Einwanderer-Roman Amerika, mein Alptraum

Bei zwei New Yorkern ist plötzlich alles anders: Mit ihrem prägnanten Roman über einen Chauffeur aus Kamerun und seinen Lehman-Brothers-Chef webt Imbolo Mbue Asyldrama und Finanzkrise zusammen.

New Yorker Finanzdistrikt
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Und so wacht man also jeden Morgen auf, scrollt sich vorsichtig durch die Nachrichten und die Twitter-Timeline, mit der Ahnung, dass in der Nacht Trump wieder irgendwas angerichtet hat. Mit der Hoffnung, dass irgendwer endlich eine Lösung gefunden hat. Mit dem Wissen, dass das Land, das man noch im Kopf hat, wenn man an die USA denkt, nur noch Fantasie ist.

Was wie ein verdammt erwartbarer Einstieg dieser Tage wirkt, spiegelt allerdings den Kern der Geschichte, die Imbolo Mbue in "Das geträumte Land" mit sehr viel Empathie erzählt: Die Erkenntnis zweier Männer, dass das Land, in dem sie leben, doch ganz anders ist als geglaubt.

Da ist Jende Jonga, 33, Kameruner und seit drei Jahren in New York, er lebt mit Frau und Sohn in Harlem, sie haben Asyl beantragt, der Sohn wird angehalten, in der Schule keinen Spaß zu haben, sondern zu lernen, er soll doch mal Arzt werden. Und Clark Edwards, etwas älter, New Yorker Banker bei Lehman Brothers, hat eine Wohnung an der Upper East Side, ein Haus in den Hamptons, eine unendlich gelangweilte Frau und zwei Söhne, der älteste schmeißt sein Jurastudium und geht nach Indien, um zu meditieren.

Die Story setzt ein, als Jende 2007 als Mr. Edwards' Chauffeur anheuert - und endet einige Zeit nach dem Finanzkollaps. Und dazwischen sind sie unterwegs, der eine vorne in der Limousine, der andere hinten. Hier, im Wagen, vom Bankenviertel zum Chelsea Hotel zum Park cruisend, ortlos, entsteht zwischen den beiden so etwas wie Nähe. Die Szenen, in denen die beiden umherfahrend plaudern, gehören zu den schönsten des Romans.

Es sind zwei große Geschichten über Desillusionierung, die Mbue hier ineinanderwebt. Und darüber, welchen Entscheidungsspielraum man hat, danach sein Leben zu ändern. Je nachdem, an welchem Ende der sozialen Hackordnung man lebt.

Autorin Imbolo Mbue
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Autorin Imbolo Mbue

Indem Mbue - deren Debüt gerüchtehalber für eine Millionen-Dollar-Summe verkauft wurde, die Filmrechte liegen längst bei Sony - Clark Edwards eben nicht als miesen Typen anlegt, fällt die Gut/Böse-Schablone weg. Wann gibt es das schon, einen Roman, in dem sich alle sympathisch sind, sich mit Respekt und Witz begegnen? Aber so werden die Nuancen von Unverständnis deutlicher, mit denen sich ihre Figuren begegnen. Und auch der ganz subtile Alltagsrassismus, auf den man nur im Sinne von "Africa is not a country" reagieren kann.

Jende ist nach wie vor überzeugt von der Chimäre, dass die Vereinigten Staaten das Land der Verheißung sind: "Jeder will nach Amerika, Sir. Jeder. In diesem Land sein, Sir. In diesem Land leben. Ah! Das ist das Größte überhaupt, Mr. Edwards." Seine Familie folgt der Tellerwäscher-Überzeugung, dass jeder "bedeutend" werden kann, wenn man nur ranklotzt; seine Frau arbeitet als Pflegerin und geht nebenher aufs College, für ihren Traum, Apothekerin zu werden.

Sie stehen für all jene, die ihr Geschick in die eigene Hand nehmen und dann in einem absurden Wirrwarr aus Arbeitserlaubnis, Asylantrag, Ablehnung und In-der-Illegalität-Wegducken stranden. Immer mit der Angst vor der Polizei. Bis Jendes Körper streikt. Und er eine Entscheidung trifft - die seine Frau Neni nicht mittragen will. Sie, die so willensstark ist, scheitert an Codes, die Jende aus Kamerun verinnerlicht hat: "Glaubst Du, ich bin eine amerikanische Frau?", sagt sie zu einer Freundin. "Ich kann meinem Mann nicht einfach sagen, wie ich es haben will."

