Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2016 Literatur als Häschenschule

Tag eins des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt. Dort lesen Autoren vor einer gestrengen Jury, ganz so, als säßen sie in der Schule. Damit macht sich die Literaturkritik lächerlich.

Autorin Stefanie Sargnagel
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Autorin Stefanie Sargnagel

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Der wichtigste Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum beginnt. Das Wettlesen von Klagenfurt, der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2016, die 40. Tage der deutschsprachigen Literatur. Drei Tage lang wird gelesen. Wenn das Wetter gut ist, springt bestimmt jemand in den See, wie es die Klagenfurt-Folklore so will, ein paar der Debütanten werden sich etwas verloren fühlen, und wenn sie am Morgen verkatert aufwachen, doch das Gefühl haben, nun zur Literatur zu gehören. Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel ist der Star in diesem Jahr, ansonsten ist bemerkenswert, dass nur zehn der 14 Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum kommen - die anderen sind aus England, Israel, Serbien und der Türkei. Das könnte interessant sein.

Wenn da nicht die Jury wäre.

Womit nichts gegen die sieben Kritikerinnen und Kritiker sowie den Professor gesagt sein soll, die sich in den kommenden Tagen Lesungen anhören, darüber reden und am Ende die Gewinnerin oder den Gewinner küren werden. Alles honorige Leute, die von der Liebe zum geschriebenen Wort leben. Das Prinzip ist das Problem in Klagenfurt. Wie Schüler müssen die Autorinnen und Autoren vortreten und ihren Text lesen, um dann schweigend zu ertragen, was die eigentlichen Herrinnen und Herren des Verfahrens über diesen Text zu sagen haben. Literatur als Häschenschule.

Mit Reich-Ranicki und Raddatz wurde es niemals langweilig

Diese Inszenierung mag einmal ihre Berechtigung gehabt haben. Die Sitzungen der berühmten Gruppe 47 etwa funktionierten ganz ähnlich. Allerdings ging es damals darum, den Sprachschutt des Dritten Reichs wegzuräumen und zu versuchen, nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust neu anzufangen, eine neue Sprache zu finden. Darüber wurde hart gestritten - was trotzdem unerträglich sein konnte, wie man in Jörg Magenaus schönem Buch über die Reise der Gruppe 47 nach Princeton nachlesen kann.

Auch als sich Großkritiker wie Marcel Reich-Ranicki oder Fritz J. Raddatz in Stars verwandelten, gab es die Wichtigkeit der Kritik noch - und wenn es auch nur daran lag, dass es mit ihnen niemals langweilig wurde.

Aber heute?

Der Glaube an die Wichtigkeit der Literaturkritik, der in Klagenfurt Jahr für Jahr aufgeführt wird und der die ganze Veranstaltung zusammenhält, ist absurd, bizarr und aus der Zeit gefallen. Das kann man gut finden oder schlecht finden, aber wer den Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit zu ignorieren versucht, macht sich schlicht lächerlich. Die Literaturkritik hat sich in Tausende von Stimmen aufgelöst, ein paar schreiben für Zeitungen, ein paar für Blogs, ein paar für Literaturzeitschriften, ein paar haben Lesekreise, ein paar schreiben bei Amazon die Kritikabteilung voll, viele nehmen sich untereinander wahr und vernetzen sich.

Verstaubte Inszenierung

Es gibt die Literaturinstitute in Leipzig und Hildesheim, wo sich gegenseitig vorgelesen und das Gelesene kritisiert wird. Und die Facebook-Literaturkritik ist längst ein ganz eigenes Genre geworden. Das literarische Leben ist vermutlich, wenn man es als das Verhältnis von Lesenden und Schreibenden versteht, so lebendig wie zuletzt Anfang des 19. Jahrhunderts.

In der verstaubten Inszenierung des Klagenfurter Wettbewerbs findet sich nichts davon. Hier wird immer noch behauptet, eine Handvoll Professoren und Kritiker könnten sich wie Oberlehrer hinstellen und dem zum Schweigen verdammten Autoren erklären, was ein gutes Buch oder ein gelungener Text ist. Was für eine Hybris.

Womit nichts gegen das Format gesagt sein soll. Das Fernsehen ist voll von Sendeformaten, in denen junge Leute sich kreativ betätigen, und dann von einer Gruppe von Fachleuten beurteilt werden. Aber jede Castingshow-Jury, von "Germany's Next Topmodel" bis zu "Kids Voice", erledigt diesen Job besser als es die Klagenfurter Jury vermag.

Hier geht es nicht darum, Autorinnen und Autoren zu helfen, eine Stimme zu finden - wobei sich einwenden ließe, in den anderen Castingshows ginge es ja auch nicht darum, Sänger auszubilden oder Models auf eine Karriere vorzubereiten. Stimmt. Aber die Sendungen tun wenigstens so. Das ist die Geschichte, bei der alle mitspielen. Die Geschichte in Klagenfurt ist eine andere. Hier wird gelesen, um weiter das Primat der Kritik zu behaupten. Dabei hat sie ihre Relevanz verloren.

