Hörspielserie "Brüder" Wie Menschen zu Bestien werden

Idealismus, der in Gewalt kippt: Der Bestellerroman "Brüder" von Hilary Mantel erzählte von den Helden der Französischen Revolution - jetzt hat der WDR aus dem Buch eine monumentale Hörspielserie gemacht.

Französische Revolution in der Kunst
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Französische Revolution in der Kunst


Noch Mitte des 18. Jahrhunderts klingt Paris zunächst nach verschlafener Provinz: Da ist das Rattern von Kutschen, Kinderschreien. Entfernt man sich ein paar Meter von der Champs-Élysées, quieken Schweine, die auf offener Straße geschlachtet werden. Später aber tönen durch die Boulevards die Strophen der Marseillaise, Trommelwirbel. Irgendwann auch Schüsse. Der Sound lässt nachvollziehen, wie eine Stimmung "kippt und zum Gewaltereignis wird", sagt Regisseur Walter Adler. Und damit zu einer Bewegung, die als Französische Revolution in die Geschichte eingehen wird.

26 Folgen. 13 Stunden. 150 Schauspieler. Für seine neue Hörspielserie hat Adler den Roman "Brüder" der Bestsellerautorin Hilary Mantel in 600 Seiten Manuskript umgeschrieben. Wenn Adler von seiner Produktion spricht, dann vergleicht er sie mit Netflix-Serien wie "The Crown".

Das Gerüst bilden die Biografien der drei Revolutionäre Danton, Robespierre und Desmoulins, die Serie beginnt mit deren Geburt. Und endet mit deren Tod 1794, fünf Jahre vor Ende der Revolution. Die Erzählstränge (Erzähler: Michael Rotschopf) überlappen sich im Verlauf der Serie immer wieder. Mal an geschichtlichen Eckpunkten wie der Enthauptung Ludwig XVI. Mal durch zufällige Treffen auf den Straßen von Paris. "Das hier ist kein Geschichtsunterricht," sagt Adler, "sondern eine Geschichte über Menschen. Und Menschen verlieben sich, bekommen Kinder, gehen abends in die Kneipe."

Der Mensch Desmoulins (gesprochen von Matthias Bundschuh) ist in der Serie ein mittelloser und mäßig erfolgreicher Jurist mit Sprachfehler. Seinen Traum von Volkssouveränität bringt er nur unter Stottern und als kläglichen Wunsch der Rebellion gegen den eigenen Vater über die Lippen: "Ich w-w-w-ürde gerne bei einer gewaltsamen, b-b-blutigen Revolution mitmachen."

Entzweit bis zum Tod

Danton (Robert Dölle) isst viel, betrügt seine Frau. In Hilary Mantels Geschichte hintergeht er auch seine "Brüder", paktiert mit dem Herzog von Braunschweig. Selbst Robespierre (Jens Harzer) gilt zwar als der "Unbestechliche", der nur das Recht als Maßstab für sein Handeln gelten lässt. In der Hörspielversion aber leistet auch er sich Verfehlungen, heimliche Liebschaften. Alle drei teilen den Traum von "Liberté, égalité, fraternité". Doch der anfängliche Idealismus wird immer mehr zum Kampf, der die drei schließlich entzweit bis zum Tod.

Für Adler ist es nicht das erste Großprojekt dieser Art. Den Roman "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad schrieb er zu einem fünfteiligen Hörspiel um. Noch 2017 führte Adler Regie in einer vierteiligen Überarbeitung von William Faulkners Roman "Licht im August". Die Serie "Brüder" erreicht mit 26 Teilen eine neue Dimension.

"Die Bearbeitung hatte den besonderen Anspruch, drei private Geschichten zu erzählen", sagt Adler. "Synchron aber auch die Geschichte Frankreichs." Genau in dieser Differenz liegt auch der besondere Reiz der Serie. Sie handelt von Personen, die in die Geschichte eingehen, ohne es zu merken; nicht einmal Robespierre, der in der Serie meistens Max heißt, wie ein Kumpel von nebenan, geboren in Arras, einer Kleinstadt im Norden Frankreichs. Irgendwo im Département mit der Nummer 62. In Paris soll er eine einfache Tischlerwohnung bezogen haben. "Die Vorstellung, dass Geschichte von bedeutenden Männern gemacht wird, ist völlig widersinnig", wird er später sagen. Noch später wird er mehrere Tausend Menschen köpfen lassen.

Eine Kette von Ereignissen

Adler schafft komplexe Figuren, deren Taten umso mehr schrecken, weil sie im Zuhörer Sympathien wecken. "Privat war einer wie Robespierre kein Ungeheuer", sagt Adler. Auch die Revolution beginnt als idealistische Bewegung, die aber irgendwann eskaliert. "Dieses Kippen der Stimmung interessiert mich. Auch, weil wir aktuell auf der Welt oft ganz ähnliches beobachten können. Sei es in Venezuela. In den vergangenen Tagen aber auch in Chemnitz."

Die Serie zeigt, wie Psychologie der Massen funktioniert. Aber auch die einzelnen Figuren können gleichsam nur als Teil einer Masse funktionieren. So gilt Desmoulins eigentlich als Wegbereiter der Revolution: Mit einer leidenschaftlichen Rede soll er den Sturm auf die Bastille überhaupt erst in Gang gesetzt haben, in der Fassung von Walter Adler aber tritt er nicht als alleinige treibende Kraft auf.

Selbst seine Rede vom 14. Juli 1789 wirkt im Hörspiel mehr wie das zufällige Bindeglied einer Kette von Ereignissen: Es ist drei Uhr nachmittags. Desmoulins sitzt im Café de Foy, wenige Meter vom Palais Royal. Die Menge ist in Kampfesstimmung. Jemand drückt ihm eine Pistole in die Hand. "Ist die geladen?" Der anschließende Kampfschrei "Zu den Waffen!" reiht sich ein in ein Tongemisch von Gebrüll, Trommelschlagen, das Bersten von Hausfassaden.

Von seiner Mitschuld entbindet ihn das nicht. Als die ersten Revolutionsgegner hingerichtet werden, ist es zu spät, den Mechanismus noch zu stoppen. Und so gesteht Desmoulins: "Wir haben unseren Blick abgewendet, während Menschen zu Ungeheuern wurden."

Die Hörspielserie startet am Montag, 3. September, um 19:04 Uhr auf WDR 3. Einen Podcast zur Serie gibt es hier.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Newspeak 03.09.2018
1. ....
Wenn man schon so ein Werk verfasst, warum bleibt man dann nicht bei den historischen Tatsachen? Oder, wenn man Robespierre Affären andichten muss, warum nimmt man den Namen der historischen Figur dazu? So kann doch nichts wirklich Gutes dabei herauskommen.
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