Fast zu viel des Guten

Dass Clark Edwards einer der "guten" Banker ist, einer von denen, die früh die moralische Verfehltheit der Branche anprangern ("Das Schiff sinkt!"), ist wie gesagt dramaturgisch sinnvoll, aber schrammt mehr am Klischee als fundiert kritisch zu sein. Etwa wenn Jende ihn zum Sonnenuntergang in den Park fährt: "Die einzigen beiden Menschen, die er je kennengelernt hatte, die ihren Tagesablauf unterbrachen, um am Wasser zu sitzen und auf den Horizont zu starren." Und natürlich muss Edwards nach seiner Kündigung Lobbyist für kleine Genossenschaftsbanken werden. Das ist fast zu viel des Guten.

Doch beide verbindet, dass sie lange in Fiktionen gefangen waren. Die Jongas bauten ihr Leben auf einer Popkultur-Idee von einem Land auf, Edwards und seine Kollegen die Wirtschaft auf einem Haufen erfundener Finanzprodukte. Die Vorstellung, die sich beide von den USA gemacht haben, hält dem Abgleich mit der Realität nicht stand - ein Eindruck, den seit dem 20. Januar viele tagtäglich haben. Die Situation erinnert an die "imaginary homelands", die "Heimatländer der Phantasie", über die Salman Rushdie einst schrieb - nur dass es in diesem Fall nicht ein fernes Woanders ist, nach dem man sich sehnt, sondern das Land, in dem man morgens aufwacht.

In diesem Sinne schwingt die Zerrissenheit aus Chimamanda Ngozi Adichies "Americanah" mit - auch wenn Mbues Roman sprachlich nicht daran herankommt - genauso wie die absurde Apartheid-Enklave zwischen Weißen und Lateinamerikanern in Kalifornien, die T. C. Boyle in "Amerika" beschreibt.

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Imbolo Mbue:
Das geträumte Land

Aus dem amerikanischen Englisch von Maria Hummitzsch

Kiepenheuer & Witsch, 432 Seiten, 22 Euro

Aber bei Imbolo Mbue, selbst aus Kamerun eingewandert, herrscht noch ein anderer Eindruck vor, den man überraschend selten so prägnant in Immigrations-Romanen findet: Die Atmosphäre ist geprägt von einer labyrinthischen, ja kafkaesken Willkür, mit der irgendwer darüber entscheidet, wer rein darf und wer nicht. Selbst Jendes Anwalt Bubakar bleibt nur, in Zeichen zu lesen wie Wahrsagerinnen im Kaffeesatz. Und man zweifelt nicht, dass das wahrhaftig ist. In einem Land unter Präsident Trump erst Recht nicht.

Jetzt wünscht man sich nur eines: einen Roman über Asylsuchende hier, der den Wahn aus Anträgen, Warteschlangen, Formularen und Stempelzetteln in seiner Irrationalität so präzise abbildet, dass sich etwas ändert. Weil: Die ganzen Dokus reichen ja offenbar nicht.

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sarkasmis 17.02.2017
1. Das Leben ist kein Wunschkonzert
"Jetzt wünscht man sich nur eines: einen Roman über Asylsuchende hier, der den Wahn aus Anträgen, Warteschlangen, Formularen und Stempelzetteln in seiner Irrationalität so präzise abbildet, dass sich etwas ändert. Weil: Die ganzen Dokus reichen ja offenbar nicht." Gerade erst wurde ein junger Eritreer verurteilt weil er sich unter mehreren Namen registriert hat und mehrfach Sozialleistungen kassiert hat. Seine Verteidigung war es, dass man es ihm leicht gemacht habe. Erst nach 1,5 Jahren habe man mal angefangen Fingerabdrücke zu nehmen. Sonst hat man schlicht alle seine Angaben geglaubt ohne weiter nachzuprüfen. Ich finde nicht, dass man als Einwanderer, zumal als ungewollter, ein Recht hat sich über das Land zu beklagen, in das man eingewandert ist. Man hat es sich schließlich so ausgesucht. Hinzu kommen oftmals illusionen, wie das Land in das man einwandert gestrickt sei. Das Trump Amerika ist halt die Realität. Damit muss man klarkommen oder eben wieder gehen.
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