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07. September 2018, 11:50 Uhr

Roman über Öko-Totalitarismus

Es ist etwas faul - nicht nur mit den Himbeeren

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Was wäre, wenn eine Zurück-zur-Natur-Ideologie durchgezogen würde? Eckhart Nickels Roman "Hysteria" handelt von einer Zukunft, in der Alkohol durch politisch korrekte Duft-Trips ersetzt wird und Obst im Labor bearbeitet wird.

"Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht." Ist es zu hoch gegriffen, wenn man diesen ersten Satz als einen für die Literaturgeschichte bezeichnet? Jedenfalls blieb er bereits hängen, als Eckhart Nickel ihn erstmals einem größerem Publikum vorlas, beim Bachmannpreis 2017, wo er mit einem Auszug aus "Hysteria" antrat.

Der Satz ist so gut, weil er sofort mitten hineinführt in die rätselhafte, Unheil verheißende Stimmung dieses Romans. Und das aus wohlbekannter Perspektive: Wer hat nicht schon mal eine Schale Himbeeren misstrauisch beäugt?

Derjenige, der im Roman den Makel an den Himbeeren entdeckt, ist aus zwei Gründen prädestiniert: Bergheim, so heißt der vornamenlose Protagonist, hat zum einen an der "Hochschule für Kulinarik" studiert, kennt sich also aus mit Aussehen und Geschmack von Lebensmitteln. Zum anderen aber ist Bergheims Wahrnehmungsvermögen hypersensibel, er spricht von "chronischer Dünnhäutigkeit".

In seiner Wohnung hat Bergheim "alle Zeichen von Individualität beseitigt", weil er die "Ich-Bezogenheit seiner Zeit so furchtbar und aufdringlich" findet. Überempfindlich nach Außen, eigenschaftsarm nach Innen: So geht er der Sache mit den Himbeeren auf den Grund - zunächst in der "Kooperative Sommerfrische", dann in dem "Kulinarischen Institut" - eine Art hypermodernem Spukschloss, ein Labor des Schreckens, in dem stets die Umgangsformen der Wissenschaft gewahrt werden.

Ausgedacht hat sich diesen Ort der 1966 in Frankfurt am Main geborene Eckhart Nickel, der in der Literaturszene bisher vor allem als treuer Freund von Christian Kracht wahrgenommen wurde: Zusammen schrieben sie das Reisebuch "Ferien für immer", gemeinsam gaben sie von Katmandu aus die Zeitschrift "Der Freund" heraus. Beide waren bei den popliterarischen Gipfeltreffen für das Gesprächsbuch "Tristesse Royale" dabei.

Ohne Kracht arbeitete Eckhart Nickel hauptsächlich journalistisch, in der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen" äußerte er sich oft zu Stil- und Modefragen, sehr feinsinnig beschrieb und kritisierte er Düfte und Reiseutensilien. 2001 veröffentlichte er "Was ich davon halte", eine eher spröde Erzählungssammlung, deren Höhepunkt die Betrachtung einer unansehnlich gewordenen Praline war.

Spuren des Snobismus', der den Popliteraten immer wieder vorgeworfen wurde, finden sich auch noch in Nickels neuem Werk: Eine Figur kauft ihren Tee stets von Mariage Frères, natürlich in Paris, "im Stammhaus auf der Rue du Bourg-Tibourg". Doch ansonsten ist Nickels Stil eher so etwas wie Anti-Popliteratur: Lebte die vom Zitieren von Markennamen und Populärkulturfiguren, so werden hier bekannte Bezüge heraufbeschworen, aber meistens gerade nicht beim Namen genannt, sondern ins Mysteriöse verschoben.

Für ein Dröhnen findet er schon mal einen Vergleich, der in die Bildbeschreibung von A. Paul Webers berühmter Lithographie "Das Gerücht" gipfelt. Und die Figuren eines Traums erinnern ihn an das Videospiel "Pong", das er in einem etwas umständlichen, aber auch schönen Nebensatz erläutert.

