Ralf Rothmann auf der SPIEGEL-Bestsellerliste "Das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe"

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs soll ein junger Soldat seinen besten Freund hinrichten. Ralf Rothmanns Roman "Im Frühling sterben" steht auf Platz 16 der Bestsellerliste. Wir beantworten die Frage: Und das soll ich lesen?

Deutscher Panzergrenadier: Hineingezogen in die Welt der Landser
DPA

Deutscher Panzergrenadier: Hineingezogen in die Welt der Landser

Von und


An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal Ralf Rothmanns "Im Frühling sterben", neu auf Platz 16.

Keller: Ich habe einen fürchterlichen Fehler gemacht: Ich habe versucht, Ralf Rothmanns neuen Roman "Im Frühling sterben" nebenbei zu lesen. Draußen. In Gesellschaft. Bei gutem Wetter. Und unbeschwerter Laune. Das war ungefähr so unvereinbar wie Laktoseintoleranz und Milch oder weiße Sonntagskleider und Kohle. Ist Rothmann ein Schriftsteller für die ernsten, einsamen Stunden?

Hammelehle: Du willst mit diesem Vergleich doch nicht etwa auf Ralf Rothmanns Romantitel "Milch und Kohle" anspielen?

Keller: War vielleicht ein bisschen plump.

Hammelehle: Was "Im Frühling sterben" angeht - der entscheidende Höhepunkt der Handlung wird bereits auf dem Buchumschlag verraten: In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs erhält ein halbwüchsiger Soldat den Befehl, seinen fahnenflüchtigen Freund zu erschießen. Man weiß also, worauf es hinausläuft. Ich habe das Buch trotzdem mit atemloser Faszination gelesen, hineingezogen in diese Welt der Dorfkneipen, der Schnapstrinker, der Landser und ihrer jungen Freundinnen. Der Ernst des Lebens ist eben vor allem auch Leben bei Rothmann. Weil er so lebendig erzählt.

Keller: Wenn man den Klappentext nicht liest, könnte man es spätestens auf Seite 13 erahnen. Dort wird dieser Vers aus dem alten Testament zitiert: "Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden."

Hammelehle: Rothmann, der oft - so in "Milch und Kohle" über seine Mutter - autobiografisch erzählt, verknüpft die Geschichte der standrechtlichen Erschießung mit seiner eigenen Familiengeschichte. Walter, die Hauptfigur des Romans, ist sein eigener Vater. Dass der dann sein ganzes Leben lang an dem trägt, was er getan hat, wird in der Rahmenhandlung klar. Wobei ich finde, es hätte dieser Rahmenhandlung gar nicht bedurft. Von mächtiger Wucht sind die Szenen, die in den letzten Kriegswochen spielen.

Keller: Die Rahmenhandlung ist aber doch insofern wichtig, weil eine Fragestellung des Buchs ist, ob Eltern ihren Kindern Traumata weitervererben.

Hammelehle: Stimmt. Wobei mich da vor allem die Szene beeindruckt hat, in der Walter aus dem Krieg wieder zu seiner Familie kommt. Diese knapp skizzierte Lieblosigkeit der Mutter. Dass dem Ich-Erzähler der Rahmenhandlung dann aber auf dem Weg zum Grab der eigenen Eltern ausgerechnet Schuberts "Winterreise" durch den Kopf geht: "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus..." Man sollte nicht alle Verbrechen des 20. Jahrhunderts mit der deutschen Romantik verknüpfen. Und nun sag bitte nicht, dass Schubert Österreicher war. Der entscheidende Österreicher in diesem Roman ist ein anderer, Adolf Hitler, auch wenn der in den letzten Kriegstagen nur noch indirekt Macht hat, weil er das Denken beherrscht. Das Naziregime, das Rothmann beschreibt, ist ja nicht von bösartiger Leidenschaft wie die frühen Nazis, sondern von überreizter, ausgebrannt wirkender Grausamkeit. Ein hübsches Detail ist, dass Walter von der Waffen-SS-Division Frundsberg zwangsverpflichtet wird - man könnte an Günter Grass denken, der tatsächlich bei dieser Division war.

Keller: Und das soll ich lesen - wenn ich das nächste Mal bei trübem Wetter und voller Konzentration irgendwo alleine bin?

Hammelehle: "Im Frühling sterben" ist ein grandioser Roman, der stärker sein dürfte, als jede Leseumgebung - und viel mehr ist als bloß ein Antikriegsroman, als der er immer wieder bezeichnet wurde. Das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe.

Maren Keller ist Redakteurin beim KULTUR SPIEGEL. Sie mag Ralf Rothmann schon deshalb, weil er sagt, er habe erst nach seinem Wegzug bemerkt, was für ein poetischer Ort das Ruhrgebiet sei. Sie kommt aus Bochum.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur beim SPIEGEL. Er war einmal in Bochum und hat dort den Schriftsteller Wolfgang Welt besucht.

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

Zuletzt in Und das soll ich lesen?: "Ein ganzes Leben" von Robert Seethaler.

