Kobek-Roman "Ich hasse dieses Internet" Schöne neue Kackbratzenwelt

Der US-Autor Jarett Kobek ist die Überraschung des Jahres. Auf der Frankfurter Buchmesse wird er wohl einen Starauftritt hinlegen - mit seiner lustigen und ziemlich irren Kampfschrift "Ich hasse dieses Internet."

Autor Jarett Kobek
Jarett Kobek

Autor Jarett Kobek


Der Schriftsteller Jarett Kobek tut so, als müsse er einem Haufen aus der Zeit gefallener Ahnungsloser die Welt von heute erklären. "Meine oberste Pflicht ist es, zu unterhalten, meine zweitwichtigste ist es, die Menschen zu informieren", sagt er beim Interview am Telefon, kurz bevor er von seinem Zuhause in Los Angeles aufbricht nach Frankfurt zur Buchmesse. Aus dieser Berufsauffassung entstehen der Spaß und die manchmal grimmige Polemik von Kobeks Buchs "Ich hasse dieses Internet.".

Offiziell handelt es sich um einen Roman, der von den Abenteuern einer in San Francisco lebenden mittelerfolgreichen Comiczeichnerin namens Adeline berichtet, von ihren Schriftstellerfreunden und von dem Shitstorm, den ihr ein Internetvideo beschert. Tatsächlich ist Kobeks Buch ein Reiseführer durch das Silicon Valley und durch den Technologiekosmos von Google, Apple und Twitter - und eine gut 350 Seiten lange Wutrede gegen die Menschheitsmanipulation durch große amerikanische Konzerne und die amerikanische Politik.

Silicon-Valley-Nerds
AP

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"Ich hasse dieses Internet", im Original "I Hate the Internet", beschreibt die Empörung einer Gemeinschaft, die sich angeblich so fühlt, "als würde man zu Boden getreten und dann immer noch getreten, als man schon am Boden lag. Wieder und wieder und wieder und wieder." Der Roman ist ein sensationeller Erfolg, zumindest auf dem US-amerikanischen Buchmarkt. Als erstes Werk, das ein Autor im Selbstverlag herausgebracht hat, wurde Kobeks Roman im März 2016 auf der Aufmacherseite des Literaturteils der "New York Times" besprochen - und als zeitdiagnostischer Streich gefeiert, der es mit Schriften wie Thomas Pikettys "Das Kapital im 21. Jahrhundert" oder Michel Houellebecqs "Unterwerfung" aufnehmen könne.

Tatsächlich blickt der Autor Kobek aus großer Höhe auf eine apokalyptische Szenerie. Der Kurznachrichtendienst Twitter wird hier beschrieben als "eine Plattform, auf der Teenager andere Teenager in den Selbstmord trieben und dabei wie besessen waren von prominenten Eintagsfliegen". In den Bürotürmen der Wall Street finden sich schlecht angezogene Börsenmakler, die "in ihrem New-Jersey-Akzent brüllten, sie würden die Mütter irgendwelcher Leute in den Arsch ficken, und sich dabei Champagner mit Blattgold über die Genitalien kippten".

"Das Internet strömt durch meine Adern"

Der Schriftsteller Jonathan Lethem sagt über "I Hate the Internet": "Ich habe diesen Roman verschlungen. Sie werden bei der Lektüre feuerfeste Handschuhe brauchen." Jarett Kobek selbst berichtet, er könne sich genau an den Moment erinnern, in dem er begriffen habe, dass er mit seinem Buch Erstaunliches vollbracht hat. "Ich war 14 Monate lang mit dem Manuskript herumgelaufen und hatte mir von allen Agenten Absagen geholt, was für ein Desaster! Und als ich das Buch endlich selbst herausgebracht hatte, sah ich eines Tages dieses riesige Foto in einer Ausgabe des französischen Kulturmagazin 'Les inrockuptibles'." Auf dem Foto sieht man Bret Easton Ellis in einem riesigen Bett liegen und offensichtlich hochkonzentriert in Kobeks Roman lesen. "Da begriff ich: Irgendetwas läuft hier in eine völlig verrückte Richtung!"

