Neue Talkshow "Im Bett mit Paula" Verbaler Blümchensex

Analsex? Ähm, tja. In der Talkshow "Im Bett mit Paula" will Paula Lambert ihren Gästen die Hosen ausziehen - und mit dem anderen Geschlecht endlich mal ganz offen über Sex reden. Doch die gehemmten Männlein wollen auf ihrer Matratze nicht so recht in Fahrt kommen.

ZDF

Na endlich. Wurde auch Zeit, dass mal jemand das alte Blumfeld-Lied "Lass uns nicht von Sex reden" aushebelt. Dass mal jemand wagt, das Thema Sexualität anzugehen, ohne wahlweise zu gackern, zu lügen, zu übertreiben oder menschenverachtend zu sein. Ausgerechnet das ZDF tut das jetzt - allerdings auf dem Spartenkanal ZDFkultur - und somit muss man nicht dauernd "Geile Frauen stöhnen für Dich am Telefon!"-Spots ertragen. Stattdessen lümmeln sich in ruhigem Berliner Wohnungsambiente zwei bekleidete Menschen bei Schummerlicht auf einem Lotter-Doppelbett - ein Setting, das wohl eine leicht aufgeladene Abendstimmung verströmen soll.

Mit "Im Bett mit Paula" versucht ZDFkultur den Schritt, der nach dem jahrelangen Gejammer um Sexualisierung der Jugend, Pornografisierung durch das böse Internet und Irritationen durch den angeblich neuen Mann und die noch viel neuere selbstbewusste Frau kommen muss: endlich mal offen, ehrlich und angstfrei über Sex reden. Endlich mal die ganzen Missverständnisse zwischen den Geschlechtern ausräumen.

Dazu kuschelt sich "GQ"-Kolumnistin und Buchautorin Lambert mit ihrem männlichen Gast mehr oder weniger locker in weiß bezogene Federn, man stößt an (um die Zunge zu lösen) - und dann soll es losgehen.

Doch leider, es geht nicht so richtig los. Denn "Im Bett mit Paula" ist eine Talkshow und kein Vorspiel mit den bekannten intendierten Folgen. Und leidet deshalb trotz stets mutigem Bemühen um Authentizität und einer angenehm unaufgeregten Gastgeberin am Thema selbst: Denn wenn die Männer, die Lambert auf ihre Matratze zu zerren vermochte, nicht in Stimmung kommen und ihrer schmutzige Phantasie keine Flügel verleihen, ist das, was sie erzählen, nicht wirklich wahnsinnig interessant. Was Knorkator-Sänger Stumpen denkt oder nicht denkt, wenn er eine Frau rumkriegen will, ist für die Zielperson selbst bestimmt relevant. Für alle, die nicht jene Frau sind, hält sich die Relevanz jedoch in Grenzen.

Aus der heißen Party wird nichts

Der beste Zeitpunkt, über Sex zu reden, ist - außer beim persönlichen Gespräch mit Freunden - kurz bevor man ihn hat, idealerweise mit dem Menschen, mit dem man ihn tatsächlich haben will. Lambert versucht im adäquat ausgeleuchteten Setting, mit roten Lippen und schwarz-raschelndem Kleid, mit Offenheit, Bedacht und Humor genau diese intime Situation zu erzeugen, die Peinlichkeit zu überwinden, die aus fehlender Vertrautheit erwächst, die Künstlichkeit der Situation - mit Kamera, Mikro und Studioatmosphäre - zu entschärfen.

Doch außer für Exhibitionisten ist Sextalk eben doch eher Privatsache, und so sind die Gäste zwar zuweilen ulkig verlegen, erzählen, dass das erste Mal zu kurz war, reden über Brüste und Hintern, während Paula erklärt, warum sie hängende Säcke nicht mag. Dazu fallen ZDF-untypische Vokabeln wie Vagina, Schaft und ficken so selbstverständlich, dass die Anstandswauwaus vom Lerchenberg schon früher ins Bett geschickt worden sein müssen.

Aber wirklich zur Sache geht es eben einfach nicht, weder sprachlich noch haptisch: Wenn der nächste Schritt getan werden müsste, das vorsichtige Vorgeplänkel über Vorlieben und Erfahrungen abgehakt, die Schamschranken einen Hauch gesenkt sind und die Party also richtig losgehen und vielleicht auch richtig heiß werden könnte - dann schmeißt Paula den Gast aus dem Bett. Sonst hätte sich das ZDF wohl auch nicht auf das Format eingelassen. Und die Moderatorin vielleicht auch nicht.

