Herta Müller Nobelpreis für das Drama ihres Lebens

"Ich glaube es noch immer nicht": Die Berlinerin Herta Müller bekommt den Literaturnobelpreis 2009. Kaum einer in der Szene hatte die Ehrung für sie erwartet - doch die Jury überzeugte der prägnante Stil, mit dem die 56-Jährige Diktatur, Gewalt und Gräuel seziert. Eine Qualität, die auch Kanzlerin Merkel lobte.


Hamburg/Berlin - Die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller kann ihr Glück nicht fassen. "Ich glaube es noch immer nicht", sagte Müller am Donnerstagabend in Berlin. "Ich weiß es, aber ich glaube es noch immer nicht", fügte sie hinzu. Sie habe diese Ehrung nicht nur nicht erwartet, sondern sei sich sogar sicher gewesen, "es passiert nicht".

Die Entscheidung war wenige Stunden zuvor bekanntgegeben worden. Um 13 Uhr an diesem Donnerstagmittag hatte Peter Englund die weiße Flügeltür in der schwedischen Akademie geöffnet. Dann war der neue Sekretär der ehrwürdigen Institution an das Mikrofon getreten und hatte die Entscheidung der 15 Juroren verkündet. Auch in deutscher Sprache, denn der Literaturnobelpreis 2009 geht an: Herta Müller.

Die Berlinerin zeichne "mittels der Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit", sagte Englund. Später nannte er sie im schwedischen Hörfunk noch eine "große Künstlerin der Worte": Sie benutze eine phantastische Sprache, die sie unverwechselbar mache. "Man muss nur eine halbe Seite lesen, um zu wissen, dass es Herta Müller ist." Sie habe durch ihr eigenes Schicksal eine wirkliche Geschichte zu erzählen - "und dabei geht es nicht nur um das tägliche Leben in einer Diktatur, sondern auch darum, wie es ist, ein Außenseiter zu sein".

"Ich kann noch gar nicht darüber reden, es ist irgendwie noch zu früh", bat Müller nun in Berlin um Verständnis. "Ich glaube, ich brauche noch Zeit, um das einzuordnen", erklärte sie und verwies darauf, dass es eigentlich nicht sie sei, um die es gehe, "sondern es sind die Bücher".

Das mag so sein, dennoch ist das Schicksal der 56-Jährigen eine dramatische Geschichte - und untrennbar mit ihrem Werk verwoben. Müller lebt zwar seit langem in Berlin, doch ihre familiären Wurzeln hat sie im deutschsprachigen Banat in Rumänien. Was sie dort erlebt hat, hat sie in ihrem Roman "Atemschaukel" aus dem Sommer 2009 thematisiert. Es geht um die lange Zeit tabuisierte Deportation deutschstämmiger Rumänen am Ende des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach in die damalige Sowjetunion. Müllers Mutter war fünf Jahre im Arbeitslager. Der Roman basiert auf Gesprächen mit ehemals Deportierten und den autobiografischen Texten des 2006 gestorbenen Büchner-Preisträgers Oskar Pastior, an denen beide gemeinsam gearbeitet hatten.

Fotostrecke

8  Bilder
Literaturnobelpreis 2009: Herta Müller

Das Buch beginnt mit dem programmatischen Satz: "Alles, was ich habe, trage ich bei mir", und wurde von manchen Kritikern schon als "Meisterwerk" gepriesen. Mit dem Roman ist sie auch für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert, der in der kommenden Woche verliehen wird, und er dürfte ihre Außenseiterchancen auf den Nobelpreis deutlich erhöht haben.

"Ich kann es noch immer nicht glauben"

Einen so großen Erfolg ihres Buches habe sie nicht erwartet, sagte Müller noch einen Tag vor der Nobelpreisentscheidung in Berlin: "Alle Welt spricht von 20 Jahren Mauerfall und dann komme ich mit einer alten Deportationsgeschichte." Ihre Chancen sah sie skeptisch: "Das machen die dieses Jahr nicht. Was sollte ich schon sagen zum Nobelpreis?"

Die Entscheidung überrumpelte sie dann: "Ich bin überrascht und kann es noch immer nicht glauben", ließ sie über ihren Verlag mitteilen. "Mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen."

Nur Akademiesekretär Englund ließ im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa ein bisschen mehr über ihre Reaktion durchblicken. "Sie war sehr, sehr glücklich, völlig überwältigt und lachte so ein herrliches Lachen", sagte er über das Telefonat, in dem der Preisträgerin die Nachricht von der Ehrung überbracht wurde. Sie habe das alles nicht für real gehalten. "Ihr fehlten erst mal ganz einfach die Worte. Aber sie versprach, dass sie bei der Verleihung in Stockholm am 10. Dezember die Sprache wiedergefunden hat."

