Roman über Ida Bauer und Sigmund Freud Der hysterische Mann

Sigmund Freud wäre nicht amüsiert: In "Ida" erzählt Katharina Adler von der Patientin, über die der Seelenforscher einst seine "Hysterie-Analyse" schrieb. Im Plauderton entlarvt sie Freud als Unsympathen.

Sigmund Freud
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Sigmund Freud

Von Franziska Wolffheim


Eine junge Frau spielt mit ihrer Handtasche herum und steckt ungeniert ihre Finger hinein. Ein nächtlicher Traum führt sie zu einem Bahnhof. Ansonsten leidet sie unter einem Gefühl von Druck auf der Brust. Was hat das alles zu bedeuten? Die Tasche erinnert an ein Genital, der Bahnhof steht für Geschlechtsverkehr und der Druck auf der Brust für verdrängte Lust. Eigentlich fand es die Frau nämlich aufregend, dass ein Freund der Familie sie sexuell angegangen ist. Auch wenn sie sich das nicht eingestehen kann.

Sigmund Freud, dessen Deutungen Katharina Adler in ihrem Debütroman persifliert, ist die heimliche Hauptfigur des Buches, die junge Frau - Ida - ist Freuds Patientin. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Begründer der Psychoanalyse ist hier ein ausgemachter Unsympath, selbstgerecht und kühl. Keiner, den man bewundert für seine - zumindest damals - bahnbrechenden Erkenntnisse über die menschliche Seele.

Ida Bauer, die tatsächliche Protagonistin, ist im Buch sein Opfer, eine junge Frau, gerade mal 18 Jahre alt, die das Gefühl hat, der Doktor wolle alles, was sie sagt, gegen sie auslegen. Ein ständiger Machtkampf, den sie nur verlieren kann. Bis sie nach etwa drei Monaten den Mut aufbringt, die Behandlung vorzeitig zu beenden. Ihre Geschichte ist als "Fall Dora" in die Annalen der Psychoanalyse eingegangen. Dora mit ihrer Hysterie wurde zu der wohl bekanntesten Patientin des Analytikers, über sie schrieb Freud das "Bruchstück einer Hysterie-Analyse".

Mehr als "der Fall Dora"

Die Schriftstellerin Adler aber will ihre Protagonistin nicht auf den "Fall Dora" reduzieren. Ida, Tochter eines jüdischen Textilunternehmers, geboren 1882 in Wien, bekommt im Roman eine eigene Stimme. Sie ist eben nicht nur die Hysterikerin, die in jungen Jahren an diversen Krankheiten leidet, sondern sie hat auch eine Lebensgeschichte, die abenteuerlich und dramatisch ist. Die in Wien beginnt, wo Ida später einen Komponisten heiratet, einen Sohn zur Welt bringt und einen Bridgesalon betreibt. Und die 1945 in New York endet, wo Ida an Krebs stirbt.

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Katharina Adler:
"Ida"

Rowohlt; 512 Seiten; 25 Euro

Dazwischen liegt eine Flucht voller Ängste und Entbehrungen, die Ida zunächst nach Paris führt, wo auch ihr Bruder Otto mittlerweile lebt, einer der führenden Köpfe der österreichischen Sozialdemokraten. Später gelangt sie über Casablanca nach New York. In den USA wohnt sie zunächst bei ihrem Sohn Kurt, einem berühmten Dirigenten, der schon lange vor ihr emigriert ist.

Katharina Adler, 1980 geboren, hat mit ihrem Roman auch ein Kapitel ihrer eigenen Familiengeschichte aufgearbeitet: Ida Bauer - später Ida Adler - ist ihre Urgroßmutter. Über sie hat die Autorin ausführlich recherchiert und Leerstellen mit ihrer Fantasie gefüllt. "Ida" ist keine Biografie mit dokumentarischem Anspruch, sondern ein Roman.

