Holocaust-Roman "Sag es mir" Felas langer Weg zu sich selbst

Die Geschichte ist ihre Gegenwart: Vanessa F. Fogel erzählt von Konzentrationslagern, Ehekatastrophen und Essstörungen - und davon, wie das alles zusammen hängt. Geschrieben hat sie ihren Debütroman für einen Überlebenden des Holocaust: ihren Großvater.

Autorin Vanessa F. Fogel: Angehörige der Dritten Generation
Meirav Basson

Autorin Vanessa F. Fogel: Angehörige der Dritten Generation

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Fela muss klopfen. Sie muss zuerst ihren Daumen 100 Mal gegen ihr Knie tippen, dann 100 Mal ihren Zeigefinger, und sie muss dabei zählen, bis 200, und wenn sie sich verzählt, muss sie von vorne anfangen. Damit sie selbst sicher ist, und damit sie sich sicher fühlt, dass die Menschen um sie herum sicher sind, ihre Familie und ihre Freunde. Damit ihnen nichts Schlimmes passiert.

Felas Klopfen ist eine Zwangsneurose, eine Angststörung, es ist Ausdruck der Kontrollsucht einer jungen Jüdin, der ihr Leben außer Kontrolle geraten ist, außer Kontrolle geraten musste vielleicht, es ist, wenn man so will, eine Spätfolge des Holocaust. Weil Fela in einer traumatisierten Familie aufgewachsen ist, weil ihr Vater und ihre Mutter Kinder von Holocaust-Überlebenden sind, weil sie mit Fela nach Israel ausgewandert sind, als sie sechs Jahre alt war, der Vater überzeugt, ein Zionist, die Mutter widerwillig, eine Heimwehkranke, weil sich ihr Vater und ihre Mutter getrennt haben, als Fela 14 Jahre alt war, es musste so kommen. Und natürlich weil ihr Großvater 1945 von einem Todesmarsch fliehen musste, nur noch 32 Kilo schwer, weil die Schwester ihres Großvaters in Bergen-Belsen verhungert ist, zwei Wochen vor Kriegsende, und weil sie nach dieser Schwester ihres Großvaters benannt worden ist. Nach Fela. Sie trägt schwer an diesem Namen.

Fela ist die Ich-Erzählerin in "Sag es mir", dem Romandebüt von Vanessa F. Fogel, mit der sie einiges gemeinsam hat. Beide sind Angehörige der Dritten Generation, der letzten, die noch Überlebende des Holocaust in der eigenen Familie kennengelernt hat. Fogel, 1981 in Frankfurt am Main geboren, ist die Enkelin eines polnischen Juden. Als sie vier Jahre alt war, zogen ihre Eltern mit ihr nach Israel, später hat sie in New York studiert. Mit ihrem Bruder spricht Fogel Hebräisch, mit ihren Eltern Deutsch, ihr Buch hat sie auf Englisch geschrieben. Dennoch wünschte sie sich, dass es zuerst auf Deutsch erscheint: Damit es auch ihr Großvater lesen kann.

Keiner kommt von Deutschland los

Die Großeltern der Ich-Erzählerin Fela sind nach dem Krieg in Deutschland hängen geblieben, weil sich dort leicht Geld verdienen ließ, ihre Eltern sind nach Israel gegangen, aber nie von Deutschland losgekommen, und deshalb kommt auch Fela nicht von Deutschland los. Sie erzählt die Geschichte ihres Großvaters, die die Geschichte ihrer Eltern erzählt, die ihre eigene Geschichte erzählt. Die Geschichte, die immer Gegenwart gewesen ist, seitdem sie denken kann, die die Grundlage von allem gewesen ist. Alles hat in Polen begonnen und in Deutschland, im Holocaust.

Felas Großmutter sprach nie über den Krieg, sie ging aus dem Zimmer, sobald der Krieg erwähnt wurde - und sie ging oft aus dem Zimmer, weil Felas Großvater immer ein Wort über den Krieg einfließen ließ, "in jedes Gespräch".

Mit ihrem Großvater reist Fela nach Polen. Den Ort, "an dem sie meinen Großvater verfolgten, folterten und erniedrigten. Den Ort, an dem sie mir meinen Namen gaben". Sie besuchen Nachbarn von früher, Friedhöfe, Konzentrationslager, und sie sprechen miteinander, genauer: Der Großvater spricht mit Fela, er spricht zu ihr. Fela erfährt die Vergangenheit tröpfchenweise und nie komplett, sie braucht einen langen Atem und den braucht auch der Leser. Denn es dauert einen Moment, bis er begreift, dass es Fogel im Kern gar nicht um den Holocaust als historisches Thema geht, dass sie dem Leser bewusst historische Fakten verweigert, ihm biografische Details aus dem Leben des Großvaters vorenthält.

Coming-of-Age-Geschichte einer Jüdin von heute

Fogel wechselt Zeit und Ort und Thema, stapelt knappe Blöcke auf- und ineinander, verschränkt die Erinnerungen des Großvaters an den Krieg mit Erinnerungen Felas an ihre Kinder- und Jugendzeit, Berichte aus Polen mit Berichten aus Deutschland und Berichten aus Israel, und so ist ihr Roman zuallererst die geschickt gebaute Coming-of-Age-Geschichte einer jungen Jüdin von heute. Bildend, aber mehr noch berührend.

Noch berührender wäre die Geschichte freilich, wenn Fogel nicht so viele Worte verlieren würde, vor allem wenn sie von Felas Essstörung erzählt und ihrer Teenager-Liebe zu ihrem Schulkameraden Lior. "Die Vorstellung, irgendwer könnte mich je wollen, kam mir nie in den Kopf. Ich mochte mich selber nicht, wie konnte ich mir also vorstellen, jemand anderes könnte das tun?" Häufig schreibt Fogel den einen Satz zu viel, den einen küchenpsychologischen Kommentar, der das Erzählte zum Klischee erstarren lässt. Häufig ist der Fortgang der Geschichte voraussehbar. Von den über 300 Seiten des Romans hätte ein gutes Lektorat gut und gerne 30 Seiten streichen können.

Gestrichen hätte es eventuell auch manche Passage des etwas überdeutlichen, pathetischen Schlusses: Fela lässt sich ein Tattoo stechen, einen Davidstern auf das Schambein, und als wäre das nicht Kommentar genug, kommentiert sie es noch. "Wie mein Großvater habe ich eine Tätowierung, die mich und meinen Körper als jüdisch kennzeichnet. Etwas, das mich kategorisiert, mich vielleicht in Gefahr bringt, etwas, das mich beschützt - ein versteckter Stern, ein Schutzschild." Und weiter: "Ich habe mich gezeichnet mit Geschichte, mit meiner eigenen Geburt, meinem Leben, meinem Tod." Fela hat einen Platz für sich gesucht in den Geschichten des Großvaters - und sie hat sich selbst gesucht. Beides mit Erfolg.

Trotz aller Schwächen: Es lohnt sich, Fela auf ihrer Suche zu begleiten, ebenso wie es sich lohnen dürfte, Fogel auf ihrem weiteren Weg als Autorin im Auge zu behalten.



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