Die Entscheidung für Müller war nicht unbedingt zu erwarten. Philip Roth und Joyce Carol Oates aus den USA, Amos Oz aus Israel und der syrische Dichter Adonis wurden als Favoriten gehandelt. Englund selbst hatte in dieser Woche kritisch angemerkt, das Nobelpreiskomitee sei zu eurozentrisch - auch in Nord- und Südamerika gebe es würdige Kandidaten. Sein Vorgänger Horace Engdahl hatte im vergangenen Jahr den Autoren aus den USA vorgeworfen, sie dächten zu insular und seien ihrer Massenkultur zu sehr verhaftet.

Düstere Vergangenheit

Müller wollte eigentlich nie Schriftstellerin werden - doch seit Anfang der neunziger Jahre gehört sie zu den wichtigen Autoren im internationalen Literaturbetrieb, mit Büchern wie "Der Fuchs war damals schon ein Jäger", "Herztier" und "Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet". Ihr Lebenswerk ist von Erfahrungen mit der Diktatur und dem Gefühl der Fremdheit geprägt.

Müller wurde 1953 im lange Zeit deutschsprachigen Banat geboren. Für sie wurde Rumänien nie zum Heimatland. Weil sie eine Zusammenarbeit mit der Geheimpolizei Securitate ablehnte, war sie jahrelang arbeitslos. Sie protestierte trotzdem gegen verordnetes Denken und entmündigtes Sprechen in der totalitären Welt des Ceausescu-Regimes. Nach Eingriffen der Zensur in ihr erstes, nach Verhören und Wohnungsdurchsuchungen beantragte sie 1987 schließlich die Ausreise nach und siedelte in das damalige West-Berlin über - zusammen mit ihrem damaligen Mann, dem Schriftsteller Richard Wagner.

Ihre Bücher zeugen von schmerzhaften Erinnerungen an diese düstere Vergangenheit. In "Niederungen" (1984) beschrieb Müller das Landleben der deutschsprachigen Banater Schwaben als "Anti-Idylle", aus der Perspektive des Kindes. Müller sagt selbst, sie habe eine Biografie, mit der man "hierzulande nicht so richtig umgehen kann". Der frühere Chef der Stasi-Unterlagenbehörde Joachim Gauck sagte einmal, Müller habe dem Dunkel des Ostens viele Melodien abgelauscht - nicht zuletzt jene, "die uns schwer auf die Seele fallen, weil sie an das Geräusch der Ketten erinnern".

In den neunziger Jahren gehörte Müller zu jenen Schriftstellern, die gegen Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit zu Lesungen in Asylbewerberheimen aufbrachen. "Ich kann mich nicht wegschleichen und will mich nicht täuschen, sondern das ertragen, was ich sehe", sagte sie einmal - ein Satz, der den messerscharfen Stil ihrer Texte passt.

Müller erhielt schon zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Kleist-Preis, den Franz-Kafka-Preis sowie den Joseph-Breitbach-Preis, den mit 120.000 Euro höchstdotierten Literaturpreis für deutschsprachige Autoren.

Nobelpreisträger Grass lobt die Auszeichnung

Günter Grass, Literaturnobelpreis-Träger 1999, zeigte sich "sehr zufrieden" mit der jetzigen Ehrung für Müller. Sie sei eine sehr gute Romanautorin - auch wenn sein persönlicher Favorit in diesem Jahr der israelische Autor Amos Oz gewesen sei. Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, nannte Müller "eine der größten Stimmen, die wir haben. Kräftig und fein". Die "Atemschaukel" sei ihr "größtes Buch".

Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, bezeichnete es als "wunderbares Signal", dass 20 Jahre nach dem Mauerfall die Berliner Autorin Herta Müller mit dem Literatur-Nobelpreis geehrt wird. Mit Blick auf Müllers Herkunft aus Rumänien sagte Merkel, das "hervorragende" Werk der Literatin sei aus einer Lebenserfahrung gespeist, "die von Diktatur, Unterdrückung, von Ängsten, aber auch von unglaublichem Mut spricht". Die Kanzlerin fügte hinzu: "Wir freuen uns, dass sie eine Heimat in Deutschland gefunden hat, und ich gratuliere ihr von ganzem Herzen."

Bundespräsident Horst Köhler hob in einem Glückwunschschreiben hervor, Herta Müller habe, "gegen das Vergessen angeschrieben und so an den hohen Wert der Freiheit erinnert, die niemals selbstverständlich ist." An Müller gerichtet fuhr er fort: "Sie haben immer wieder detailliert und ergreifend geschildert, was ein Unrechtssystem in den Herzen und Seelen der Menschen anrichtet."

