Booker-Preis-Gewinner Jacobson: Das entscheidende Geschlechtsorgan ist der Kopf

Von Johan Dehoust

Innerer Vagina-Monolog für Intellektuelle: In "Liebesdienst" verkuppelt ein Buchhändler seine eigene Ehefrau mit einem Liebhaber: Es erregt ihn, sich vorzustellen, wie sie einen anderen liebt. Kann das gutgehen?

Howard Jacobson: "Angst und Eifersucht waren die Liebe an sich"Zur Großansicht
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Howard Jacobson: "Angst und Eifersucht waren die Liebe an sich"

Es hat lange gedauert: Vor gut einem Jahr ist der erste Roman von Howard Jacobson auf Deutsch erschienen. Eine späte Gelegenheit für die Leser hierzulande, sich davon zu überzeugen, was für ein herausragend gewitzter Autor der 70 Jahre alte Engländer ist. So urkomisch, so bissig, wie in seinem Buch "Die Finkler-Frage" hatte lange keiner über jüdische Identitätsfragen geschrieben. Völlig nachvollziehbar, dass er dafür in Großbritannien den Booker-Preis erhalten hatte.

Eines der zentralen Themen von Jacobsons neuem Romans "Liebesdienst" ist nun die scheinbare Gegensätzlichkeit von künstlerisch wertvoller und frivol-trivialer Literatur: Felix Quinn, ein Londoner Bücherantiquar, ist mit Marisa verheiratet, der großen Liebe seines Lebens. Trotzdem oder gerade deswegen träumt er davon, dass sie ihn mit einem anderen Mann betrügt.

Felix lernt auf einer Beerdigung Marius kennen und erkennt in ihm den zukünftigen Liebhaber seiner Ehefrau. Fortan schleicht er wie Goethes Mephisto um den herrischen Literaturwissenschaftler, damit dieser seinem Gretchen wie zufällig über den Weg läuft. Aber: Bis es soweit ist, vergehen fast 200 Seiten.

Warum reizt es Felix, sein eigenes Betrogenwerden zu arrangieren? Um das darzulegen, mäandert Jacobson lange, lange durch die Literaturgeschichte, besonders durch die französische. Marquis de Sades "Die 120 Tage von Sodom", Pierre Klossowskis "Heute Abend, Roberte" oder Alain Robbe-Grillets "Die Jalousie" - dem britischen Schriftsteller liegt sehr daran aufzuzeigen, wie sehr Erotik und Dichtung von je her verbandelt sind. Und er sammelt in diesem Miteinander die Motive für den Drang seines Protagonisten.

Intellektueller Koitus der Spitzenklasse

Felix glaubt, dass seine Liebe zu Marisa erst vollkommen ist, wenn sie ihn betrügt. "Angst und Eifersucht waren keine Spaltprodukte der Liebe, sie waren Liebe an sich" schreibt Jacobson. Kurzum: Seinen obsessiven Helden geilt es auf, wenn er sich vorstellt, wie sich seine Frau einem anderen hingibt. Aber, Pardon, so plump würde es der verkopfte Felix natürlich niemals aussprechen.

Selbst als sich Marisa und Marius endlich finden, geht es nicht im herkömmlichen Sinn zur Sache. Sie stehen in einem Museum vor einem Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, "Die Schaukel" von Jean-Honoré Fragonard. Es zeigt eine Dame, die durch die Luft schwingt, während ein unter ihr liegender Lüstling unter ihren Rock linst. Felix ist sich sicher, dass sie sich dabei über ihre Vagina unterhalten. Furchtbar erregend. Ein intellektueller Koitus der Spitzenklasse.

Der Lustgewinn, den Felix aus der Affäre seiner Ehefrau zieht, hält allerdings nicht lange an. Er verliert sich - und auch seine Frau? - in einer immer verworrener werdenden Geilheit. Letztlich ist der Masochist zu vergeistigt, als dass er sich wirklich an dem Leid ergötzt. Eine Beobachtung, die man am Ende der Lektüre von "Liebesdienst" auf den ganzen Roman übertragen kann.

Howard Jacobson erweist sich als herausragender, geschickter Erzähler. Durch das Zusammenspiel seiner überzeichneten Figuren blitzt ein feines Gespür für Ironie. Und doch wünscht man sich, er würde seine liebeskranken Protagonisten öfter einfach mal das machen lassen, worüber sie die ganze Zeit über in so hochtrabenden Worten sprechen: vögeln, bumsen, poppen. Klar, das wäre vulgär. Aber dafür ließe sich so das Buch um den einen oder anderen intellektuell-verkopften Erotik-in-der-Literatur-Bezug straffen.

Zuletzt in SPIEGEL ONLINE rezensiert: Richard Hughes' "In Bedrängnis", Jörg Magenaus "Brüder unterm Sternenzelt", Alexis Jennis "Die französische Kunst des Krieges", Christian Thielemanns "Mein Leben mit Wagner", John Grays "Wir werden sein wie Gott", Fritz Rudolf Fries' "Der Weg nach Oobliadooh" und Norbert Scheuers "Peehs Liebe".

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