Interview Herr Enzensberger, sind Sie ein Hacker?

Im Rahmen eines dreitätigen Lyrik-Festivals hat Hans Magnus Enzensberger seinen Poesieautomaten im Landsberger Stadttheater vorgestellt. Deutschlands bekanntester Lyriker der Gegenwart über seine Erfindung.


Die Poesie-Maschine und ihr Meister: Hans Magnus Enzensberger ist kein Hacker
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Die Poesie-Maschine und ihr Meister: Hans Magnus Enzensberger ist kein Hacker

SPIEGEL ONLINE:

Herr Enzensberger, sind Sie ein Hacker?

Hans Magnus Enzensberger: Nein, ich bin ein ganz altmodischer Typ. Ich bin auch selbst gar nicht am Netz. Ich habe jemanden, der für mich immer was rausholt, wenn ich was brauche.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie unter die Programmierer gegangen?

Enzensberger: Aus Langeweile. In habe mit Textobjekten experimentiert und dabei auf etwas zurückgegriffen, was mich schon lange fasziniert: die Mathematik. Ich habe dann ein Sprachprogramm entwickelt, das sich konvertieren lässt in ein digitales Format.

SPIEGEL ONLINE: Was leistet ihr Sprachprogramm? Was leistet es nicht?

Enzensberger: Dieses Programm erhebt ja nicht den Anspruch, die gesamte Sprache zu formalisieren. Es ist ein Spiel mit der Kombinatorik. Die Leute drücken auf einen Knopf, und ein Gedicht erscheint.

SPIEGEL ONLINE: Wieviele Worte haben Sie eingegeben?

Enzensberger: Es sind drei Dimensionen mit jeweils sechs unabhängigen Variablen, also mit sechs mal sechs mal sechs Wörtern, aus denen ein Zufallsgenerator die Auswahl für ein sechszeiliges Gedicht trifft. Dabei gibt es dann zehn hoch 36 Möglichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie den Computer nicht einfach nur mit Buchstaben gefüttert?

Enzensberger: Das bringt ja nichts, das erzeugt bloß einen Buchstabensalat. Ich will ja den Anschein von Sinn erzeugen. Bei jeder Operation muss ja etwas herauskommen, was man für ein Gedicht halten kann. Es müssen also grammatisch korrekte Sätze sein.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist der Autor des Gedichtes?

Enzensberger: Das ist eine philosophische Frage. Der Programmierer? Der Automat? Der Zufallsgenerator? Gibt es überhaupt einen Autor? Es ist jedenfalls kein Versuch der Selbstabschaffung. Der Automat ist ja nicht so gut wie ich!

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch die Hardware mitentwickelt?

Enzensberger: Ja. Von Anfang an hatte ich die Idee, dass das eine große Anzeigentafel wie am Flughafen sein soll. An sich könnte man die Gedichte auch auf einem Computerschirm zeigen. Ich wollte aber, dass die Sache ein sinnliches Moment hat.

SPIEGEL ONLINE: Es gab eine amüsante Debatte in den Stadtgremien und der bayerischen Lokalpresse.

Enzensberger: Das ist doch klar: Für so eine Stadt ist die Anschaffung eine solchen Maschine etwas Unerwartetes. Und wenn das Unerwartete auch noch Geld kostet, gibt's natürlich eine Diskussion. Es gab Leute, die wollten halt lieber eine neue Schaukel für den Kindergarten kaufen. Und es gibt Studienräte, die halten Poesie für etwas Heiliges, das nichts mit einem Automaten zu tun haben kann. Aber solche Diskussionen sind ein Lebenszeichen. In der Großstadt wickelt das die Kulturverwaltung meist sehr anonym ab. Hier gibt's Erregungen. Das ist doch wunderbar!

Die Fragen stellte Sven Siedenberg

Im Wortlaut: "Würgende Lügen", das erste Gedicht der "Poesiemaschine". Genialischer Gag, digitaler Goethe oder Schein-Poesie für die Spaßgesellschaft? Stimmen Sie ab!



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