird Europameister? Das Team, das sich im entscheidenden Moment daran erinnert, dass Fußball ein großes Drama sein kann. Und dass große Dramen neben dem Genie des Augenblicks der kleinen, miesen Tricks bedürfen, um wahr zu werden.

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1. Leteliers Buch ...
kunstdirektor 03.06.2012
... „Die Filmerzählerin" ist großartig. „Der Traumkicker" ist ein Schmarrn. Nicht empfehlenswert, weil im Fortlauf der Ereignisse immer langweiliger.
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