"In guten wie in schlechten Tagen" Eine Ehe zerbricht - auch am Rassismus

Zart romantisch und schmerzhaft realistisch verknüpft US-Autorin Tayari Jones in ihrem Roman eine berührende Beziehungsgeschichte mit einem beklemmenden Rassismusdrama. Nicht nur Barack Obama ist begeistert.

Tayari Jones
Nina Subin

Tayari Jones

Von Britta Schmeis


In wenigen Tagen wird "Beale Street" in die Kinos kommen, eine Adaption von James Baldwins Roman über die Willkür der weißen Justiz, die rassistische Polizei und ein junges schwarzes Paar, das nach frei erfundenen Vergewaltigungsvorwürfen auf unbestimmte Zeit getrennt wird. Es geht darin um die Kraft der Liebe und der Familie und was es bedeutet schwarz zu sein - im New York der Siebzigerjahre.

In Tayari Jones' Roman "In guten wie in schlechten Tagen" geht es um ein junges schwarzes Paar, die Willkür der Justiz, die rassistische Polizei, um die Möglichkeit und Unmöglichkeit romantischer Beziehungen, der Frage nach Familie, und es geht um das Leben der Afro-Amerikaner Ende der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts. Und genau das ist das Schmerzliche, einer der vielen schmerzlichen Momente dieses komplexen Romans.

Roy und Celestial sind gerade einmal eineinhalb Jahre verheiratet und auf dem besten Wege zu einem wohlsituierten Leben, als das zerstörerische Moment über sie hereinbricht. Roy kommt aus einfachen Verhältnissen, hat studiert, trägt inzwischen feinen Zwirn und Budapester. Er hat einen klaren Lebensplan. "Ein Junge aus Eloe braucht eine Strategie." Improvisation und Spontaneität "mögen schön sein, für die, die es sich leisten können" - vornehmlich privilegierte Weiße.

Celestine kommt aus gutem Hause, ist eine stolze "Südstaatenfrau, der man nicht widerspricht", arbeitet an ihrer vielversprechenden Künstlerkarriere. Die beiden lieben sich so leidenschaftlich wie sie sich streiten. Während eines Besuchs bei Roys Eltern im fiktiven Eloe in Louisiana übernachten sie in einem Hotel, wo sie plötzlich aus dem Schlaf gerissen werden, weil Roy eine weiße Frau vergewaltigt haben soll - er wird zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Der Lebensplan des jungen Paares ist zerstört.

US-Gefängnis, Kalifornien
REUTERS

US-Gefängnis, Kalifornien

Jones erzählt nur kurz von dem genauen Tathergang oder gar dem Gerichtsverfahren und dem anschließenden Bemühen, die Justiz doch noch von Roys Unschuld zu überzeugen. Die 1970 in Atlanta geborene Autorin lässt vielmehr ihre Protagonisten, erst Roy und Celestial, später auch Andre, einen Kindheitsfreund von Celestial und Studienfreund Roys, jeweils ihre Version der Geschichte erzählen.

Das ist klug. Denn das eröffnet dem Leser die Möglichkeit, die so ganz unterschiedlichen Perspektiven einzunehmen. Fast scheinen die Figuren um die Sympathie, das Verständnis, die Gnade und Vergebung des Lesers zu buhlen. Doch Jones bietet dem Leser keine eindeutige Parteinahme an.

Einen intensiven und intimen Blick in die Seelen des jungen Paares eröffnet der Briefwechsel zwischen Roy und Celestial während der Gefängniszeit. Fast schmerzhaft offenbaren diese Briefe die Sehnsucht und die Verzweiflung Roys, seine unbeholfenen Worte, seine fast kindliche Sprache, zunehmend voller Selbstmitleid. Und dann ist da Celestial, die immer reservierter, wortkarger wird, bis ihre Briefe irgendwann ganz ausbleiben.

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Tayari Jones
In guten wie in schlechten Tagen

Verlag:
Arche Literatur Verlag AG
Seiten:
352
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Britt Somann-Jung

Jones lässt in ihrem vierten Roman (dem ersten ins Deutsche übersetzten) ihre Protagonisten von den kleinen Momenten erzählen, die eine Beziehung ausmachen, zerbrechen lassen und auseinandertreiben, von Zweifeln und Hoffnung: auf eine romantische Liebe und eine respekt- und liebevolle Ehe. Sie beschreibt tradierte Geschlechterrollen, gescheiterte Kernfamilien und funktionierende Ersatzfamilien.

"In guten wie in schlechten Tagen" erhielt in den USA eine Reihe von Auszeichnungen, unter anderem setzte Barack Obama ihn auf seine Sommer-Leseliste. Weil es ein ergreifender Ehe-, Familien-, Beziehungsroman ist. Vor allem aber wirft er einen intimen, sensiblen Blick auf schwarze Lebenswirklichkeiten.

