Ost-Panorama Der Folterknecht des Sozialismus

Ein Geschenk für die deutsche Literatur: Ilija Trojanows großer Roman "Macht und Widerstand" erzählt vom ideologischen Überlebenskampf im Sozialismus. Er hätte dringend auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gehört.

Deutscher Schriftsteller Ilija Trojanow: in der Tradition von Siegfried Lenz
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Deutscher Schriftsteller Ilija Trojanow: in der Tradition von Siegfried Lenz

Von Hans-Jost Weyandt


Was für ein Brocken! Schwergewichtig liegt dieses Buch in der Hand, beladen mit allen Schrecken und dem schier endlos grauen Elend der realsozialistischen Epoche, mehr noch aber mit einer Bedeutsamkeit, die wie aus der Gegenwart gefallen wirkt, zurück in eine Zeit, als das Wort "Zumutung" noch ein klasse Prädikat war, um einen besonders wertvollen Roman zu bewerben. Schon der Titel gebietet mit der Gravität einer Inschrift respektvolle Distanz, und der Behördencharme des Covers weckt erst recht nicht das Verlangen, unter den Buchdeckel zu schauen, der einen granitharten Stoff aus der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts bedeckt wie der vergilbte Laufzettel einer Stasiakte.

Als sei das noch nicht genug, hat Ilija Trojanow die Bedeutungsschwere weiter belastet, er hat persönliche Bekenntnisse und Anliegen gewuchtet auf sein "Lebensbuch", wie er es pathetisch nennt, und er hat sich durch die Verknüpfung von Werk, Moral und Existenz weit herausgewagt auf einen stark vorbelasteten Standpunkt, den seit den Angriffen auf die als "Gesinnungsliteratin" geschmähte Christa Wolf vor einem Vierteljahrhundert deutsche Schriftsteller möglichst weiträumig umgehen.

Doch anders als die gesamtdeutsche Ikone Wolf repräsentiert der politisch engagierte Ilija Trojanow keine nennenswerte literarische Strömung mehr, im Gegenteil, er stellt sich, 25 Jahre später, gegen die Mainstreamvorstellung einer von ihren gesellschaftskritischen Bürden befreiten Literatur. Und weil in dem imposant dröhnenden Titel die Erinnerung an einige besonders ambitionierter Werke widerhallt, von Elias Canetti bis zu Peter Weiss, muss man annehmen, "Macht und Widerstand" stellt nichts weniger dar als Ilija Trojanows Ästhetik des Widerstands gegen eine Romanliteratur, die er zur marktschnittigen Unterhaltungsware zweckoptimiert sieht. Bemerkenswert für einen deutschen Autor seines Rangs, der mit dem internationalen Erfolgsroman "Der Weltensammler" (2006) bewiesen hat, dass er auch vom Lesersammeln eine Menge versteht.

Der Feind steht immer im nächsten Kapitel

Vielleicht ist das alles zu viel, zu gewollt in seiner pathetischen Inszenierung, mag man noch vor dem Lesen einer einzigen Zeile denken. Vielleicht, denkt man weiter, ist eine solche Position überhaupt nicht mehr haltbar, und wer Ulla Lenzes herausragenden Roman "Die endlose Stadt" gelesen hat, der hochreflektiert und realitätssatt von der Unmöglichkeit erzählt, beim Dahingleiten durch das komplex vernetzte Global Village zwischen Hannover, Istanbul und Mumbai sich selbstbestimmt zu verorten, geschweige denn eine klare Opposition zu behaupten, der kann Trojanows Widerstandshaltung zunächst als eine schwerfällige Pathosgeste von gestern abtun, als noch klar völlig klar zu sein schien, wo der Feind steht.

Der Feind steht immer im nächsten Kapitel, scheint vorhersehbar klar, wenn Trojanows Hauptfiguren Konstantin Scheitanow und Metodi Popow abwechselnd zu erzählen beginnen, und wenn sich dann auch noch abzeichnet, dass die beiden zähen Alten exemplarisch Macht und Widerstand in der politischen Nachkriegsgeschichte Bulgariens verkörpern müssen, deutet sich ein Duell an, dessen moralischer Sieger ohnehin feststeht: ein lähmend lehrreiches Scheingefecht, das Spannung nur aus der Frage zu gewinnen scheint, ob der Roman zuerst an seiner Bedeutungsschwere erstickt oder schon vorher unter ihr zusammenbricht.

Nichts lässt auf den ersten Seiten die tatsächliche artistische Leichtigkeit erahnen, mit der Trojanow seine zwei Stimmen umeinander tanzen lässt in ungeheuer viel Freiraum. Denn überraschend kommt der Roman ohne eine übergeordnete Erzählerinstanz aus, die den gewaltigen Stoff organisiert und womöglich in geschichtsmoralisch rechte Bahnen lenkt. Das ist schon deshalb kein Verlust, weil der Roman auch auf eine Handlung verzichtet, die seine beiden Hauptstimmen zusammenführt. Er hat nicht einmal einen Rahmen, der erklären könnte, warum zwei alte Männer im Sofia der späten 90er-Jahre beginnen sollten, abwechselnd aus ihrem Leben zu erzählen.