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insgesamt 8 Beiträge
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advocatus diaboĺi 30.06.2016
1. Nietzsche hatte recht
Noch hundert Jahre Leser und die Literatur selbst fängt an zu stinken. Hier geht es um ein Lesewettbewerb, wer schöner lesen kann, sich selber interessant zu inszenieren vermag, besser den Zeitgeist trifft. Und von irgendwelchem Geld müssen all die Preisträger und Kritiker doch leben, Pensionsansprüche inklusive.
miss_moffett 30.06.2016
2.
Nun, ob ein Kritiker Literaturprofessor, Blogger, Hobbyleser mit übersteigertem Sendungsbewusstsein, der eigene Partner, Feuilletonist oder Amazonrezenzent ist, es bleibt Kritik. Ob live im Auditorium oder anonym im Netz - der Author liefert ein Produkt, die Kunden (Kritiker) bewerten. Das kann schmerzlich, hilfreich oder völlig sinnfrei boshaft sein. Es hängt von der Persönlichkeit des Authors ab, ob sie wirkt oder zerstört oder abprallt. Aber das Gegenteil der Häschenschule wäre der Siegerpokal für alle und den finde ich so albern und nichtssagend für alle wie ein "Like" auf Facebook. Aber Sie haben in einem Punkt recht, nirgends feiern sich die Kritiker so wie in Klagenfurt. Ausser vielleicht der Kreis um Dieter Bohlen bei DSDS.
spon-facebook-10000315790 30.06.2016
3. The Sex must go on
Naja, Maxim Biller hats ja schon gesagt, dass der Literaturbetrieb langweilig ist. Die Texte, die ich schon lesen konnte, sind bestimmt nicht schlecht geschrieben, aber man merkt, dass diese Autoren nicht viel erlebten, auch sind es keine umfassende gesellschaftlich politische oder phliosophisch unterbaute Themen. Deshalb stimme ich dem Artikel voll zu. Denn die Texte wurden in den letzten Jahren immer schwächer. Vermutlich braucht der Betrieb immer ein paar Stars zur Selbstbespiegelung. Und die Kritiker sonnen sich gerne im Licht von Autoren, wenn sie den Dichter persönlich kennen. Siehe Zeit Serie Ijoma Mangold trifft Heinz Strunk, besucht ihn in seiner Dachwohnung in Hamburg Altona. Naja, wer ist nicht eitel. Nun vielleicht kommt die Text Bombe noch. Etwas mehr Houellebecq bitte. Aber mit wenig Sexszenen, sonst wird es in Deutschland nicht gedruckt.
gladiator66 30.06.2016
4. Gestern war ich dabei: Es war wie vor tausenden von Jahren:
Es war heiß, die Lesenden lasen mit leiernden Stimmen ihre Texte, die Kritiker fielen mit z.T. überhöhten Ansprüchen über die Kandidaten her, niemand hat auch nur ein bisschen gelacht ... eine Quälerei
Knossos 30.06.2016
5.
Zitat von spon-facebook-10000315790Naja, Maxim Biller hats ja schon gesagt, dass der Literaturbetrieb langweilig ist. Die Texte, die ich schon lesen konnte, sind bestimmt nicht schlecht geschrieben, aber man merkt, dass diese Autoren nicht viel erlebten, auch sind es keine umfassende gesellschaftlich politische oder phliosophisch unterbaute Themen. Deshalb stimme ich dem Artikel voll zu. Denn die Texte wurden in den letzten Jahren immer schwächer. Vermutlich braucht der Betrieb immer ein paar Stars zur Selbstbespiegelung. Und die Kritiker sonnen sich gerne im Licht von Autoren, wenn sie den Dichter persönlich kennen. Siehe Zeit Serie Ijoma Mangold trifft Heinz Strunk, besucht ihn in seiner Dachwohnung in Hamburg Altona. Naja, wer ist nicht eitel. Nun vielleicht kommt die Text Bombe noch. Etwas mehr Houellebecq bitte. Aber mit wenig Sexszenen, sonst wird es in Deutschland nicht gedruckt.
Die möchte, Verlagen nach, angeblich auch keiner. Die hyper-fragile Seele des aktuellen Konsumenten, der im Sinne informativer Abstinenz auch noch Ablenkung vom Chaos sucht, verträgt keine kritische Betrachtung. Daher kommt meiner Eines aus dem Staunen über Houellebecqs Erfolg nicht heraus, während das Beispiel zugleich Hoffnung auf Paradigmenwechsel in der Literatur macht. Vielleicht gibt es ja doch ein Publikum für Geschichten, die über belanglose Beziehungs- und Krimiklamotten in einer unberührten Welt hinausgehen. Mich seit Jahren fragend, ob und wie man einen realistischen Plot und seine weniger verdaulichen Anteile für den aktuellen Konsumenten aufbereiten könnte, ohne daß eine Lektüre als "Elegie" beiseite gelegt würde, könnte mir vor ein paar Tagen -mit einem gut aufgenommenen Essay- die Antwort klar geworden sein. Es darf nicht empathisch beschrieben, sondern muß distanziert und sarkastisch bis zynisch vorgetragen werden. Dann kann der Leser schmunzeln; und das ist wohl die halbe literarische Miete. Auch Triste realität, so spannend sie sein mag, muß mit fröhlicher Seidenschleife einherkommen.
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