Katharina Adler
Christoph Adler

Katharina Adler

Auch Ida Bauer wird nicht als Sympathieträgerin beschrieben. Sie ist hart, spröde und eigensinnig, aber sie hat Humor. Eine starke Frau, die Kette raucht, ihr Leben in die Hand nimmt und sich von niemandem etwas einreden lässt, nicht einmal von diesem gewissen Dr. Freud. Ida Bauer ist keine Patientenakte, sondern eine unbequeme, manchmal etwas schräge Persönlichkeit.

Es fehlt dem Buch an Tiefenschärfe

Katharina Adler hat versucht, ihre Urgroßmutter lebendig zu machen, und teilweise ist ihr das gelungen. Immer wieder lässt sie Idas scharfsinnigen Witz aufblitzen, wenn sie etwa die Patientin über ihren Therapeuten räsonieren lässt: "Wenn es um Träume ging, hatte der Herr Doktor allerdings so eine Eigenart, sich selbst zu zitieren. Immer wieder kam er auf sein Buch zu sprechen, das er unlängst darüber geschrieben hatte. War es nicht seltsam, zu behaupten, etwas habe seine Richtigkeit, weil man es selbst so aufgeschrieben hatte?"

Trotz hübscher Einfälle fehlt es dem Buch insgesamt an Tiefenschärfe, vieles wird anekdotisch angerissen, aber dann nicht weiter ausgeführt. Wie weit hat die abgebrochene Analyse Ida in ihrem späteren Leben geprägt? Wie ist ihr Verhältnis zu Männern? Das geht in dem stellenweise gewollt naiv daherkommenden Plauderton leicht unter.

Der "Fall Dora" ist häufig von Feministinnen gekapert worden. Sie warfen Freud vor, seine Deutungen seien Phallus-orientiert, und sie bewunderten die widerständige Ida, die in jungen Jahren dem Meister die Tür vor der Nase zugeknallt hat. Auch Katharina Adler zeigt Verständnis für ihre Verwandte, die sogar noch in den USA von dem großen Traumdeuter eingeholt wird. Auf einer Party bekennt eine Sängerin zu Idas Erschrecken, sie habe selbst gerade mit einer Analysis begonnen und finde es fantastic.

