Holocaust-Erinnerungen Wenn das Grauen das Leben bestimmt

Wie weit gehen die Verwüstungen des Holocaust für die Überlebenden? Lässt sich maßloser Schrecken in der Erinnerung bewahren? Irene Ebers ergreifendes Buch "Ich bin allein und bang. Ein jüdisches Mädchen in Polen 1939-1945" ist Rechenschaftsbericht und Spurensuche in einem.

Von Florian Welle


Ein zwölfjähriges Mädchen erkennt in der Flucht die einzige Überlebenschance. Ihre Mutter unterstützt sie, ihr Vater missbilligt die Entscheidung: "Geh nicht. Das waren seine letzten an mich gerichteten Worte." Als das Mädchen sich schließlich aufmacht, schaut er sie nicht an. Das Kind wird seinen Vater nie mehr wiedersehen.

Irene Eber gelang Ende 1942 mit Hilfe ihrer tapferen Mutter die Flucht aus dem Zwangsarbeitslager von Dêbica. Es existierte erst seit kurzem, wenige Tage zuvor war es noch ein Ghetto mit mehreren Tausend Juden gewesen. Dann begannen die Deportationen in die Vernichtungslager. Ihnen konnte die Familie in einem Versteck vorübergehend entkommen.

Als die Räumung des Ghettos abgeschlossen war, gelang es Irenes Onkel Reuben – er war Mitglied des Judenrates – ihrer Mutter eine Arbeit im Lager zu verschaffen. Alle anderen jedoch mussten jeden Tag fürchten, entdeckt und ermordet zu werden. In dieser Situation entwickelte Irene einen "verzweifelten Lebenswillen".

Einen Willen, der sie zur Flucht drängte. Diese führte sie zurück nach Mielec, ihren einstigen Wohnort. Dort wurde sie von einer polnischen Familie bis zur Befreiung durch die russische Armee in einem Hühnerstall versteckt, 22 Monate lang. Gefühle für ihre Mitmenschen ließ dieser verzweifelte Lebenswille allerdings nicht mehr zu: "In meinem Herzen hatte ich Vater und Schwester schon ihrem Schicksal überlassen und fühlte … weder Bedauern noch Schuld. Ich hatte mich entschieden."

Das Ende der Kindheit

Die Vernichtungsmaschinerie der Nazis hatte Irene Ebers Kindheit schlagartig ein Ende gesetzt. "Voll in Anspruch genommen von meinen täglichen Aufgaben", heißt es über die drei Monate im Ghetto Dêbica, "vergaß ich, dass ich noch ein Kind war und dass es einmal ein Leben, angefüllt mit Lernen, Büchern, Freundschaften und Spielen gegeben hatte".

Als sie im August 1942 in das Ghetto kam, hatte sie bereits die Deportation aus Mielec überlebt – der Heimatort ihrer Familie väterlicherseits wurde nach der Aktion vom 9. März 1942 (Foto) zur ersten "judenfreien Stadt" im so genannten Generalgouvernement Polen.

Und sie hatte die Deportation aus Radomyœl Wielki überlebt. Schlicht und lakonisch "Reisen" und "Noch mehr Reisen" lauten die ersten zwei Kapitel, in denen sich Eber an den Einbruch des Todes in die vertraute Welt erinnert.

Das Grauen bestimmt das Leben der Autorin bis heute. Immer wieder unterbricht sie den Erzählfluss, wendet den Blick von der Vergangenheit ab und der Gegenwart zu. Sie, die an der Hebrew University in Jerusalem Ostasiatische Studien gelehrt hatte, versucht noch immer, sich in der Welt zurechtzufinden. Vergebens: "Meine Welt besteht aus Ungewissheiten; ich kann keinen Teil davon als selbstverständlich hinnehmen. Wie ein Reisender im fremden Land bin ich desorientiert, und die Wahrzeichen sind mir nicht vertraut."

Ringen um die Erinnerung

Die lebenslang anhaltende Orientierungslosigkeit spiegelt sich in der nicht chronologischen Anordnung der Kapitel sowie den vielen Einschüben wider. In ihnen berichtet Eber auch von ihren Reisen nach Polen, zu den Orten der Kindheit, an die Orte der Vernichtung. Es sind schmerzliche Eindrücke, die sie dabei sammelt. Denn die Zeit verrichtet ihre Arbeit. Sie geht über die Orte des Leids hinweg, bringt sie tagtäglich ein Stückchen mehr zum Verschwinden.

Und mit ihnen schwindet die Erinnerung: "Zusammen mit den Häusern und Elendshütten wurde ohne Zweifel auch die Erinnerung ausgelöscht … Ich hatte geglaubt, wenn ich auf die Stelle zeigen würde, könnte ich sagen: Hier, hier haben wir gelitten, hier hat alles geendet. Den Platz zu benennen würde mir zu finden helfen, was ich verloren hatte, so glaubte ich. Es war nicht so."

Irene Ebers Buch ist deshalb auch ein gewichtiger Beitrag zu der Frage, wie wir uns erinnern, jeder einzelne von uns, aber auch die Gesellschaft. Und wie unsere Erinnerung mit dem Vergessen zusammenhängt. Bewusst konfrontiert Eber ihre "Version" der Geschehnisse mit den um Genauigkeit und Objektivität bemühten Arbeiten von Historikern. Nüchtern stützen diese sich auf Fakten, können aber nicht beschreiben, "was Tod und Todesangst bedeuten". Und sie tragen ihren Teil zum Vergessen bei. Sie "haben Dêbica und Radomyœl Wielki vergessen. Man kann von ihnen schließlich nicht erwarten, dass sie sich an jedes kleine Ghetto und jede kleinere Deportation erinnern, bei der nur ein paar tausend Juden (waren es achttausend oder sogar zehntausend?) ihrem Tod entgegengingen (...) Der Historiker muss sich mit sechs Millionen befassen (...)"

"Ich bin allein und bang" ist eine der wichtigsten Publikationen der jüngeren Holocaust-Literatur. Sie bewahrt ein Bruchstück jüdischen Lebens vor dem Vergessen. Sie stellt die Frage nach unserem kollektiven Gedächtnis. Und sie erzählt von der Unzulänglichkeit der Worte – die dunklen Monate im Hühnerstall entziehen sich für Eber jeglicher Beschreibung.

So ist Ebers Buch ein ergreifendes Dokument, es reflektiert jenes große Dilemma der Erfassung des Unfassbaren, wie es die Literaturwissenschaftlerin und Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger beschrieben hat: "Wir lesen nur teilweise, um Fakten zu erfahren, eher um zu klären, wie wir mit den Fakten umgehen wollen, wie wir sie in unseren geistigen Haushalt einordnen oder, falls das nicht geht, wie wir unser geistiges Mobiliar umstellen für etwas, was sich nicht nur als psychopathologische Ausnahme, sondern als immerwährende Möglichkeit erwiesen hat, nämlich den Massenmord."


Irene Eber: "Ich bin allein und bang. Ein jüdisches Mädchen in Polen 1939-1945", 287 Seiten. C.H. Beck Verlag, 19,90 Euro



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