Schade auch, dass sämtlichen Gästen, ob dem Regisseur RP Kahl, dem Ex-Viva-Moderator Nilz Bokelberg, der Drag Queen Gloria Viagra und dem Schauspieler Timo Jacobs mit Paula immer nur die eine (Hetero-)Frau gegenüberliegt. Und mit weiblichen Gästen wären wohl ehrlichere Gespräche möglich, Freundinnen-Offenheit, frei von der - auch in unnatürlicher Fernsehumgebung - teilweise irritierenden Mann-Frau-Spannung, die zwar im wirklichen Leben ganz herrlich ist, aber ein Gespräch über Sex nicht einfacher macht. Und Paula müsste die Fahne der selbstbewussten und sexuell übermütigen Lebedame nicht immer alleine hochhalten.

Vielleicht hätte sich Paula statt verschüchterter Sex-Amateure auch ein paar Profis ins Bett holen können. Ein Sexualforscher oder eine Hure würden sicherlich gern auf ihr Laken steigen - und könnten das ganze frivole Sujet statt mit intimen Mini-Geständnissen eventuell mit etwas mehr Erkenntnisgewinn und Bedeutsamkeit würzen.

Doch genug gemotzt. Es ist ein Anfang! Und immerhin weiß man nach der Sendung, dass Gastgeberin Lambert keine Pornos mag, dass Timo Jacobs sich beim Akt lieber den Rücken als die Haare zerwuseln lässt, und dass Nilz Bokelberg, zumindest zum Zeitpunkt der Produktion, noch nie Analverkehr gehabt hat (wenn er denn nicht lügt). Wer weiß, wozu einem das in Zukunft noch nützlich sein kann.


"Im Bett mit Paula", ZDFkultur, Sonntag, 22.00 Uhr

insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lce 07.07.2012
1. Naja...
"Der beste Zeitpunkt, über Sex zu reden, ist - außer beim persönlichen Gespräch mit Freunden - kurz bevor man ihn hat, idealerweise mit dem Menschen, mit dem man ihn tatsächlich haben will. " Kurz vor dem beabsichtigten Akt mit der Person der Begierde über Sex zu reden, ist doch eher eine Garantie dafür, dass es eben nicht dazu kommt...
#2011-0001 07.07.2012
2. Ja.
Zitat von lce"Der beste Zeitpunkt, über Sex zu reden, ist - außer beim persönlichen Gespräch mit Freunden - kurz bevor man ihn hat, idealerweise mit dem Menschen, mit dem man ihn tatsächlich haben will. " Kurz vor dem beabsichtigten Akt mit der Person der Begierde über Sex zu reden, ist doch eher eine Garantie dafür, dass es eben nicht dazu kommt...
Nicht unbedingt eine Garantie, aber die Chance es bei diesem Gespräch zu verbocken, ist ungleich höher, als es einfach zum Sex kommen zu lassen. Der kann dann auch schlecht oder in einer Art sein, die man vielleicht nicht mag, aber man hat wenigstens Sex. Der Punkt ist - zumindest für Männer - nicht unwichtig.
Florentinio 07.07.2012
3. Genau
Zitat von lce"Der beste Zeitpunkt, über Sex zu reden, ist - außer beim persönlichen Gespräch mit Freunden - kurz bevor man ihn hat, idealerweise mit dem Menschen, mit dem man ihn tatsächlich haben will. " Kurz vor dem beabsichtigten Akt mit der Person der Begierde über Sex zu reden, ist doch eher eine Garantie dafür, dass es eben nicht dazu kommt...
Wenn ich davon ausgegangen wäre, dass alle Frauen mit denen ich über Sex geredet habe nachher auch Sex mit mir hätten haben wollen, hätte ich entweder viel zu tun gehabt in meinem Leben oder möglichst schnell das Thema gewechselt.
hairforce 07.07.2012
4.
Zitat von sysopZDFAnalsex? Ähm, tja. In der Talkshow "Im Bett mit Paula" will Paula Lambert ihren Gästen die Hosen ausziehen - und mit dem anderen Geschlecht endlich mal ganz offen über Sex reden. Doch die gehemmten Männlein wollen auf ihrer Matratze nicht so recht in Fahrt kommen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,831386,00.html
kann ich mir vorstellen das die "gehemmten Männlein" auf der Matratze nicht so in fahrt kommen. Man kann innerhalb kürzester Zeit den Sex totreden. Man sollte es halten wie beim Essen z.B. eine Pizza, erst den Rand essen und dann langsam zum besten vorarbeiten.
acores1 07.07.2012
5.
Zitat von sysopZDFAnalsex? Ähm, tja. In der Talkshow "Im Bett mit Paula" will Paula Lambert ihren Gästen die Hosen ausziehen - und mit dem anderen Geschlecht endlich mal ganz offen über Sex reden. Doch die gehemmten Männlein wollen auf ihrer Matratze nicht so recht in Fahrt kommen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,831386,00.html
Wieder Wochenende, bildzeitungartige Artikel bei spon
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.