Rotlichtroman von Clemens Meyer: Blühende Sauna-Landschaften

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Rotlicht-Roman "Im Stein": Funksignale aus der Halbschattenwirtschaft Fotos
DPA

Aufbau Ost auf die harte Tour: In seinem Roman "Im Stein" erzählt der Leipziger Clemens Meyer, wie das Geschäft mit dem Sex in den neuen Bundesländern zur Boombranche wurde. Ein mächtiger Stimmenchor, in dem neue und alte, kaputte und aalglatte Rotlicht-Unternehmer zu Wort kommen.

Ein abgeschlossenes Studium hat noch keinem geschadet. Erst recht keinem, der über ein kleines Imperium von Prostituierten-Apartments herrscht. Arnold "Arnie" Kraushaar kassiert einige Hunderte dieser Wohnungen in seiner Stadt ab, eigentlich könnte er es ein wenig ruhiger angehen, aber als alter Hase weiß er, dass nur überlebt, wer sich bewegt. Also geht er, der schon einige Blessuren bei Verteilungskämpfen im Milieu davongetragen hat, noch einmal zur Uni. Steuerrecht, Marktanalysen, Unternehmensstrategien, das schaufelt er sich alles rein, wenn er nicht gerade Geld eintreibt.

Da geht noch was in dem Marktsegment, das Arnie sowohl praktisch als auch theoretisch beackert. Oder wie er selbst in einem seiner weniger akademischen Momente sagt: "Aktie Fick steht immer oben."

Arnold Kraushaar ist einer von sehr vielen Charakteren in Clemens Meyers "Im Stein", einem weit, weit ausholenden Rotlichtroman, der tief in die Gedankenwelten von Luden und Prostituierten führt. In dem 550-Seiten-Gewirr aus Stimmen, die lügen, sich selbst betrügen und dabei doch zuweilen offensiv die Wahrheit offenbaren, sticht die von Kraushaar besonders heraus. Ein langes Kapitel widmet Meyer diesem - nun ja - Unternehmer; es beginnt mit einem Absatz, der nur aus drei Worten besteht: "Zuhälter? Nein. Nein."

Ferrari-Ladungen von Geschäftsideen

Alles eine Frage der Definition, und in der Zeit, die Meyer in seinem Großwerk über Markt und Moral im in der Sexindustrie beleuchtet, lösen sich die alten Definitionen gerade auf. Es geht um die Neunziger und die frühen Nullerjahre, um die Aufteilung des Marktes in den neuen Bundesländern. Aus dem Osten Europas strömen Sexarbeiterinnen nach Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg, aus dem Westen Deutschlands rücken alte Bordellbonzen mit Ferrari-Ladungen von Ideen zur Verschönerung des anderen Deutschlands an. Aufbau Ost auf die harte Tour.

Das wird Helmut Kohl wohl nicht mit seinem Wort von den blühenden Landschaften gemeint haben: dieses Wuchern von Sauna-Clubs und Elendsbordellen zwischen Frankfurt an der Oder und Halle an der Saale.

Und mittendrin im explodierenden Rotlichtmarkt: der Analyst und Entrepreneur Arnie Kraushaar, den Autor Meyer als Prophet der neuen Zeiten einführt. Denn dieser Kraushaar kann mit dem neuen Prostitutionsgesetz im Jahr 2001 noch mal richtig verdienen. Die staatliche Maßnahme, die die rechtliche Stellung von Prostitution als Dienstleistung klären und die Rechte der anschaffenden Frauen stärken soll, schafft bei aller guten Absicht nur neue Arbeitsmöglichkeiten für die alten Rotlichtabsahner: Aus Pimps und Puffdaddys werden Steuerberater, aus Mafiosi und Luden werden Immobilienmakler, die mit FKK-Erlebnisparks bei der Aufwertung von heruntergekommenen Regionen im Osten teilzuhaben glauben. Einmal jubiliert ein Kollege von Kraushaar im schönsten Honoratiorendeutsch: "Die Steuern fließen in beide Richtungen."

"Eden City" ist überall

Schattenwelt? Nicht wirklich. Eine riesige, längst nicht mehr von anderen Wirtschaftsbereichen abgekoppelte Arbeitswelt ist es, aus der Clemens Meyer in seinem soeben auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gewählten Roman berichtet, halb im Schatten, halb im Licht der Öffentlichkeit. Seriöse Schätzungen zufolge arbeiten 200.000 Frauen in Deutschland als Prostituierte, bis zu 80 Prozent sollen aus dem Ausland kommen. Ein Markt, der nach eigenen Regeln funktioniert.

