Hörbücher Viel zu gut für die Hölle

Stromberg ist der Sohn Satans, ein abgehalfterter Schallplattenhändler gibt böse Tipps zum Überleben: Dies sind starke Hörbücher zum Fest - von "Luzifer junior" bis "Vernon Subutex".

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Für ältere Kids und jüngere Teenies

"Hellzapoppin" hieß eine amerikanische Filmkomödie von 1941, in der sich Regisseur Henry C. Potter nach Herzenslust über die Unterhaltungsindustrie seines Landes lustig macht. Die Kinoversion eines Broadway-Musicals hatte zwar nur am Rande mit dem Teufel zu tun, wurde aber auch in der deutschen Version "In der Hölle ist der Teufel los" zu einem Dauerbrenner-Hit im Programmkinos und im TV.

Als hätte sich der Jugendbuchautor Jochen Till die turbulente Komik der Höllen-Komödie zum Vorbild genommen, so behände und federleicht jagt er seinen Protagonisten Luzi durch die Schwierigkeiten der irdischen Schul- und Internatsausbildung. Mit allen Mobbing-, Liebes- und Freundschaftsproblemen, die man im Zuge der Pubertät so meistern muss. Ach ja, Luzi ist der - nomen est omen - Sohn des wohlbekannten Satans Luzifer, seines Zeichens ein gefallener Engel.

Ein echtes Kind der Hölle ist Luzi, allerdings mit einem entscheidenden Makel: Er ist nicht böse genug für die Hölle. Sein Vater Luzifer verbannt ihn zu Studienzwecken auf die Erde, damit er das Böse einüben soll. Wir ahnen es, aus diesem Vorhaben wird nichts, Luzi ist nicht nur zu gut für die Hölle, auch fast zu gut für unsere Welt.

Dass dies beinahe zu einer Gesellschaftssatire im Kleinen geraten ist, liegt am verspielten Text von Jochen Höll und an der wandlungsfähigen Stimme von "Stromberg"-Mann Christoph Maria Herbst. Der poltert, quengelt, wütet und parliert sanft wie ein ganzes Ensemble, selbst der kleine Lieblingsdämon von Luzi gelingt ihm durch rein stimmliche Charakterisierung putzig und rührend. Kleine Übertreibungen seien Herbst verziehen, aber, zur Hölle, es passiert so viel, dass dem Sprecher schon mal die sprachgestischen Gäule durchgehen können.

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Jochen Till:
Luzifer junior - Teil 1: Zu gut für die Hölle

Lesung mit Christoph Maria Herbst

Der Audio Verlag; 2 CDs, 2h 29m; 8,99 Euro

Der zweite Teil der Luzi-Saga ist auch schon als Hörbuch erschienen, die dritte Folge liegt bereits als Buch vor. Für das Hörbuch gab es bereits den Preis der Schallplattenkritik 2017. Ältere Kids und jüngere Teenies dürfen mit Luzifer junior fröhlich durch alle Pforten der irdischen Hölle gehen. (Audio Verlag)


Für beinharte Literatur-Fans

Preise gibt es auch für Hörbücher, besonders, wenn sie so ambitioniert an die Sache herangehen wie Friederike Mayröckers "Requiem für Ernst Jandl" (speak low/Suhrkamp Verlag). Die Jury der Hörbuch-Bestenliste vom Hessischen Rundfunk kürte das Jandl-Requiem zum "Hörbuch des Jahres 2017" und bewies damit Mut, ein eigenwilliges, abseits vom Bestseller-Mainstream angesiedeltes Kunstprojekt zu ehren.

Wer sich an die Reihe "Lyrik & Jazz" (Peter Rühmkorf u.a.) erinnert, hat eine Idee von der vielschichtigen Melange aus Musik und Texten, die Mayröcker gemeinsam mit dem Komponisten Lesch Schmidt auf einer CD aufgenommen hat. Lesch Schmidt spielt als Pianist mit vier Kollegen (Violine/Querflöte/Bass/Schlagzeug) quirlige Musik zu den dichten Texten von Friederike Mayröcker, die die Autorin im Wechsel mit der Schauspielerin Dagmar Manzel spricht.