Plötzlich ist es wieder da, das Gespenst ihrer frühen Jahre. Sigmund Freud, der 1938 nach London emigrierte, wäre nicht amused über dieses Buch gewesen.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
vera gehlkiel 30.07.2018
1.
Fast schon "typisch Frauenliteratur": da wird eine resolute Madame aus dem Halbschatten eines berühmten Mannes herauspräpariert, der aber dennoch, allerdings als eine Art von Überpopanz, beständig relevant bleibt, und vor allem für die einschlägigen Werbefotos herhalten muss. Warum man bei Freud immer auf die Bilder zurückgreifen muss, die den schwerkranken, im Prinzip über Jahre hin an Kieferkrebs schmerzvoll sterbenden Greis zeigen (der natürlich immer dementsprechend furchtbar starr wirkt), ist ebenso durchsichtig: nur so sieht er eben so richtig aus wie der Guru, der er unbedingt niemals sein wollte, zu dem man ihn aber mit rüder Erbarmungslosigkeit und in falsch verstandenem "wissenschaftlichem" Übereifer schon zu frühen Lebzeiten gemacht hat. Wer Freud kapieren will, sollte sich zunächst mit Hermeneutik befassen, namentlich mit dem Prinzip von Versuch, Irrtum und Analyse, das Popper ein Leben lang versucht hat, auch den Laien nahezubringen. Beweise im Sinn von statistischer Relevanz und randomisierten Doppelblindversuchen gibt es bei Freud eben gerade nicht, und das hat seinen guten Grund. Von daher sollte die Rechthaberei und die Vergötterung, repektive "Entgötterung", endlich aufhören. Hier werden dem Mann Wahrheitsgelüste unterstellt, welche völlig jenseits seiner Lebensprinzipien lagen. Freud war ein Suchender, kein Wissender, ein moderner Sokrates, gerade dies lieben diejenigen, die ihn weiterhin ziemlich verehren, an ihm. Und das können auch, wie in meinem besonderen Fall, feministische Frauen sein. Klar, die archaische Phallussymbolik, und der böse Penisneid! Warum leugnen, dass sie im Sinn, Artefakte unserer frühkindlichen Entwicklung zu sein, unserem inwendigen Bedürfnis nach Magie, der Horde, dem Tabu, der blinden bis blindwütigen Indentifikation jenseits der stets anstrengenden und intellektuell herausfordernden, aber keine Lösungen, sprich "Erlösungen" parat habenden Kultur, "existieren"? Jedenfalls auf einer bestimmten, bildlich orientierten Sprachebene, ebenso wie die antagonistische Kastrationsangst und der Ödipuskomplex. Ich bin als Mädchen sehr eng mit einem zwei Jahre älteren Bruder aufgewachsen, und ich war in der Tat glühend eifersüchtig auf sein männliches Glied. Ich glaube, da hat Freud auf jeden Fall schon mal irgendetwas beobachtet, was etwas für sich gehabt hat...Wenn, generell gesehen, was wieder aktuell geworden ist, dann ja wohl diese Sehnsüchte nach dem Primitiven inmitten der Hochkultur, siehe Fake-News, etc.pp.
Oberleerer 30.07.2018
2.
Diese Zeit damals war einmalig. Die industrielle Revolution befähigte viele Menschen über den Sinn des Lebens nachzudenken. Es wurden neue Dinge und Gesetzmäßigkeiten entdeckt oder nur postuliert und mangels negativer Erfahrung selten hinterfragt. Die damaligen Eliten (hier Freud im Speziellen) standen fast ausnahmslos unter Kokain und Pervitin. Entsprechend skuril und grob muß der Umgamg mit diesen Leuten abgelaufen sein. Dies sollte man sich Bewußt machen. Es erklärt dann auch den Umgang mit einer jungen Frau, mangelnde Selbstkritik und aggressive Notizen.
vera gehlkiel 30.07.2018
3.
Zitat von OberleererDiese Zeit damals war einmalig. Die industrielle Revolution befähigte viele Menschen über den Sinn des Lebens nachzudenken. Es wurden neue Dinge und Gesetzmäßigkeiten entdeckt oder nur postuliert und mangels negativer Erfahrung selten hinterfragt. Die damaligen Eliten (hier Freud im Speziellen) standen fast ausnahmslos unter Kokain und Pervitin. Entsprechend skuril und grob muß der Umgamg mit diesen Leuten abgelaufen sein. Dies sollte man sich Bewußt machen. Es erklärt dann auch den Umgang mit einer jungen Frau, mangelnde Selbstkritik und aggressive Notizen.