Kobek ist 38, Amerikaner mit türkischen Vorfahren und hat selbst jahrelang in San Franciscos Tech-Industrie gearbeitet. Seit ein paar Jahren lebt er in Los Angeles und hat unter anderem eine lange Erzählung über den New-York-Attentäter Mohammed Atta geschrieben. In "Ich hasse dieses Internet" lässt er einen türkischstämmigen Schriftsteller auftreten, der auf einem Hügel hoch über der Stadt stolz herumschreit: "Ich bin der einzige Schriftsteller in Amerika, der tatsächlich Ahnung von Technik hat!" Und: "Das Internet strömt durch meine Adern. Ich stamme vom Internet ab. Ich weiß, dass alles im Internet, das wir als notwendig ansehen, von Nerds mit einer Vorliebe für miese Romane entwickelt wurde."

Im Tonfall eines Fremdenführers, der einer Spezies von vordigitalen Hinterwäldlern den Zustand der Bay Area, der Computerwelt und der amerikanischen Gesellschaft zu beschreiben versucht, schildert der Autor Kobek die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen, Schwarzen und Weißen, Reichen und Armen. Er stellt den Amazon-Gründer Jeff Bezos vor als Gründer "einer unrentablen Website mit dem Ziel, die Verlagsbranche zu zerstören". Er lässt eine seiner Figuren enthüllen, das Internet sei "das letzte Gefecht des Patriarchats, von kriegstreibenden Männern entwickelt, um Frauen zu entmenschlichen!" Und er beschreibt das moderne kapitalistische Wirtschaftssystem als "Manipulationsmacht mit dem einzigen Ziel, dass die Leute eine möglichst große Menge Schwachsinn in ihre Computer und Handys tippten. Je höher der Grad der Vernetzung, desto höher der Profit." Alles sei dazu angelegt, "die Menschen zu einem möglichst scheußlichen Verhalten zu verführen."

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Die Idee der "gehobenen Literatur" und des "guten Romans" hält Kobek für diskreditiert durch die Unterstützung, die der Geheimdienst CIA während des Kalten Kriegs nachweislich der New Yorker Zeitschrift "Paris Review" zukommen ließ. Die meisten amerikanischen Schriftsteller verachtet er, sagt der Autor, sie schrieben "über die langweiligen Affären reicher Leute in Upstate New York, das finde ich uninteressant". Also versteht sich "Ich hasse dieses Internet" demonstrativ als "schlechter Roman", der betont hölzern Politik- und Ökonomiekritik mit einer äußerst dünnen Handlung verknüpft. Der Sündenfall der Comics zeichnenden Heldin Adeline findet statt, als sie vor jungen Studentinnen und Studenten über ihren Begriff von politischem und sozialem Fortschritt redet - nachdem Adeline über die angeblich feministische Vorbildfunktion von weiblichen Superstars wie Beyoncé und Rihanna gehöhnt hat, bricht auf den sozialen Netzwerken eine Welle aus Hass und Morddrohungen über sie herein.

Herumgereicht als wilder Star

Kobek scheint sich mancher Paradoxien durchaus bewusst zu sein: Natürlich hat er sein Buch auf einem Computer geschrieben, natürlich ist der Roman erst durch einen Hype im Internet zu einem Riesenspektakel geworden. "Die Konzerne haben unser Leben so infiltriert, dass wir dem Internet nicht entkommen können", sagt er. Ihm sei vor den Jubelreaktionen seiner Leser nicht klar gewesen, wie groß die Schmerzen und Verletzungen seien, die den Menschen durch den elektronischen Medienirrsinn zugefügt würden. Anders als viele engagierte Autoren, die kritische Bücher über die Macht von Google und Apple herausbrächten, habe er begriffen, dass es sinnlos sei, gegen die Macht der neuen Herren sachlich und vernünftig zu argumentieren. "In jedem anderen Valley-skeptischen Buch, das ich kenne, läuft die Kritik nur auf eine Bestätigung der Werte des Valleys hinaus. Mein Buch ist das erste, dem man das nicht vorwerfen kann."