Und das soll ich lesen kommt künftig immer montags.

Anzeige

Die 20 wichtigsten Romane im Frühjahr 2015

Wie Polo sich aus dem Proletenmilieu freistrampelt: In "Mein Vater ist Putzfrau" erzählt Saphia Azzeddine mit viel Situationskomik von einem Jugendlichen aus der Pariser Banlieue. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Kiffer im Weltall: In "Planet Magnon" erzählt Leif Randt von einem Sonnensystem des Wohlstands und der unterdrückten Gefühle - eine faszinierende Allegorie auf die emotionale Unterkühlung des Westens. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Das eigene Unglück wird am Hindukusch bekämpft: In "Die Sprache der Vögel" erzählt Norbert Scheuer von einem Sanitätsgefreiten. Den hat die Flucht vor sich selbst nach Afghanistan geführt. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Zur Waffen-SS oder zur rumänischen Armee? Ursula Ackrill erzählt in ihrem Roman "Zeiden, im Januar" von Siebenbürgen in der NS-Zeit. Ihr Roman ist die Überraschung auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Verschwörungstheoretiker werden an Martin Suters "Montecristo" ihre Freude haben: Ein Journalist deckt einen Bankenskandal auf - und gerät selbst ins Visier mächtiger Hintermänner. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Rainer Maria Rilke als die Drama-Queen des Jahres 1905? Klaus Modicks historischer Roman "Konzert ohne Dichter" steigt in der SPIEGEL-Bestsellerliste auf Platz sechs ein. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen? Lesen Sie hier unsere Rezension.

"Stoner" war die Wiederentdeckung der vergangenen Jahre, jetzt gibt es die nächste Neuauflage von John Williams: "Butcher's Crossing" lässt die Welt der Büffeljäger aufleben. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Mit dem Flow eines guten Films: Rachel Kushner, in den USA gefeiert, erzählt in "Flammenwerfer" mitreißend von einer Heldin, für die das Leben wie ein Kunstwerk ist. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Israels berühmtester Schriftsteller erzählt vom Verrat als kreativem Prozess: Amos Oz' "Judas" kann auch als Anregung gelesen werden, sich im Nahost-Friedensprozess von eingefahrenen Denkmustern zu lösen. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Echte Kerle sind hart im Nehmen, prügeln sich, saufen - und verachten Schwule: In "Das Ende von Eddy" erzählt Édouard Louis herzzerreißend von den Geschlechterrollen im Hinterland. In Frankreich ist das Buch ein Riesenerfolg. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Ein verliebter Student wird zum Ziel einer RAF-Intrige - weil sein Onkel Nazi-Täter war: In "Das Lächeln der Alligatoren" erzählt Michael Wildenhain vielschichtig vom Terrorismus in den Siebzigern. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Wie ein Boxer auf Speed: Mit "Perfidia" beginnt James Ellroy ein Epos von Gier und Grausamkeit - ein höllischer Spaß auf 940 Seiten. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Ein Plädoyer fürs Scheitern: Mit "Das Gegenteil von Einsamkeit" gelang Marina Keegan ein Porträt ihrer Generation - sie wurde in den USA gefeiert, hat diesen Erfolg aber nicht erlebt. Mit 22 Jahren starb sie bei einem Unfall. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Molly Antopol erzählt in "Die Unamerikanischen" von anti-kommunistischer Paranoia, dem heutigen Israel - und davon, wie die Abgründe des 20. Jahrhunderts unser Familienleben prägen. Lesen Sie hier unsere Rezension.

In seinem Familienepos "Wir sind nicht wir" erzählt Matthew Thomas die Geschichte seines Vaters, der früh an Demenz erkrankte. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Unterschwellig tobender Liebeskrieg: Stephan Thome, erfolgreicher Meister des Beziehungsromans, erzählt in "Gegenspiel" sein rheinisch-portugiesisches Ehedrama fort - diesmal aus der Sicht der Frau. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Bevor Boko Haram für Angst und Schrecken sorgt: Der New Yorker Teju Cole reiste für "Jeder Tag gehört dem Dieb" nach Nigeria und fand ein Land, das zermürbt ist von sich selbst. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Der preisgekrönte Bestseller-Autor Arno Geiger hat einen steifen Studenten zum Helden seines neuen Romans "Selbstporträt mit Flusspferd" gemacht. Der lernt, nachdem sich seine Freundin von ihm getrennt hat, die aufregende Aiko kennen. Lesen Sie hier unsere Rezension.