Der Text gibt sich bedeutungsschwer, ist aber filigran gebaut

Trojanow benötigt tatsächlich nicht mehr als die Genrebezeichnung und den Titel, um den kompletten Roman zusammenzuhalten. So bedeutungsschwer er sich gibt, so atemberaubend filigran ist er gebaut. So ernst sein Anliegen, so fast schon heiter die freie Gestaltung. Doch wenn Trojanow die Last der Geschichte abfedert im schnellen Wechselspiel der kurzen Kapitel - glänzende Miniaturen im Einzelnen, im Ganzen ein verblüffender Formenreichtum -, dann entzieht sich der Autor nicht seinem Thema, sondern gewinnt ihm immer neue Facetten ab.

Es ist ein Roman über Feindschaft und darüber, wie Feindschaft die Gegner deformiert, doch ein Showdown, wie ihn Stefan Heyms "Collin" (1978) schwarzhumorig in einem Krankenzimmer inszeniert, wo zwei in herzlichem Hass verbundene alte Genossen darauf warten, dass der Krebstod des jeweils anderen zum endgültigen Sieg im ideologischen Lebenskampf führt, findet nur als Spiel mit den Erwartungen statt, die sich dem Genre Roman verdanken.

Konstantin und Metodi erzählen komplett isoliert, denn - und das ist natürlich die bittere Pointe von Trojanows freiem Spiel - das Nachwende-Bulgarien hat keinen funktionierenden Rechtsraum geschaffen, in dem sich Opfer und Täter von einst begegnen könnten. Landete ein Dissident früher in den Folterkellern der Stasi, ist er nach der Wende abgeschoben in den 14. Stock eines Plattenbaus. Von dort oben hat Konstantin einen prima Blick auf das Anwesen seines Peinigers Metodi, der nach der Wende die Verwandlung vom Sicherheitschef Schiwkows zum glänzend vernetzten Geschäftsmann bruchlos hingekriegt hat.

Eine bulgarische "Deutschstunde"

Sie kennen einander seit ihrer Kindheit, als der Arztsohn Konstantin seinen Vater auf einem Krankenbesuch zu dem Flickschuster Popow begleitete. Wie Trojanow mit wenigen Sätzen das Elend der Hütte skizziert, in deren Halbdunkel der spätere Bonze Metodi als ängstlicher Bengel hockt, ist genauso meisterhaft eingefangen wie die Reste bürgerlichen Dünkels, die in der Herablassung des Anarchisten Konstantin gegenüber dem machtopportunen Parteisoldaten Metodi mitschwingen.

Und die vulgäre Bigotterie, mit der dieser Folterknecht seine Verbrechen kleinredet, paart sich mit einer aus Mafiafilmen vertrauten Mischung von jovialer Bauernschläue und volkstümlichem Witz, die ahnen lassen, warum Typen wie er unbehelligt davon kommen konnten, während die bitteren Wahrheiten Konstantins kein Gehör finden in der neuen Parlamentarischen Republik, bei deren Wahlen der Kandidat Scheitanow krachend durchfällt.

Wer nach weiteren Analogien zur deutschen Zeitgeschichte sucht, wird rasch fündig, ohne dass der Autor sie aufdrängte: Sie ergeben sich aus der Rede seiner Antagonisten, die Trojanow geformt hat aus den Biografien von Dissidenten und Apparatschiks zu zwei großen, auch widersprüchlichen Figuren, die ihre exemplarische Stellvertreterfunktion weit hinter sich lassen. Die einschüchternd ausgestellte Bedeutsamkeit relativiert sich als ein Bestandteil des komplexen Kalküls dieses bedeutenden Romans, der einem Geschenk gleicht für die deutsche Literatur.

Mit "Macht und Widerstand" hat Ilija Trojanow jenen Roman vorgelegt, den der früh verstorbene Jürgen Fuchs ähnlich mit seinem Fragment gebliebenen "Magdalena" schreiben wollte. Es ist eine "Deutschstunde" in gleichsam stark revidierter Neuauflage (und bulgarischer "Übersetzung"), die nebenbei auch erzählt, wie viel sich geändert hat in der Literatur dieses Landes seit den epischen Lektionen von Volksschriftstellern wie Siegfried Lenz, in deren Tradition Ilija Trojanow sich zweifellos sieht. Ein klassischer Buchpreiskandidat, und dass die Jury des Deutschen Buchpreises nicht einmal ihre Shortlist mit ihm schmückt, ist bedauerlich. Blind muss sein, wer das Raffinement nicht sieht, mit dem dieser Roman die eigene Geschichte im Spiegel eines fremden Raums bricht. Und den Blick öffnet auf eine Landschaft, in der nicht München leuchtet, sondern Sofia duftet.

Und dass dieser Roman Sehnsucht nach dem bulgarischen "Paprikaspätsommer" zu wecken vermag, ist Trojanows Triumph über seinen übermächtigen Stoff.

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