Lebenswirklichkeiten, die von rassistischen Repressalien geprägt sind und in denen "die falsche Hautfarbe am falschen Ort" immer noch in einer Katastrophe enden kann. In die selbst aufgeklärte und erfolgreiche Schwarze hineinwachsen: "Ich bin ein amerikanischer Standard-Negro", sagt Roy einmal. Er weiß um die Stereotypen, die ihm zum Verhängnis geworden sind und jederzeit wieder werden können.

"An American Marriage" lautet der Originaltitel, und er beschreibt den Roman sehr viel besser. Denn Tayari Jones erzählt die traditionelle amerikanische Liebesgeschichte neu, erkundet über ihre Figuren das Auseinanderbrechen einer Beziehung wie es überall auf der Welt geschehen könnte. Aber sie erzählt das im Kontext sozialer Ungerechtigkeit und Rassismus, seinen Folgen für Familien, Beziehungen, auf ganz individuelle Leben, das Leben schwarzer Amerikaner im 21. Jahrhundert.



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Seite 1
dieter-ploetze 28.02.2019
1. laut wissenschaft gibt es keine menschenrassen
es gibt statt dessen genetische vielfalt. das sollte doch auch mal langsam in den medien beachtet werden. das wort rassismus hat eine rein negative einordnung und trifft daher oft nicht den kern des problems. es waere dann passender in solchen faellen von verschiedener herkunft, verschieden gepraegtem auesseren oder auch von kulturellen unterschieden zu schreiben. je nachdem. denn das sind doch die trennungslinien durch gesellschaften. verschiedene rassen gibt es nur in der tierwelt.
Jetzt_mal_ernsthaft 01.03.2019
2. Ja, aber
Das Problem mit derartiger Literatur bzw Filmen ist, dass sie Schwarzen, die halbwegs erfolgreich und in gesicherten Verhältnissen leben, nicht erlauben ohne Angst zu leben."Das Böse lauert immer und Überrrrallll" - erinnert ihr euch noch ? Das ist wie Folter und führt zu entsprechenden Verhaltensweisen. Natürlich lebt der Rassismus immer noch, da gibt es absolut nichts zu beschönigen, aber die Mehrzahl der Lebensläufe schwarzer Amerikaner verläuft friedlich; lachen, lernen und leben sind erlaubt. Machen wir uns nichts vor, es gibt (auch) in den USA eine Gruppe von gut-meinenden Menschen, schwarz und weiß, die vom Thema "verurteilt den Rassismus" leben, obwohl sie nicht davon betroffen sind. Auch das ist eigentlich ok und ehrenhaft, darf aber nicht dazu führen, dass den Schwarzen insgesamt die Freude am Leben genommen wird bzw erklärt wird wie sie sich zu fühlen haben. Die Bezeichnung "Afro-American" ist ein gutes Beispiel für diesen Konflikt. Die schwarzen Amerikaner die ich kenne (und eine davon seit 40 Jahren liebe...) sehen sich als "Black Americans", sie sagen, dass sie mit Afrika nichts zu tun haben wollen. Weiße Familien die vor Generationen eingewandert seien würden ja auch nicht mehr als Bellgian Americans oder German Americans bezeichnet werden. (Zum Glück, sonst wäre Trump ein German American...). Sie seien Whites (so werden sie von den "anderen" bezeichnet) oder "Kaukasians" (so bezeichnen sie sich selbst offiziell) - also sind wir "Black Americans". Mein persönliches Fazit - ich werde dieses Buch nicht lesen, weil ich über den Gegenstand bestens informiert bin und zwar in allen Fazetten. Ich brauche wirklich nichts was dieses schmerzliche Wissen , diese Wunde in meinem Gerechtigkeitssinn noch weiter aufreißt. Daher fand ich "If Beale Street could talk" deprimierend und filmisch langweilig weil jederzeit voraussehbar war, was nun passieren wird und wie es enden wird. "Green Book" hingegen zeigte, daß Rassismus überwindbar ist, besonders auf persönlicher Ebene. Wir gingen beide nachdenklich aber doch frohen Herzens aus dem Kino. Mehr kann man nicht erwarten. Der Oscar was absolut verdient !
cobaea 01.03.2019
3.
