Hurrikan-Literatur Lasst Katrinas Zeugen erzählen!

Hurrikan Katrina hat die amerikanische Literatur erreicht: Schriftsteller wie Dave Eggers geben den Betroffenen vier Jahre nach der Katastrophe eine Stimme - und eine hochgelobte Graphic Novel zeichnet den Untergang von New Orleans aus Sicht der Betroffenen nach.

Josh Neufeld

Von Sebastian Moll


Bis der Hurrikan Katrina vor vier Jahren die Dämme brechen ließ, war James Lee Burke der Schriftsteller aus New Orleans, mit dem die Menschen der schon vor der Flut geschundenen Stadt sich am besten identifizieren konnten. In unzähligen Episoden kämpfte Burkes Detektiv Dave Robicheaux unermüdlich um das idyllische New Orleans seiner Kindheit, das seit den siebziger Jahren durch Armut, Drogen und Kriminalität massiv in Bedrängnis geraten war. Der hoffnungslose Kampf des Polizisten gegen den Verfall gab trefflich das Lebensgefühl der New Orleanser wieder.

Nachdem Katrina die Stadt verwüstet hatte, verstummte Burke. Die Schlacht schien verloren, New Orleans war untergegangen. Der Autor war fortan zu deprimiert, um auch nur eine Zeile zu Papier zu bringen - bis ihn seine Lektoren anflehten, über Katrina zu schreiben. Schließlich gab Burke nach - und trug so mit seiner Robicheaux-Story "The Tin Roof Blowdown" im Sommer 2007 zum rasch wachsenden Subgenre der Katrina-Literatur bei.

Das Buch wurde ein Erfolg. Es gab die Stimmung in der Stadt bestens wieder und stellte all die schwierigen Fragen, die durch die Katastrophe aufgeworfen worden waren: So zu den Zusammenhängen von Rassen- und Klassenzugehörigkeit, zur Gleichgültigkeit der Bush-Regierung, zur Korruption und den undurchdringlichen Machtverhältnissen in der fast schon postapokalyptisch wirkenden Stadt.

Literarische Leitartikel

Die Entstehungsgeschichte des Romans allerdings warf die Frage auf, ob die Marketingstrategen in den Verlagen nicht allzu rasch nach Literatur zu Ereignissen des Zeitgeschehens verlangen, um von der Welle der öffentlichen Aufmerksamkeit zu profitieren. "Erst gab es 9/11-Literatur, jetzt gibt es Katrina-Literatur, bald gibt es wahrscheinlich eine George-W.-Bush-Literatur. Es ist so, als wären Romane nur noch literarische Leitartikel", schrieb Andrew Sullivan damals in seiner Kolumne auf der Website des Kulturmagazins "Atlantic".

Mittlerweile ist die allgemeine Empörung über das Desaster deutlich abgeebbt. Der vierte Jahrestag der Katastrophe wird in den Medien der USA überschattet vom Tod Ted Kennedys und von der hysterisch geführten Gesundheitsdebatte. Es ist, als müsse man sich nun, da man Bush losgeworden ist, auch nicht mehr mit New Orleans beschäftigen. Die Stadt ist vergessen, obwohl noch immer große Teile nicht wiederaufgebaut sind. Zehntausende konnten noch immer nicht zurückkehren und es ist weiter unsicher, ob das nur unvollständig befestigte Deichsystem einem erneuten Sturm standhält.

Für ist die Literatur ist diese Stille, anders als für die Menschen von New Orleans, ein Segen. Denn nach der Phase von Zorn und Trauer und der darauffolgenden Phase, in der der Katrina-Literatur ein regelrechter Trend war - dazu gehört neben Burkes Buch unter anderem auch der sentimentale Roman "City of Refuge" von Tom Piazza - erscheinen nun Werke, die sich auf eine literarisch ausgereifte Art mit Katrina beschäftigen.

Mit dem Kanu durch die überflutete Stadt

Zu allererst ist da sicherlich Dave Eggers' neues Buch "Zeitoun" zu nennen - ein Werk, dass sich radikal von Eggers' postmodern verspielten "Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität" aus dem Jahr 2000 unterscheidet. Es ist die Geschichte des syrischstämmigen Zimmermanns Abdulrahman Zeitoun, der tagelang mit dem Kanu durch die überflutete Stadt irrt und seinen Mitbürgern beisteht, während seine amerikanische Frau Kathy ins benachbarte Baton Rouge flieht. Als schließlich die Nationalgarde als vermeintlicher Retter anrückt, wird Zeitoun seines Akzents und seines arabischen Aussehens wegen verhaftet und eingesperrt.

Die Geschichte ist eindringlich, weil sie die ganze Vielschichtigkeit der Lage damals wiedergibt: Da sind die von unterschwelligem Rassismus befeuerten hysterischen Berichte von Morden und Plünderungen, auf welche die viel zu spät auftauchenden Militärs reagierten, die Begeisterung der Bush-Regierung für Notstandsrecht, die antiarabische Stimmung in den USA seit dem 11. September und schließlich die Tatsache, dass die Katastrophe nicht, wie bislang oft angenommen, die "dünne Decke der Zivilisation" wegriss, sondern vielmehr zu Solidarität und Selbstlosigkeit anspornte - wie schon nach dem 11. September in New York. Eine Tatsache, die auch Rebecca Solnit in ihrem gerade erschienen Aufsatzband "A Paradise Built in Hell" herausarbeitet.

Reportage in Comic-Form

"Zeitoun" beruht auf einer wahren Geschichte. Eggers beschreibt das Buch als Kollaboration zwischen sich, dem Titelhelden und seiner Familie - er selbst habe deren Berichte lediglich niedergeschrieben und geordnet. Und weil es oral history ist, geht Eggers' Story viel mehr unter die Haut, als die zornigen Polemiken der ersten Zeit und die darauffolgenden, teils vor Trauer triefenden Texte.

Überhaupt scheint es die Form der schmucklosen Erzählung aus dem Mund der Betroffenen zu sein, die dem Thema Katrina am angemessensten erscheint. Spike Lee hat es mit seinem Dokumentarfilm "When the Levee broke" vorgemacht, und neben Eggers' Buch ist jetzt auch eine ausgezeichnete Reportage in Comic-Form erschienen, die ebenfalls diesem Vorbild folgt.

In seiner hochgelobten Graphic Novel "A.D. - New Orleans After the Deluge" erzählt der Zeichner Josh Neufeld, wie sieben Menschen die Tage der Katastrophe erlebt haben. Das Material stammt, wie bei Eggers, aus ausführlichen Interviews mit den Betroffenen. So stellt sich mit dem Abstand von vier Jahren heraus, dass jene, die den Hurrikan selbst erlebt und durchlitten haben, auch diejenigen sind, die am besten davon erzählen können.

Die großen, einordnenden Werke dagegen werden hingegen wohl noch Jahre auf sich warten lassen. Das ganz eigene Zeitmaß der Literatur lässt sich auch durch keine noch so raffinierte Marketingstrategie beschleunigen.



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