Manga-Epos "Gute Nacht, Punpun" Die schrecklichste Frage

Ein kleiner Junge verirrt sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Inio Asanos Comic-Kunstwerk "Gute Nacht, Punpun" zeigt, wie moderne Gesellschaften Soziopathen hervorbringen.

Tokyo Pop

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Miyo ist ein hässliches Mädchen. Eines Tages sieht Punpun, wie sie einer unbeliebten Mitschülerin Dreck in den Mund stopft. "Das bleibt unser Geheimnis, ja?!!", sagt sie zu dem Jungen Punpun und hat dabei einen stupiden, verschlagenen Ausdruck im Gesicht. Die Mundwinkel zeigen nach oben, nur das lässt diese Grimasse entfernt nach einem Lächeln aussehen.

Das Bild des Mädchens ist grauenhaft. Und großartig. Ein Bild in einem Comic, kaum briefmarkengroß, das in wenigen Strichen die gesamte Dummheit und Boshaftigkeit der Welt in die Züge dieses kleinen Schulmädchens einschreibt. Von dem Tag an, sei Punpun in sie verliebt gewesen, heißt es in einem Kasten daneben. Das ist verstörend - und eine Frechheit. Aber eine großartige.

Das Comic-Epos "Gute Nacht, Punpun" ist die bisher umfangreichste Geschichte des Manga-Zeichners Inio Asano. 2007 erschien das erste von 147 Kapiteln in seinem Heimatland Japan, sieben Jahre begleite die Geschichte ihren Schöpfer, bis er die Serie 2013 abschloss. In dieser Zeit entwickelte sich Asano zum weltweit bekannten Manga-Erzähler, er schärfte seine erzählerischen Mittel und seinen Blick auf die Welt. So ist der Comic zugleich eine epische Coming-of-Age-Story und Dokument einer künstlerischen Reifung. Mit dem 13. Sammelband ist Asanos Manga-Serie nun auch in Deutschland vollständig erschienen.

Aber was mache ich mit meiner Freiheit?

Bei dem Wort Manga denken vermutlich viele an die auf grauem Papier gedruckten Teenie-Romanzen, Action-Storys und Science-Fiction-Geschichten, die mittlerweile in jeder Bahnhofsbuchhandlung ganze Regale füllen. Asanos Geschichten gehen weit über das Spektakel der meisten Mangas hinaus.

Der 1980 geborene Asano gilt heute als einer der bedeutendsten Comic-Erzähler Japans. "Yomiuri Shimbun", eine der größten japanischen Tageszeitungen, nannte ihn gar "die Stimme einer Generation". Das wäre schlimm. Denn Asano entfaltet in seinen Comics Geschichten von ungeschönter Melancholie voller zielloser, verwirrter und verlorener Jugendlicher auf der Schwelle zum Erwachsen werden.

Was seine Werke aus der Masse der Coming-of-Age-Storys hervorstechen lässt: Mit der Beharrlichkeit eines Predigers und der Präzision eines Chirurgen verhandelt Asano in seinen Geschichten wieder und wieder einige der unbequemsten Probleme, die das Leben als priveligierter Bürger in einer gut situierten, einigermaßen sicheren Demokratie mit sich bringt.

Die Chance etwa, dass ein langes, gesundes Leben vor uns liegt, ist heute so groß wie nie in der Geschichte der Menschheit. Klingt cool, stellt uns aber auch vor die Aufgabe, all diese Jahre mit Sinn zu erfüllen. Vielleicht sind wir sogar so frei wie nie. Aber diese Freiheit will auch gelebt werden. Etwa indem wir unseren Träumen und Idealen folgen - wenn wir denn welche haben. Und wenn wir wirklich welche haben? Merken wir vermutlich bald, dass sich in einem kapitalistischen System mit den wenigsten Träumen auch Geld verdienen lässt.

Aus all dem folgt eine schreckliche Frage: Kann es sein, dass wir unseren Reichtum, unsere Sicherheit, unsere Träume, unsere Freiheit gar nicht ertragen können?

Immer abgründigere, menschenfeindlichere Sphären

Um diese Probleme in immer wieder neuen erzählerischen Versuchsaufbauten zu behandeln, entwirft Asano grausam binäre Welten: Ja oder nein, richtig oder falsch, gut oder schlecht.

"Gute Nacht, Punpun" ist das wohl konsequenteste Beispiel dafür. Es ist die Geschichte eines kleinen Jungen der in einer anonymen japanischen Stadt zu einem jungen Mann heranwächst. Punpun ist ein merkwürdiger Charakter. Seltsam gefühlstaub und unbeteiligt, wünscht er sich eigentlich gar nichts. Er versucht lediglich zu tun, was er für das hält, was alle "normale Menschen" für richtig halten. Er versucht, ein Teil der Familie, der Schulklasse, der Gesellschaft zu sein. Doch in seinem Tasten nach dem, was er für Normalität hält, schraubt sich das Weltbild des Jungen in immer abgründigere und menschenfeindlichere Sphären. Als Leser wohnt man dieser Entwicklung bei, wie einem schlimmen Autounfall: Man kann kaum hin- aber eben auch nicht wegsehen.

Asano stellt Punpun dabei als Piepmatz dar, der durch eine mitunter fast fotorealistisch gezeichnete Welt tappst. Eine solche künstlerische Entscheidung ist mutig und eine große Chance, erzählerisch und poetisch Funken daraus zu schlagen. In dieser Geschichte sorgt die Gestalt des Protagonisten dafür, dass Punpun und die Welt mit noch größerer Wucht aufeinanderkrachen und dabei Splitter schneidender Poesie durch die Geschichte zischen lassen.

So wuchert Asanos Erzählung von einer still-verstörenden Jugendidylle zu einem abstrusen Road-Movie voll mit - vor allem psychischer - Gewalt.

Ein Werk, das keine Antworten geben will

Dabei gibt sich Asano nicht immer die Mühe, jedes Detail seiner Erzählung, jede Gemütsregung seiner Figuren nachvollziehbar zu machen. Vielleicht ist das eine handwerkliche Nachlässigkeit. In jedem Fall ist es eine Chance für den Leser.

So gehört "Gute Nacht, Punpun" zu den erfrischenden Werken, die nicht nur zugeben, dass sie keine Antworten haben, sondern gar keine Antworten geben wollen. Statt so zu tun, als ob es "richtig" und "falsch" gäbe, bietet die Geschichte dem Leser Räume, um seine Fragen an das Leben hineinzurufen - und ihrem Echo zu lauschen.

Denn keine Antwort ist so gut, wie eine gute Frage.

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dennis_lief 19.08.2016
1.
Einer der besten Manga die es gibt.
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