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Horrorautorin Meyer: "Vampire sind attraktiv, klug und cool"

In den Bestsellerlisten ist sie daheim, längst wird Stephenie Meyer als legitime Nachfolgerin von Harry-Potter-Mutter Joanne K. Rowling betrachtet. Ihr Sujet: Vampire. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview outet sich die 34-jährige Gruselautorin jedoch als dünnhäutiger Angsthase.

SPIEGEL ONLINE: Frau Meyer, Vampire scheinen als kulturelles Phänomen unsterblich. Nach Dracula, Nosferatu, Anne Rice's Lestat und Buffy, der Vampir-Jägerin haben Sie nun mit ihren "Bis(s)"-Büchern einen weltweiten Millionenerfolg. Was macht die Beißer so attraktiv?

Vampirin im Film ("Die Königin der Verdammten"): "Wir wollen sein wie sie"
DPA

Vampirin im Film ("Die Königin der Verdammten"): "Wir wollen sein wie sie"

Meyer: Dass Menschen Monster lieben, beweist ja allein der beständig zunehmende Erfolg der Horrorindustrie. Unsere Spezies scheint süchtig danach zu sein, erschreckt zu werden. Ich liebe es natürlich auch. Aber die meisten Ungeheuer sind abstoßend und hässlich: Zombies, Werwölfe, Mutanten und so weiter. Vampire sind die Ausnahme von dieser Regel. Sie sind die Popstars im Gruselkabinett, sind meist attraktiv, klug, cool, gut angezogen und wohlhabend. Aber sie wollen dich töten. Und wir wollen sein wie sie, aber was sie wollen, fürchten wir. Eine Kombination, die Stoff für endlos viele Geschichten bietet.

SPIEGEL ONLINE: Was jagt Ihnen ganz besonders Angst ein?

Meyer: Absolut alles. Ich bin das, was man einen Angsthasen nennt. Ich habe noch nie einen unheimlichen Film im Fernsehen oder Kino gesehen. Und auch kaum ein gruseliges Buch gelesen. Das ist alles zu viel für meine Nerven. Mir reicht es, wenn ich Monsterkostüme für die Halloween-Partys meiner drei Söhne anfertige.

Autorin Meyer: Blutdurst und Ewigkeit
AP

Autorin Meyer: Blutdurst und Ewigkeit

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt eine ängstliche Mormonin wie sie dazu, Vampir-Bestseller zu schreiben?

Meyer: Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Ich weiß, dass es unglaublich scheint, aber ich habe keine gewitzte oder überzeugende Erklärung anzubieten. Die Wahrheit klingt ja schon wie ausgedacht: Ich hatte damals diesen schönen, merkwürdigen Traum von dem unscheinbaren Mädchen, das sich auf einer einsamen Waldlichtung mit einem umwerfend attraktiven, jungen Vampir trifft, um die Probleme ihrer Beziehung zueinander zu besprechen. Als ich diesen ungewöhnlichen Traum meiner Schwester erzählte, überredete sie mich, ihn aufzuschreiben. Das tat ich, und weil sich das berauschend gut anfühlte, schrieb ich so lange und so viel, bis ich das Manuskript für den ersten Roman fertig hatte.

SPIEGEL ONLINE: Was hatten Sie bis dahin geschrieben?

Meyer: Nichts, außer Hausarbeiten. Ich studierte Literatur, war aber immer mehr am Lesen als am Schreiben interessiert. Als ich noch die Zeit dazu hatte, verschlang ich jede Woche drei Bücher. Je dicker der Roman, desto besser.

SPIEGEL ONLINE: Sind ihre Bücher deshalb so umfangreich?

Meyer: Die sind alle noch stark eingedampft. Ich kann mich in endlosen Detailschilderungen verlieren. Meine Lektorin ist sehr streng und streicht mir viel weg. Wahrscheinlich ist das gut so, aber ich muss dann oft weinen, wenn etwas rausfällt. Ich bin wirklich sehr dünnhäutig.

SPIEGEL ONLINE: Wie schreibt man Tausende Seiten über Vampire, wenn man keine Ahnung vom Unheimlichen hat?

Meyer: Von Halloween her wusste ich ja doch so einiges: Dass Vampire ihre Tage gern im Sarg verschlafen, bei Sonnenlicht verbrennen und keine Kruzifixe und Knoblauch mögen. Aber ich sehe es auch eher als Vorteil, wenn man die Traditionen nicht kennt, was das Schreiben angeht. Bei mir leben die Vampire getarnt als Ärzte und Studenten neben den Menschen in einer Kleinstadt, in der die Sonne selten scheint. Sie schlafen nie und bemühen sich um Abstinenz, was Menschenblut angeht.

