Houellebecqs "Lanzarote" Ferien mit den Eltern

In "Lanzarote" finden Fans von Michel Houellebecq viel Bekanntes aber auch neue, mildere Seiten des bissigen Star-Autoren ­ ist der alte Löwe zahnlos geworden?

Von Daniel-Dylan Böhmer


Die Welt des Michel Houellebecq hat ein Heim gefunden: den Urlaub als Guckkasten der industriellen Vergnügungsgesellschaft. Das Sujet war dem Erfolgsromancier schon vorher immer willkommen. In der "Ausweitung der Kampfzone" ebenso wie in seinen Gedichten sind Ferienpläne und Urlaubsorte wiederkehrende Metaphern für die rührend gewöhnliche Illusion der Angestellten-Herde, ihre Mühsal und Gram werde irgendwie entlohnt mit Gelassenheit und simplen Genüssen.

Mit "Lanzarote" macht Houellebecq das Sujet zum Grundthema und Ergebnis ist erwartungsgemäß eine konzentrierte Darstellung seiner Weltsicht im Dreiklang Porno-Pepsi-Psychopharmaka. Doch eine kleine Überraschung bietet das Buch doch: Nicht nur, dass diese Welt wie üblich einen Notausgang ins Klon- und Kuschel-Paradies enthält ­ sie scheint Houellebecq auch nicht mehr so trostlos.

"Lanzarote" besteht aus zwei Buch-Teilen, die in einen minimalistisch gestalteten Schuber gepackt sind: Ein Band mit der Erzählung "Lanzarote" und ein Band mit Fotografien des Autors von der Insel. In der Erzählung schildert Houellebecq als Ich-Erzähler einen Urlaub auf der Kanaren-Insel kurz nach der Jahrtausendwende. Wir sind vorbereitet: Reise in ein neues Zeitalter. Anschnallen. Aber Houellebecq erobert die neue Zeit eher im Tretboot als im Space-Shuttle: Die Erzählung plätschert dahin wie ein Ferien-Sonntag, zwischen betont unspektakulären Vignetten von der Insel und den Erlebnissen mit seinen drei Reisebekanntschaften: dem belgischen Polizisten Rudi, in dessen Attributen - depressiv, dicklich, einsam - man Tisserand aus der "Kampfzone" wiedererkennt, und zwei Deutschen Gelegenheitslesben. Zwischen Ausflügen und milden Weltuntergangsphantasien an Hand der Abendnachrichten fehlen die bewährten Elemente Selbstbefriedigung und Happy Hour nicht. Es kommt auch zum Gruppensex mit den Touristinnen, wobei Rudi natürlich abseits bleibt.

Sprachlich geht Houellebecq so kunstlos vor wie eh, wenn nicht noch kunstloser. Auch mit Bildern geht er noch sparsamer um als zuvor. Was wie immer am stärksten wirkt, ist die Atmosphäre: Houellebecqs Lethargie hält den Erzählfluss wie immer knapp unter Zimmertemperatur, aber sein Sarkasmus ist wesentlich milder. Die untergründige Aggression ist kaum mehr spürbar. So ist die Beobachtung von Rudi nicht das in Zerstörungslust umgeschlagene Mitleid aus der "Kampfzone"; fast gütig behandelt und beschreibt Houellebecq Tisserands Zwillingsbruder. Mehr noch, er beschert ihm ein fast glückliches Ende: Vom Gruppensex der anderen entmutigt, schließt sich Rudi einer Sekte an, die später in Belgien als Orgien-Kommune mit fröhlichem Kinderschänden und fröhlichen geschändeten Kindern auffliegt. Aber selbst der folgende Gerichtsprozess wird nicht als Katastrophe sondern eher als PR-Triumph geschildert. Interessant, dass Houellebecq sein Nirwana im Hier und Jetzt findet, abseits von Dolly Buster und mit Zutritt für die armseligen Mediokren, für die vordergründig das Herz des Dichters schlägt.

Zweiter Teil des Idylls ist Lanzarote selbst, seine Natur und Landschaft, im Text wie im Bildband. Die Insel wird als hässlich aber erträglich geschildert. Ihre vulkanisch geformte Landschaft macht einen großen Teil des Bildmaterials aus und die Schilderung von Eruptionen beschließt den Text. Die Fotos, die Houellebecq gemacht hat, reflektieren diese Atmosphäre: genauso unwirtlich aber sympathisch erscheint hier die Insel, in Struktur- und Muster-versessenen Bildern, wie man sie aus der Landschaftsfotografie der fünfziger Jahre kennt.

Doch diese Milde ist es auch, die am Projekt "Lanzarote" zweifeln lässt: die Bilder sind, zieht man das minimalistische Layout ab, simple Ferien-Impressionen, wie sie naturselige Ex-Hippies Mitte 50 heute allerorten schießen. Und wenn man durch die Seiten blättert, dann erscheint auch der Text in diesem Licht. Das Idyll scheint die Illustration dafür zu sein, dass hier Houellebecqs unterschwellige Harmoniesucht durchgebrochen ist. Daher auch die sehr sanfte Gesellschaftskritik. Überraschend daran ist, wie nah dieser neue Houellebecq an jenen ist, die er stets kritisiert hat: seiner Elterngeneration. Den Hippies, denen er sein Unglück und das der westlichen Welt zuschreibt. Wusste Houellebecq das, als er "Lanzarote" produzierte? Kaum. Wer zu seinen Eltern zurückfindet, fängt meist unbewusst damit an.



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