"Old Nobody" auf Odyssee durch das Berliner Nachtleben: Jochen Distelmeyer, gefeierter Songschreiber der Band Blumfeld, veröffentlicht seinen Debütroman "Otis". Viel hat er mitzuteilen. Nur wenig zu sagen. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Michel Houellebecqs neuer Roman "Unterwerfung" ist nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" das Buch der Stunde. Ein Schreckensszenario von einer islamischen Herrschaft über Frankreich aber zeichnet es nicht. Lesen Sie hier unsere Rezension.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
schneider.kyrill 29.06.2015
1. blutiger realismus
blutiger realismus, aber schwache recherche. die waffen ss division frundsberg ist nicht in ungarn eingesetzt gewesen. der versuch auf grass anzuspielen ist also nicht nur gescheitert, sondern plump in seiner machart. schade, hier wurde viel verschenkt mit dieser kleinigkeit. ebenfalls historisch falsch, ja, auch wenn es ein roman ist, der panzerspähwagen mit dem kennzeichen der panzergruppe kleist. diese markierung war im sommer 41, beim angriff auf die su, üblich, dürfte im frühjahr 45 aber auf keinem dt. fahrzeug mehr zu finden gewesen sein. kleinigkeiten, die an der eindringlichen wucht des textes nichts ändern, die aber das ganze fundament dieses textes erschüttern und zumindest mich davon abhielten diesem plausibilität zu zusprechen.
olli0816 29.06.2015
2. Zumindest Teile müssen in Budapest gewesen sein
Zitat von schneider.kyrillblutiger realismus, aber schwache recherche. die waffen ss division frundsberg ist nicht in ungarn eingesetzt gewesen. der versuch auf grass anzuspielen ist also nicht nur gescheitert, sondern plump in seiner machart. schade, hier wurde viel verschenkt mit dieser kleinigkeit. ebenfalls historisch falsch, ja, auch wenn es ein roman ist, der panzerspähwagen mit dem kennzeichen der panzergruppe kleist. diese markierung war im sommer 41, beim angriff auf die su, üblich, dürfte im frühjahr 45 aber auf keinem dt. fahrzeug mehr zu finden gewesen sein. kleinigkeiten, die an der eindringlichen wucht des textes nichts ändern, die aber das ganze fundament dieses textes erschüttern und zumindest mich davon abhielten diesem plausibilität zu zusprechen.
Ich habe ein Buch über die Belagerung von Budapest 1944/45 und dort wird diese Division erwähnt. Teile wurden wohl mit in Budapest eingeschlossen. Laut Wikipedia soll die Division aber an der Oder ab März eingesetzt worden sein und davor im Westen. Ein bisschen widerspüchlich. Ich habe aber das Buch nicht gelesen und von daher weiß ich nicht die Schauplätze, die dort erwähnt werden. Ich denke aber nicht, da es sich um einen Roman handelt, dass 100%ige Stimmigkeit bei den Einsatzgebieten oder irgendwelche Markierungen an den Fahrzeugen das wichtigste wären. Die meisten wissen sowieso nicht, wo diese Division gekämpft hat (ich müßte das auch nachlesen) und ich kann mir sogar vorstellen, das viele Leser noch nicht mal den Namen kennen. Finde ich auch nicht so wichtig.
schneider.kyrill 29.06.2015
3.
sie meinen vermutlich kristián ungvár's buch, das ich für vortrefflich gelungen halte. in diesem wird die frundsberg allerdings nicht erwähnt, es sind auch keine teile der division in oder um budapest eingesetzt gewesen. sie haben recht, letztlich ist das eine marginalie, aber eine fiktion, die auf realgeschichte aufbaut, sollte das fundament der fakten stabil und valide konstruieren, sonst scheitert die fiktion, weil der erzähler unglaubwürdig wird. ich halte die erwähnung der frundsberg letztlich für einen unnötigen hieb auf grass, eine unbedachtsamkeit, die dem text, der sehr genau beobachtet, eher schadet.
annibertazeh 29.06.2015
4. Schade
Betrüblich, wenn "... viel mehr ist als bloß ein Antikriegsroman...", wie's im Interview zu lesen ist. ___ Exakt den bräuchten wir gegenwärtig doch wieder. "Im Westen nichts Neues", "Die Brücke (von Remagen)" u.a. ___ Schröder und Fischer haben sich/uns von den Yankees wieder in kriegerische Händel ziehen lassen. Der SPD-Schnauz ließ Europa am Hindukusch verteidigen. In heutigen Tagen sollen wir wieder in Waffenhandlungen jenseits der Oder-Neisse-Linie verwickelt werden. ___ Der kärglich sich auf "Krieg" beschränkende Roman ist überfällig.
annibertazeh 29.06.2015
5. Schade
Betrüblich, wenn "... viel mehr ist als bloß ein Antikriegsroman...", wie's im Interview zu lesen ist. ___ Exakt den bräuchten wir gegenwärtig doch wieder. "Im Westen nichts Neues", "Die Brücke (von Remagen)" u.a. ___ Schröder und Fischer haben sich/uns von den Yankees wieder in kriegerische Händel ziehen lassen. Der SPD-Schnauz ließ Europa am Hindukusch verteidigen. In heutigen Tagen sollen wir wieder in Waffenhandlungen jenseits der Oder-Neisse-Linie verwickelt werden. ___ Der kärglich sich auf "Krieg" beschränkende Roman ist überfällig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.