Die Hommage an den österreichischen Lyriker und Pionier der konkreten Poesie Ernst Jandl (1925-2000) geriet über Strecken hochliterarisch und fordert den Hörer - aber schließlich verdient das einer auch, der Lyrik populär bis zum Volkstümlichen machte. Die Zeilen "Viele meinen, lechts und rinks kann man nicht velwechsern / Werch ein Illtum!" kennt auch, wer nicht ständig in dritten Programmen zu Gast ist. Die Liebe, die Friederike Mayröcker in ihre Texte investierte, muss in gewissem Umfang auch der Hörer einbringen, sonst machen die lakonischen Tiraden auf ihren verehrten Kunstgefährten keinen Spaß.

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Friederike Mayröcker und Lesch Schmidt:
Requiem für Ernst Jandl

Verlag speak low; 1 CD, 1h; 18,90 Euro

Aber die unterschiedlichen Temperamente der beiden - Jandl der penible Sprach-Architekt, Mayröcker die frei flanierende Erzählerin - inspirierten sich gegenseitig so immens, dass Mayröckers Texte, besonders in der Interpretation Dagmar Manzels, auch Spaß machen können. Ein sehr intellektueller Spaß, aber immerhin.


Für Fans aktueller Literatur

Dass der französischen Autorin Virginie Despentes mit "Das Leben des Vernon Subutex" ein furios zupackender Roman über unsere Gegenwart und ein Rundumschlag zu fast allen zeitgenössischen Problemen und Herausforderungen für Großstadtmenschen gelungen ist, stellte Hannah Pilarczyk schon in ihrer Rezension des Buches fest.

Wie man mit diesem Rausch an Reflexion, Action, Essay, Meinung und stechender Sprache ein beinahe schon Theater-fähiges Monument zaubert, demonstriert die Lesung von Johann von Bülow. Nie übertrieben, aber stets voll akzentuierter, pointensicherer Kraft lässt er den Text in dramaturgischer Logik so cool explodieren, dass man nicht nur zuhören muss, sondern sich kaum wieder aus der Gedankenwelt des Vernon Subutex lösen kann. Der ehemalige Schallplattenhändler muss sich nach wirtschaftlicher Pleite notdürftig durchschlagen und liefert mit seinen Strategien und Kommentaren zum Leben bestes Material für gesellschaftskritische Tiraden aller Art. Und was Johann von Bülow daraus macht, kann jederzeit beeindrucken und wird dem brillant-unterkühltem Text stets gerecht. (Audio Verlag)

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Virginie Despentes:
Das Leben des Vernon Subutex

Ungekürzte Lesung mit Johann von Bülow

Der Audio Verlag; 1 MP3-CD, 10h 57m; 22 Euro

Für Kulturkenner und Feuilleton-Leser

Die meisten werden den ex-"FAZ"-Journalisten Florian Illies von seiner Studie "Generation Golf" von 2003 kennen, aber der wortwitzige Autor, Kunsthändler und Historiker ("1913") meldete sich seither zu vielfältigen Themen zu Wort. Sei es seine Börne-Preis-Rede ("Ein dringender Rat, Börne zu misstrauen"), die knapp-kundige Analyse der Werke Andy Warhols ("Wie man aus der Zukunft auf die Gegenwart als Vergangenheit blickt") oder seine Sicht auf Literaten wie Benn, Walser, Enzensberger und Co., stets schießt Illies treffsicher feuilletonistische Pfeile ab, die nicht verletzen, aber am gängigen Bild der Kultur-Granden durchaus ein wenig ritzen.

Das Ganze natürlich sozialverträglich, aber immer voller Würze. Besonders wenn ein Vier-CD-Kompendium wie "Gerade war der Himmel noch blau - Texte zur Kunst" (Audio Verlag) von einem in seiner Diktion sensibel analysierenden Schauspieler wie Ulrich Noethen gelesen wird, der so dezent wie möglich, aber so mitzeichnend/interpretierend wie nötig die Sache bewältigt. Ob man im Autobahn-Stau steht oder zu Hause im Ohrensessel kuschelt, stets bindet der coole Noethen-Ton die Spannung unaufdringlich aber effizient. Man muss mit den Urteilen von Florian Illies nicht immer übereinstimmen, aber blendend formuliert unterhält der Autor stets.

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Florian Illies:
Gerade war der Himmel noch blau

Texte zur Kunst: Lesung mit Ulrich Noethen

Der Audio Verlag; 4 CDs, 5h 21m; 19,99 Euro

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3daniel 18.12.2017
1. Es fehlt "Qualityland"
Eine herausragende Satire auf eine gar nicht ferne Zukunft von Marc Uwe Kling fantastisch geschrieben und vorgetragen. Selten ist mir das Lachen so im Halse steckengeblieben, insbesondere wenn man nach Sozialpunktekonto in China googlet.
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