Kobek wird, das ist abzusehen, auf der Buchmesse als wilder Star herumgereicht werden; auch am SPIEGEL-Stand wird er am kommenden Donnerstag auftreten. Kobek gibt vor, er betreibe Aufklärung, und er bedient sich dabei drastischer Mittel: "Die überwiegende Mehrheit der aktiven User besteht aus stammelnden Kackbratzen", liest man einmal in seinem Buch. Den Denker Ray Kurzweil nennt er einen "Hohepriester des unerträglichen Schwachsinns", auch den Apple-Gründer Steve Jobs und den Filmregisseur George Lucas bedenkt er mit Schimpfwörtern. Geradezu teuflische Macht aber schreibt er der 1982 gestorbenen Science-Fiction-Schriftstellerin Ayn Rand ("Der Streik") zu, die von einigen wichtigen amerikanischen Politikern und Wirtschaftslenkern wegen ihrer sozialdarwinistischen Thesen verehrt wird - Kobek nennt Ayn Rand allen Ernstes die "möglicherweise einflussreichste Denkerin der letzten fünfzig Jahre".

An solchen Stellen merkt man: Jarett Kobek hat zwar das möglicherweise irrste, kampflustigste Buch über die schöne neue Netzwelt geschrieben. Doch so komisch und klatschverliebt er unsere Realität des Jahres 2016 zu beschreiben versucht, so anti-aufklärerisch ist letztlich der Impetus dieses Romans. Er will selbst gar nichts anderes sein als ein Produkt jener Kultur aus jähem Hass und bizarren Verschwörungstheorien, die der Autor Kobek so vehement anklagt.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 15.10.2016
1. ...
Interessant, wie man im letzten Absatz noch die Kurve bekommt, von einer lobenden zu einer abwertenden Kritik. Vor allem, weil man den Vorwurf der anti-aufklärerischen Haltung nicht mehr belegt. Ist es anti-aufklärerisch, weil man sich auf die Beschreibung einer Problematik beschränkt? Weil man nicht sagt, wie es anders, besser wäre? Vielleicht ist das ja das Aufklärerische, das man nicht der Illusion unterliegt, man selbst habe die Antworten? Aufklärung im Kantschen Sinne ist die Aufforderung, selbst zu denken, und keine vorgefassten Antworten zu erwarten! In diesem Sinne handelt aufklärerisch, wer seine Mitmenschen zum Selbstdenken anregt. Und das erreicht der Autor vielleicht schon durch den Titel seines Buches.
marian1886 15.10.2016
2. Hm,
seine Pflichten seien zu unterhalten und zu informieren. Ob das Buch unterhaltsam ist, werde ich nach einer Leseprobe herausgefunden haben. Auf seine! Informationen verzichte ich. Sein Interesse ist m.E. schlicht Profit.
thrlll 15.10.2016
3.
"Die überwiegende Mehrheit der aktiven User besteht aus stammelnden Kackbratzen". Will jemand das bestreiten? Ich nicht. Ich glaub, ich kauf mir das Buch schon allein wegen dieses Satzes...
thrlll 17.10.2016
4.
Zitat von NewspeakInteressant, wie man im letzten Absatz noch die Kurve bekommt, von einer lobenden zu einer abwertenden Kritik. Vor allem, weil man den Vorwurf der anti-aufklärerischen Haltung nicht mehr belegt. Ist es anti-aufklärerisch, weil man sich auf die Beschreibung einer Problematik beschränkt? Weil man nicht sagt, wie es anders, besser wäre? Vielleicht ist das ja das Aufklärerische, das man nicht der Illusion unterliegt, man selbst habe die Antworten? Aufklärung im Kantschen Sinne ist die Aufforderung, selbst zu denken, und keine vorgefassten Antworten zu erwarten! In diesem Sinne handelt aufklärerisch, wer seine Mitmenschen zum Selbstdenken anregt. Und das erreicht der Autor vielleicht schon durch den Titel seines Buches.
Noch viel interessanter wird es doch, wenn man die entsprechende Passage liest und feststellt, dass der Autor diese "Möglichkeit" vermutet - aber ganz offenkundig überhaupt nicht gutheißt. Klappt immer gut, das mit dem Rausreißen aus dem Zusammenhang, um etwas zu verreißen...
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