Freud hat sich aus absolut kleinen Verhältnissen und beständiger Stigmatisierung herausgearbeitet, hatte früh, und ohne jede finanzielle Absicherung, schon sehr viel Verantwortung für eine eigene Familie. Sein ganzes Leben war schwer und durchwirkt von Schicksalsschlägen. Und eben die persönliche Bekanntheit von Lebensängsten und Familiensorgen, natürlich auch Jahre der Sucht, eine entsetzlich schmerzhafte und entstellende Krankheit zum Schluss, macht seine Arbeiten bis heute so direkt und nahbar, sodass man das Gefühl hat, der Typ sitze nebenan im Zimmer und schreibe immer noch um sein Leben. Dass er Kindern, und sogar Frauen, eine eigenständige Sexualität gab, war gerade das Unerhörte im Bezug auf die Eliten. Wahrscheinlich war das einiges mehr an Freiheit, als viele damals wie heute aushalten können. Denn mit Freud kam auch auf, Freiheit und Angst zusammen zu denken, das ist das Konzept der Neurose nämlich dem Grundsatz nach. Auch wenn ein Sartre glaube ich Freud ablehnte, war er im Bezug darauf eine gewaltige Ecke früher dran als Sartre mit seinem überstark an Heidegger orientiertem Existenzialismus. Und seine Sprache ist auch viel verständlicher, wenn man nun nicht gerade Berufsphilosophin ist.
Tubus 30.07.2018
4. Magere Bilanz
Tja, Psychoanalyse hat mit Wissenschaft eben genau so wenig zu tun wie Religion, Kunst und Literatur. Neben der Pseudowissenschaft des Marxismus die große Falle für Intellektuelle des 20. Jahrhunderts (Popper). Eine Form der Selbstinterpretation, die man (für sich) akzeptieren mag oder auch nicht. Im Vergleich mit der Interpretationskraft der Weltreligionen eine eher magere Bilanz.
vera gehlkiel 31.07.2018
5. @Tubus
Zitat von TubusTja, Psychoanalyse hat mit Wissenschaft eben genau so wenig zu tun wie Religion, Kunst und Literatur. Neben der Pseudowissenschaft des Marxismus die große Falle für Intellektuelle des 20. Jahrhunderts (Popper). Eine Form der Selbstinterpretation, die man (für sich) akzeptieren mag oder auch nicht. Im Vergleich mit der Interpretationskraft der Weltreligionen eine eher magere Bilanz.
Rein technisch gesehen gehört die Psychoanalyse zu den Verfahren, deren medizinische Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen ist. Wieviel "Glauben" andererseis bei den reinen Fans von Gleichungen und Zahlen vorherrscht, das wird wiederum klarer, wenn man sich einmal bewusst macht, dass auch Zahlen letztendlich nur eine Stellvertreterfunktion haben. Sie Symbole von Sprache sind und ein "Organ" benötigen, welches sie deuten und anpassen kann. Etwas, was Freud, getrennt davon und doch zum Gehirn gehörig, als Seele oder Psyche bezeichnete. Und ohne solch eine Instanz ist ein "Atom" ebenso "inexistent" wie ein Freudscher "Trieb". Freuds wissenschaftlicher Ansatz erfüllt die Grundkriterien des popperschen Falsifikationsprinzips mustergültig: Die Sorgfalt seiner Untersuchung von Einzelfällen, die innere Tragkraft der daraus abzuleitenden Argumentationsketten und die Einbettung in einen, sagen wir mal "raumzeitlichen", Kontext erschaffen einen Zusammenhang, über den sehr viel an neuer Theoriebildung stattfinden kann (und ja auch stattgefunden hat, Freud zählt zu den Wissenschaftlern in der Geschichte, auf die sich mit am meisten bezogen wurde. Marx übrigens auch). Und die Überlebenszeit der Theorie bis heute ist mustergültig lange, sie hat also aufgrund ihrer ausgeklügelten Ausarbeitung eine enorme Standfestigkeit bewiesen. Ich selbst bin religiös als linksrheinische Katholikin, aber ohne dabei an Gott zu glauben. Ich sehe das wie die Existentialisten, und somit wohl auch etwas wie Freud: ein wichtiges konstituierendes Moment des Menschen ist seine Bezugnahme auf Gott, und zwar als eine Aufforderung, dass er, in Form der reinen Wahrheit und nichts sonst, prompt erscheinen möge. Im Prinzip würde aber mit seinem realen Erscheinen sofort Schluss sein mit der menschlichen Freiheit. Und dieses Paradoxon zwingt uns als Kulturmenschen, die nicht mehr in die gnädige Selbstvergessenheit des magischen Denkens abbiegen können, eine Haltung des beständigen Verdrängens, Sublimierens, der Unehrlichkeit und Ableugnung auf. Kernpunkt meiner längeren Ausführung: Freiheit ist immer an die Angst gekoppelt, und dieses Faktum kann man nicht wegrechnen, bei aller Liebe zur "reinen" Wissenschaftlichkeit. Trotzdem muss damit umgegangen sein. Und darüber lässt sich im Weltraum nichts lernen, und auch nicht hinter dem Rasterelektronenmikroskop. Wenn sie aber alles, was die rein menschliche Perspektive einnimmt, als "Religionssurrogat" ansehen, dann ist die Psychoanalye selbstverständlich ebenfalls "nur" eines.
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