SPIEGEL ONLINE: Also ein Anti-Vampir Roman?

Meyer: Nein, das auf keinen Fall, ich habe ja gewaltigen Respekt vor dem Genre. Ich wollte nur die erzählerischen Möglichkeiten erweitern.

SPIEGEL ONLINE: Aber trotzdem ist Ihnen die blutleerste Vampir-Geschichte aller Zeiten gelungen.

Meyer: Ich finde, Gewalt ist nicht notwendig, um Spannung zu erzeugen. Es stimmt aber auch nicht, dass meine Geschichte so friedlich ist, wie immer wieder behauptet wird. Es sterben jedes Mal Figuren, einer verbrennt ganz schrecklich, andere werden zerfetzt. Und ich habe sogar mal eine Szene geschrieben, die meine Lektorin und meine Agentin als viel zu brutal zensierten. Denn ich muss gestehen, beim Schreiben macht es manchmal Spaß, seine Charaktere zu quälen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie verzichten auf Sex in ihrer Liebesgeschichte. Aus religiösen Gründen?

Meyer: Sicherlich habe ich als Mormonin eine besondere Haltung, aber ich stehe dazu, dass Abstinenz spannend sein kann. Das Berühren eines Gesichts, das Streicheln einer Hand können sagenhaft aufregend sein.

SPIEGEL ONLINE: Zu Weihnachten kommt die Hollywood-Verfilmung Ihres ersten Vampir-Buchs in die Kinos. Wurde da mehr Action verlangt? Wie weit waren Sie in die Produktion involviert?

Meyer: Ich bin kaum in den Film eingebunden. Die meisten Schauspieler gefallen mir, meine Traumbesetzung für Edward, den schönen Vampir, wollte leider nicht. Und Sie haben Recht, ein wenig mehr Action wurde eingefügt, aber damit kann ich gut leben.

SPIEGEL ONLINE: Was halten denn Ihre mormonischen Freunde von den Vampir-Bestsellern?

Meyer: Natürlich gibt es da immer wieder Bedenken. Aber wenn sich einer beschwert, gebe ich ihm meine Bücher zu lesen, und das hat bisher ausnahmslos immer für Entspannung und Verständnis gesorgt. Was aber eben auch daran liegt, dass das keine normalen Vampir-Bücher sind. Meine Vampire denken ja nicht nur daran, wie sie ihren Blutdurst stillen können. Sie grübeln über die Ewigkeit, über den Sinn und Möglichkeiten einer Existenz nach dem Tod. Darüber, was es bringt, die Seele gegen Unsterblichkeit einzutauschen. Das sind Fragen mit denen ich mich als Mormonin auch regelmäßig beschäftige.

SPIEGEL ONLINE: Im Herbst erscheint in Deutschland Ihr Science-Fiction-Buch "Seelen", in Amerika kommt dann bereits der vierte Band ihrer "Bis(s)"-Serie. Sie haben drei kleine Söhne, wie viel Personal beschäftigen sie, um Ihre Bücher schreiben zu können?

Meyer: Nur mein Mann hilft mir, so weit er kann. Ich schreibe auch mit einem Kind auf dem Arm, das ist kein Problem. Ich lege aber erst so richtig abends los. Um 8 Uhr, wenn meine Söhne im Bett liegen, fange ich immer konzentriert an zu schreiben. Ich setze mir einen Kopfhörer auf, höre brüllend laut Rockmusik und arbeite bis tief in die Nacht. Zum Glück komme ich mit sehr wenig Schlaf aus. Für ein Manuskript benötige ich ungefähr drei Monate.

SPIEGEL ONLINE: Den Soundtrack der Lieder, die Sie zu den entsprechenden Büchern gehört haben, ist auf Ihrer Internet-Seite abrufbar. Wie wichtig ist das Internet für Sie?

Meyer: Unverzichtbar. Ich habe meine Agentin im Netz gefunden, recherchiere dort meine Bücher und kommuniziere ausgiebig mit meinen Lesern online. Ich bin zu Hause wirklich in jeder wachen Minute online.

SPIEGEL ONLINE: Lesen sie auch Romane am Computer?

Meyer: Nein, das geht nicht. Ich kaufe Bücher online, aber lange Texte lesen? Nein. Ich befürchte, davon wird man blind, oder? Davor habe ich Angst.

Das Interview führte Christoph Dallach


Ein ausführliches Porträt über Stephenie Meyer lesen Sie im aktuellen SPIEGEL

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