Zitat von Jetzt_mal_ernsthaftDas Problem mit derartiger Literatur bzw Filmen ist, dass sie Schwarzen, die halbwegs erfolgreich und in gesicherten Verhältnissen leben, nicht erlauben ohne Angst zu leben."Das Böse lauert immer und Überrrrallll" - erinnert ihr euch noch ? Das ist wie Folter und führt zu entsprechenden Verhaltensweisen. Natürlich lebt der Rassismus immer noch, da gibt es absolut nichts zu beschönigen, aber die Mehrzahl der Lebensläufe schwarzer Amerikaner verläuft friedlich; lachen, lernen und leben sind erlaubt. Machen wir uns nichts vor, es gibt (auch) in den USA eine Gruppe von gut-meinenden Menschen, schwarz und weiß, die vom Thema "verurteilt den Rassismus" leben, obwohl sie nicht davon betroffen sind. Auch das ist eigentlich ok und ehrenhaft, darf aber nicht dazu führen, dass den Schwarzen insgesamt die Freude am Leben genommen wird bzw erklärt wird wie sie sich zu fühlen haben. Die Bezeichnung "Afro-American" ist ein gutes Beispiel für diesen Konflikt. Die schwarzen Amerikaner die ich kenne (und eine davon seit 40 Jahren liebe...) sehen sich als "Black Americans", sie sagen, dass sie mit Afrika nichts zu tun haben wollen. Weiße Familien die vor Generationen eingewandert seien würden ja auch nicht mehr als Bellgian Americans oder German Americans bezeichnet werden. (Zum Glück, sonst wäre Trump ein German American...). Sie seien Whites (so werden sie von den "anderen" bezeichnet) oder "Kaukasians" (so bezeichnen sie sich selbst offiziell) - also sind wir "Black Americans". Mein persönliches Fazit - ich werde dieses Buch nicht lesen, weil ich über den Gegenstand bestens informiert bin und zwar in allen Fazetten. Ich brauche wirklich nichts was dieses schmerzliche Wissen , diese Wunde in meinem Gerechtigkeitssinn noch weiter aufreißt. Daher fand ich "If Beale Street could talk" deprimierend und filmisch langweilig weil jederzeit voraussehbar war, was nun passieren wird und wie es enden wird. "Green Book" hingegen zeigte, daß Rassismus überwindbar ist, besonders auf persönlicher Ebene. Wir gingen beide nachdenklich aber doch frohen Herzens aus dem Kino. Mehr kann man nicht erwarten. Der Oscar was absolut verdient !
Also nicht der Rassismus ist das Schlimme, sondern die Tatsache, dass darüber Bücher geschrieben oder Filme gedreht werden? Nicht die Tatsache, dass Schwarze der Polizei nicht vertrauen (können) und Bewegungen wie "Black Lives Matter" darauf aufmerksam machen müssen, verunsichert die dunkelhäutige Bevölkerung, sondern, dass Filme diese Ungleichbehandlung thematisieren und dann auch noch womöglich ohne Happy End enden? Scheint mir doch eine etwas gewöhnungsbedürftige Weltsicht.
cobaea 01.03.2019
4.
Zitat von dieter-ploetzees gibt statt dessen genetische vielfalt. das sollte doch auch mal langsam in den medien beachtet werden. das wort rassismus hat eine rein negative einordnung und trifft daher oft nicht den kern des problems. es waere dann passender in solchen faellen von verschiedener herkunft, verschieden gepraegtem auesseren oder auch von kulturellen unterschieden zu schreiben. je nachdem. denn das sind doch die trennungslinien durch gesellschaften. verschiedene rassen gibt es nur in der tierwelt.
Das ist eben der Unterschied zwischen Wissenschaft und Alltag. Natürlich gibt es keine Menschenrassen - der Mensch an sich ist die "Rasse". So lange sich das aber unter Jenen noch nicht herumgesprochen hat, die andere Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe und/oder Herkunft und/oder Religion diskriminieren, so lange gibt es eben "Rassismus". Denn diese Leute glauben eben immer noch nicht, dass es keine "Rassen" gibt. Und selbstverständlich ist "Rassismus" eine "rein negative Einordnung". Alles andere wäre eine Schande. Und es trifft sehr wohl den Kern des Problems - nämlich denjenigen, dass Menschen allein auf Grund ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihrer Religion diskriminiert werden.
schonausgewandert 05.03.2019
5. Rassismus ist nur....
Die benannte Spitze des Eisbergs! Beim Rassismus wird nicht eine bestimmte Gruppe niedrig gestellt sondern der Rassist stellt sich höher! Das Weltbild einer mir bekannten Katholiken sieht so aus: zuoberst stehen die deutschen Katholiken, dann kommen die deutschen Protestanten, dann die-weiß haeutigen Ausländer und zuunterst die Menschen anderer Hautfarbe. Einfach strukturierte Mitmenschen schauen doch bereits auf die Bewohner des Nachbar- Dorfes herunter. Bzw. halten sich selber für etwas Besseres. Meine Erfahrung ist: umso weniger ein Mensch selber darstellt, desto mehr seines Selbstwertgefühls bezieht er auf aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Der Wert dieser Gruppe wird einfach in den Himmel gehoben, selbst wenn es nur z.B. ein Haufen dumm grunzender Glatzen ist. Rassismus hat nichts mit "Rasse" zu tun, Aeusserlichkeiten sind einfach ein leichtes Sortier-Kriterium, und genau das brauchen einfache Mitmenschen.
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