Meyer zeichnet diese Regeln anhand einer Stadt nach, die einer seiner Protagonisten ironisch "Eden City" nennt. Eingegangen sind Merkmale aus Frankfurt (Oder), aus Halle an der Saale und natürlich aus Leipzig, der Heimatstadt Meyers, der auch die Kleinkriminellen seines ersten, stürmisch gefeierten Romans "Als wir träumten" entsprungen sind. Zum Erscheinen 2006 jubilierte die Literaturkritik über einen Autor, der an Hubert Fichte oder Jörg Fauser geschult schien, an früh verstorbene Autoren der siebziger und achtziger Jahre, die das sogenannte Milieu beschrieben, ohne dabei Voyeurismus zu bedienen.

In seinem Prostitutionspanorama, das an diesem Mittwoch erscheint, folgt Clemens Meyer nun den sympathisch schnoddrigen Selbstgesprächen der Figuren - streut aber auch unerträglich lakonische Passagen ein. Etwa wenn eine freischaffende Prostituierte seitenlang das Für und Wider durchgeht, in ihrer Annonce Analverkehr anzubieten. Oder wenn im Radio ein "Huren-Tester" in menschenverachtendem Pornodeutsch Nachteile und Vorzüge von Sexmarktteilnehmerinnen aufzählt. Oder wenn Meyer beschreibt, wie minderjährige Sexsklavinnen in einem Bordell Disney's "Lustige Taschenbücher" lesen, bevor sich die Männer an ihnen vergehen und in der Imagination der Missbrauchten mit den Comic-Figuren verschmelzen.

Zwischen Sachsensumpf und blühenden Saunalandschaften: "Im Stein" ist ein verführerischer, aufwühlender, am Ende perfide orchestrierter Stimmenchor aus dem Halbschatten eines der mächtigsten Wirtschaftszweige des Landes.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Schade
privat23 20.08.2013
Zitat von sysopAufbau Ost auf die harte Tour: In seinem Roman "Im Stein" erzählt der Leipziger Clemens Meyer, wie das Geschäft mit dem Sex in den neuen Bundesländern zur Boombranche wurde. Ein mächtiger Stimmen-Chor, in dem neue und alte, kaputte und aalglatte Rotlicht-Unternehmer zu Wort kommen. "Im Stein": Prostitutions-Panorama von Clemens Meyer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/im-stein-prostitutions-panorama-von-clemens-meyer-a-915377.html)
es gibt kein "What goes around - comes around" für diese "Herren" Ein mächtiger Stimmen-Chor, in dem neue und alte, kaputte und aalglatte Rotlicht-Unternehmer zu Wort kommen.
2. 10 Gerechte
vepchi 20.08.2013
wären in Sodom notwendig gewesen, um die Stadt vor dem Verderben zu retten. Ein Clemens Meyer wird also nicht ausreichen, um die Sachsen zum wiederholten Mal in ihrer Geschichte davor zu bewahren, sich für die falsche Seite entschieden zu haben. Der Unterschied zu Sodom und Gomorra wird nur darin bestehen, dass von diesen immerhin noch die Bibel und die Archäologen berichten, während von den sächsischen "m/w-Integrationsmustern" in 100 Jahren kein Stein mehr erzählen wird. Ein gottverlassenes Land.
3. Steuersparmodelle
iman.kant 20.08.2013
Arnie tut gut daran Steuerrecht zu studieren. Warum Steuern in Deutschland zahlen, er braucht ja nur eine Muttergesellschaft in der Schweiz gründen und die Lizenzgebühren für die deutsche Geschäftstätigkeit über die Schweiz laufen lassen. Schwub steht der Deutsche Michel ohne Kohle da. Schelm wer dabei was böses denkt.
4. Das weiß ja nun auch.......
habnichviel 20.08.2013
der letzte, daß die Zeit der Heiamanns-Loddel vorbei ist. Das sind jetzt Investoren, die den Bewegungsraum für diese Damen bereitstellen und natürlich nach Gesetzeslage auch die Hausordnungen dieser Etablissements. Die dort Beschäftigten zahlen mit ihren Mieten die laufenden Kosten, also auch die Kredite der Rotlicht-Unternehmer ab. Diese kümmern sich nur noch ums Geld und haben null Kontakt zum anschaffenden Wesen. Dazu kommen noch Marketingstrategien und gerichtliche Auseinandersetzungen mit Behörden und Anliegern. Und das ist gut so für die Freier und auch für die Damen. Somit gehören auch die Kiezschlachten der Vergangenheit an. Eigentlich ein sauberes Gewerbe, welches dem Tourismus in Deutschland Flügel verleiht. Ich denke nur an die Amerikaner, die in USA für einen Blowjob bis zu $400 hinlegen müssen, weil dort fast alles verboten ist.
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