Österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger ist tot

Mit dem Roman "Die größere Hoffnung" wurde sie schlagartig bekannt - jetzt ist die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger gestorben. Den Tod fürchtete sie nie.

Ilse Aichinger
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Ilse Aichinger


Die österreichische Dichterin Ilse Aichinger ist tot. Die Schriftstellerin und Lyrikerin starb am Freitag mit 95 Jahren in Wien, wie ihre Tochter Mirjam Eich mitteilte.

Ihr Roman "Die größere Hoffnung" machte Aichinger 1948 schlagartig bekannt. Spätere Werke waren Hörspiele wie "Knöpfe", Erzählungen wie "Eliza, Eliza" oder "Kleist, Moos, Fasane" und Gedichte ("Verschenkter Rat", 1978). In ihrer eigenwilligen Sprache verband Aichinger analytische Beobachtung mit poetischer Kraft. Das machte sie zu einer der wichtigsten Stimmen in der österreichischen Nachkriegsliteratur. Unter anderem wurde sie mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Georg-Trakl-Preis sowie dem Kafka-Preis ausgezeichnet.

Ilse Aichinger war eine zurückhaltende und medienscheue Autorin. Sie kapselte sich im der Zeit immer mehr von der Welt hab. Schon viele Jahre vor ihrem Tod trat sie nicht mehr in der Öffentlichkeit auf, gab auch keine Interviews mehr. Ihre Arbeit bezeichnete sie als Tarnkappe: "Schreiben kann eine Form zu schweigen sein", sagte Aichinger einst. Das Leben sei eine "absurde Zumutung", sagte sie mal im Gespräch mit der deutschen Presse-Agentur - schon als Kind wollte sie gerne verschwinden. Später half ihr dabei eines ihrer Hobbys: das Kino. Bis ins hohe Alter suchte sie die Dunkelheit und Anonymität des Kinosaals.

Die Dichterin stammte aus einer jüdischen Familie, die Mutter war Ärztin, der Vater Lehrer. Traumatisch erlebte sie die Trennung von ihrer Zwillingsschwester, die mit einem der letzten Kindertransporte nach England geschickt wurde. Sie selbst überlebte die Nazizeit mit ihrer Mutter in einem Versteck nahe der Gestapo-Zentrale in ihrer Geburtsstadt Wien. Nach dem Krieg begann sie ein Medizinstudium, das sie abbrach. In den Fünfzigerjahren war sie wiederholt zu Treffen der Gruppe 47 eingeladen und erhielt 1952 im Ostseebad Niendorf für die Erzählung "Spiegelgeschichte" die Auszeichnung der Gruppe.

Ilse Aichinger
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Aichingers Werk war geprägt von einem Todeswunsch. "Ich habe es immer als eine Zumutung empfunden, dass man nicht gefragt wird, ob man auf die Welt kommen will. Ich hätte es bestimmt abgelehnt", sagte sie der Wochenzeitung "Die Zeit". Den Tod sehnte sie seit über 20 Jahren herbei: "Ich will tot sein, aber sterben möchte ich auch nicht, weil ich einige Male mitangesehen habe, wie lange das dauern kann."

Wider Erwarten lag die Ursache für diese Todessehnsucht nicht in ihren Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs. "Der Krieg war meine glücklichste Zeit", sagte Aichinger einmal der "Zeit". Die Hoffnung habe da noch gelebt, das böse Erwachen sei erst später gekommen.

Ihr Leben nach dem Krieg war von Schicksalsschlägen und Verlusten geprägt. 1953 heiratete sie den Schriftsteller Günther Eich, mit dem sie zwei Kinder bekam. Eich starb 1972 in Salzburg. 1998 starb ihr gemeinsamer Sohn Clemens bei einem Unfall. Aichinger blieb mit ihrer Tochter Mirjam Eich alleine zurück.

Aichingers Texte wurden im Laufe der Zeit immer kürzer. Die Wartezeiten bis zum nächsten länger. 2015 erhielt sie noch den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg. "Ihr zeitloses, von allen literarischen Moden unbeeindrucktes Gesamtwerk mag schmal sein - und doch ist es gewaltig", hieß es in der Begründung der Jury. Die Auszeichnung nahm ihre Tochter entgegen.

Jetzt ist Ilse Aichinger im Alter von 95 Jahren gestorben.

gia/dpa

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insgesamt 4 Beiträge
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hwdtrier 11.11.2016
1. Sie hätte den
Nobelpreis verdient lange vor der Jellinek. R I P. Die Gedichte werden leben.
GinaBe 11.11.2016
2. R.I.P. Ilse Aichinger, auch du bist gegangen jetzt.
Tröstende Worte, Verständnis, auf dem Weg zum du--- (http://www.planetlyrik.de/ilse-aichinger-verschenkter-rat/2013/03/) Danke für alles! Ein großes, besonderes Leben ist-- dokumentiert! Dieser untröstliche November will immer mehr.
oil-peak-fan 11.11.2016
3. Es scheint,...
...als wäre 2016 ein gutes Jahr zum Sterben, wenn man schaut, wie viele Künstler seit Januar gegangen sind. Ich mochte "Seegeister" von ihr (aus: Meine Sprache und ich).
sandbaum30 12.11.2016
4. Dieses Jahr
ist verflixt für die Kulturwelt...Man hofft ja bald, dass es schnell vorbei gehen möge. Ich lese Frau Aichinger immer gern, Kurzgeschichten auch gern mit Schülern. Wie tragisch, dass jemand, der sich den Tod wünscht, so alt wird. Und dennoch danke für Ihr Werk!
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