Köhler nannte es deshalb "eine besonders glückliche Fügung, dass Sie die höchste Auszeichnung, die ein Schriftsteller bekommen kann, gerade in diesem Jahr erhalten, in dem wir an das Ende der Diktaturen in Osteuropa erinnern."

Kulturstaatsminister Bernd Neumann lobte Müller als "eine Schriftstellerin von großer poetischer Kraft". Er selbst habe sie bei einer Lesung im Kanzleramt erlebt und sei "von ihrer Persönlichkeit und ihrer Literatur" tief beeindruckt gewesen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert merkte an, Müller verdiene "eine viel breitere Aufmerksamkeit, zu der dieser Preis sicher beiträgt".

Klaus Wowereit, regierender Bürgermeister von Berlin, beglückwünschte die Autorin "im Namen aller Berliner zu diesem einzigartigen Erfolg, der sicherlich auch sie selbst überrascht hat. Es macht uns alle stolz". Ioan Mascovescu, Bürgermeister von Müllers Geburtsort Nitzkydorf, zeigte sich glücklich und bot Müller die Ehrenbürgerschaft an. Der rumänische Philosoph und Kunsthistoriker Andrei Plesu sagte: "Für mich ist Herta Müller schon lange eine Nobelpreisträgerin."

Mit am meisten freute sich Müllers Mutter Catarina: "Ich bin stolz auf sie", sagte die 84-Jährige. "Sie wollte doch immer etwas erreichen." Es sei "wirklich schön für sie - aber als Mutter wäre ich auch froh, wenn sie mehr bei mir wäre", sagte Catarina Müller. "Ich wollte eigentlich, dass sie Lehrerin bleibt, was sie ja mal angefangen hat. Der Beruf der Schriftstellerin war mir eigentlich nicht so recht. Man schläft doch auch ständig in anderen Betten bei diesen vielen Veranstaltungen und Lesereisen."

Nicht äußern zur Ehrung wollte sich übrigens Marcel Reich-Ranicki: "Ich will nicht über die Herta Müller reden." Dass Philip Roth den Preis wieder nicht bekommen hat, kommentierte der Literaturkritiker trocken: "Ich habe es seit vielen Jahren erlebt, dass er jedes Jahr den Preis nicht bekommt. Und ich habe damit gerechnet, dass diesmal eine Frau ihn bekommen wird."

sha/dpa/ddp/AP/AFP

insgesamt 375 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Shiraz, 08.10.2009
1.
Zitat von sysopSensationelle Ehrung für eine Außenseiterin: Die Deutsche Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur. Das gab das schwedische Nobelpreiskomitee am Donnerstag in Stockholm bekannt. Eine gute Wahl?
Obwohl ich viel lese, kenne ich diese Dame noch rein gar nicht. Werde aber gleich ein Buch von ihr kaufen und mir ein Urteil bilden.
kurzundknapp, 08.10.2009
2.
Zitat von sysopSensationelle Ehrung für eine Außenseiterin: Die Deutsche Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur. Das gab das schwedische Nobelpreiskomitee am Donnerstag in Stockholm bekannt. Eine gute Wahl?
Phlip Roth hätte ichs auch gegönnt. Aber Herta Müller, d a s passt genau!! Noch einmal: Beste Glückwünsche!!
DorisP 08.10.2009
3. Marcel Reich-Ranicki is not amused ;-$
Zitat von sysopSensationelle Ehrung für eine Außenseiterin: Die Deutsche Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur. Das gab das schwedische Nobelpreiskomitee am Donnerstag in Stockholm bekannt. Eine gute Wahl?
Marcel Reich-Ranicki versteht die Welt nicht mehr ... Günter Grass aus Schesien war schon eine Zumutung für den polnischen Literaturkritiker ... aber jetzt noch Herta Müller aus Rumänien ... Was wird wohl Thomas Mann dazu sagen ?!
Baikal 08.10.2009
4.
Zitat von sysopSensationelle Ehrung für eine Außenseiterin: Die Deutsche Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur. Das gab das schwedische Nobelpreiskomitee am Donnerstag in Stockholm bekannt. Eine gute Wahl?
Was soll der Nobelpreis denn wohl wert sein wenn ihn weder Updike noch Roth bekommen haben - wohl aber Herta Müller?
Juliane Fuchs, 08.10.2009
5.
Zitat von sysopSensationelle Ehrung für eine Außenseiterin: Die Deutsche Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur. Das gab das schwedische Nobelpreiskomitee am Donnerstag in Stockholm bekannt. Eine gute Wahl?
Eine sehr gute. Herzliche Gratulation an die Autorin!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.