Nach und nach offenbart der Roman die Umrisse einer Gesellschaft, in der die uns vertrauten Ideen von Ökologie, Nachhaltigkeit, Achtsamkeit unter der Ägide einer "Naturpartei" zugespitzt wurden. Das hat amüsante Effekte wie Bio-Bachblüten-Bonbons für Optimismus oder Digitales Detox-Badesalz zum Absorbieren von elektromagnetischer Strahlung und zur Wiederherstellung des gesunden Menschenverstandes. Doch bei dem Elixier eines Wurms, das eine "genetisch saubere Fortpflanzung" garantieren soll, kann es einen schon etwas mehr gruseln.

Zwischen Rousseau und Biomarktkette

Das ist die Spannweite dieses Romans, in dem zwar halbherzig auch eine Dreiecks- und eine Kriminalgeschichte erzählt werden. Aber es ist seine Stärke, wie dieser in einer unbestimmten, nahen Zukunft liegende Manufactum-Extremismus beschrieben wird: Mal mit schrulligen Details wie der Papiermanufaktur, die Blätter herstellt aus Herbstlaub, mit Regentonnenwasser gereinigt. Mal aber auch mit knallharter Restriktionspolitik.

Zunächst wurden Nikotin und Alkohol von der Gesundheitspolizei landesweit verboten, dann kam Koffein ins "Visier der Abhängigkeitsfahnder". Natürlich blüht längst ein Schwarzmarkt mit "neuen Formen natürlicher Berauschung" aus "homöopathischen Superlaboren", ebenso wirksam, "nur dass jetzt alles angeblich gesund war". Die Kneipe von einst ersetzt die Aromabar von Wilhelm und Friedrich, zwei abgebrochene Lebensmittelstudenten, die dort geheimnisvolle Duft-Trips anbieten.

Was wie eine harmlose Was-wäre-wenn-Spielerei erscheinen könnte, bekommt eine zusätzliche Ebene durch die Ideologie, die Nickel dem Öko-Totalitarismus unterschiebt. Es geht um die "Gesetze des Spurenlosen Lebens", das der Mensch nach Möglichkeit in der Natur führen soll. An der Spitze die Bewegung "Renaturata!", ein Name zwischen Rousseau und Biomarktkette. Deren ironischen Anstrich durchschaut Bergheim schnell: "Sie tun nur so, als ob sie Spaß machen. In Wirklichkeit wollen sie all das, wovon sie reden, ernsthaft durchsetzen."

Am Ende haben die Ideologen des "spurenlosen Lebens" jenes beängstigende Institut aufgebaut, um dem sehnlichen Wunsch nachzugehen, "in den unschuldigen Zustand der absoluten Natürlichkeit zurückzukehren". Doch Nickel lässt auch eine abweichende Stimme zu Wort kommen, einen alten Kommilitonen von Bergheim: "Die ganze Schönheit des Lebens ensteht doch gerade aus der Tatsache heraus, dass wir Spuren hinterlassen", sagt der, so entstehe doch das Individuum. Wolle man das aufgeben, nur um die Natur zu retten? "Was haben wir denn noch groß von ihr, wenn wir uns aufopfern, allein, damit sie überleben kann?"

"Hysteria" ist also ein Roman, dessen Bilder und Ideen nicht nur beim Durchblättern der Zeitschrift "Landlust" im Wartezimmer wieder auftauchen, sondern der auch philosophische Fragen aufwirft, die widerhallen, wenn über den Klimawandel debattiert wird. Und das alles wegen ein paar Himbeeren!

"Hysteria" steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018. Lesen Sie weitere Rezensionen nominierter Romane: "Sechs Koffer" von Maxim Biller, "Bungalow" von Helene Hegemann, "Jahre später" von Angelika Klüssendorf, "Archipel" von Inger-Maria Mahlke, "Dunkle Zahlen" von Matthias Senkel

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