Hunter S. Thompson: Politik und Exzess

Von Christoph Dallach

Er galt als Erfinder des Gonzo-Journalismus, als Reporter der Gegenkultur: Die besten Texte seiner Karriere verfasste der US-amerikanische Schriftsteller und Journalist Hunter S. Thompson für das Magazin "Rolling Stone". Nun erscheinen diese Reportagen erstmals gesammelt auf Deutsch.

Hunter S. Thompson: Der Gonzo-Rocker Fotos

Als Hunter S. Thompson zu Beginn der siebziger Jahre nach Washington kam, war der Name seines Auftraggebers dort noch weitgehend unbekannt: "Anfangs war es ein Alptraum, keiner rief je zurück. "Rolling was? ... Stones?", erinnerte sich der Schriftsteller und Journalist Jahre später an seinen Start in Washington, das er im selben Atemzug, als "eine Stadt voller, bösartiger, mächtiger Bauerntölpel" abkanzelte.

Aber die Zusammenarbeit des Autors Hunter S. Thompson mit dem Magazin "Rolling Stone" sorgte schnell dafür, dass beider Namen auch in der US-Hauptstadt ein Begriff wurden. Thompson und den "Rolling Stone" verband damals die Sehnsucht, der jungen Gegenkultur eine Stimme zu geben. Der Autor galt Ende der sechziger Jahre als wilder Paradiesvogel seiner Zunft und wurde 1967 mit dem Reportage-Roman "Hell's Angels" bekannt, dem Jahr, in dem Jann S. Wenner das Magazin "Rolling Stone" gründete.

Mit dem neuen Jahrzehnt startete dann eine Zusammenarbeit, die längst als legendär gilt und nun endlich auch gebündelt auf Deutsch vorliegt. Der umfangreiche Band "Die Rolling-Stone-Jahre" bietet alle relevanten Texte, die der 1937 in Louisville, Kentucky, geborene Hunter S. Thompson für das Magazin verfasste. Dabei, unter anderem, die Reportage, aus der sein wohl bekanntestes Buch "Angst und Schrecken in Las Vegas" entstand. Angereichert wurden die Stücke jeweils durch die begleitende - und stets unterhaltsame - Korrespondenz zwischen dem Reporter Thompson und seinem Chefredakteur Wenner.

Abenteuerliche Schilderungen

Das Buch illustriert nicht nur den politischen und gesellschaftlichen Wandel in den USA in der ersten Hälfte der siebziger Jahre, sondern taugt auch als eine Art Biografie des Autors und als Paradebeispiel für eine neue Art journalistischer Herangehensweise. In einem Interview sagte Hunter S. Thompson mal, dass er das Schreiben "als Musik" betrachte: "Deshalb liebe ich es auch, wenn andere meine Texte laut lesen."

Über Musik hat Hunter S. Thompson aber im "Rolling Stone" erstaunlicherweise keinen einzigen Text verfasst. Stattdessen sorgte er bevorzugt mit Reportagen über Politik, insbesondere Wahlkampfberichterstattungen, und über alles, was seinen Lieblingsfeind Richard Nixon betraf, für Furore. Der Stil, in dem Thompson über die der Welt der Macht und ebenso leidenschaftlich wie über Sport schrieb, war letztlich in Worte verzauberter Rock'n'Roll. Thompsons Texte boten sprühenden Wahnwitz und Humor sowie Ernsthaftigkeit, Idealismus, Moral und vor allem Leidenschaft. "Gonzo-Journalismus" nannte der Verfasser das, als "New Journalism" feierten es Literatur-Kritiker. Politische Analysen kombinierte er als Ich-Erzähler gern mit abenteuerlichen Schilderungen seiner Drogen- und Alkohol-Exzesse, wobei er die Grenze zwischen Fakt und Fiktion oft lustvoll vernebelte. Dazu passte, dass Thompson sich gern als eine Art wilder Rockstar inszenierte.

Kein Wunder, dass er eng mit prominenten Musikern und Hollywood-Helden wie Johnny Depp befreundet war. Wenn Hunter S. Thompson auf Reportage ging, sei das vergleichbar "mit einem Feldzug" gewesen, erinnert sich Jann S. Wenner im Vorwort zu "Die Rolling-Stone-Jahre". Zu umfangreichen Reisevorbereitungen wurden Thompson spezielle Schreibmaschinen, Faxgeräte und Unmengen an Drogen und Alkohol zur Verfügung gestellt. Daran, dass sich dieser Wirbel lohnte, erinnert dieses Buch. Die politischen Ereignisse, überwiegend aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre, die Thompson da schildert, sind natürlich längst von der Zeit überholt. Dass sich diese Texte aber trotzdem frisch lesen, belegt einerseits das Talent des Autors, erinnert aber auch daran, dass viele politische Themen und Phänomene in den vergangenen Jahrzehnten dieselben geblieben sind.

Als Hunter S. Thompson, der sich vor sieben Jahren das Leben nahm, beerdigt wurde, reiste neben Hollywood-Stars wie Jack Nicholson und Bill Murray auch der Klassenfeind von damals an - Prominenz aus Washington.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
marquesdemuniz 19.11.2012
Leider wird in dem Artikel weder Titel noch Verlag genannt, es gab bereits 1982 beim Verlag 2001 eine bemerkenswerte 2bändige Ausgabe Gonzo Schriften 1&2, eine Neuauflage war längst überfällig! enhorabuena!
2.
dale_gribble 19.11.2012
Zitat von sysopEr galt als Erfinder des Gonzo-Journalismus, als Reporter der Gegenkultur: Die besten Texte seiner Karriere verfasste der US-amerikanische Schriftsteller und Journalist Hunter S. Thompson für das Magazin "Rolling Stone". Nun erscheinen diese Reportagen erstmals gesammelt auf Deutsch. Hunter S. Thompson Die Rolling-Stone-Jahre - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/hunter-s-thompson-die-rolling-stone-jahre-a-867653.html)
Ich kann nur jedem raten, das Zeug auf Englisch im Original zu lesen. Oder es zumindest (mit einem guten Woerterbuch bewaffnet) zu versuchen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Buch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
  • Zur Startseite
Buchtipp

Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 11/2012 Eine Nacht vor dem Fernseher mit Tom Schilling

SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller

Facebook