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Interview mit Christoph Hein: "Es wird eine Armut geben, die Empörung auslöst"

In seinem jüngsten Roman "Landnahme" beschreibt der ostdeutsche Autor Christoph Hein, 60, den Lebensweg eines Flüchtlingskindes in der DDR. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Arbeitslosigkeit und Armut im Osten und die rosarote Verklärung der DDR.

Autor Hein: "Eigentum zivilisiert"
DPA

Autor Hein: "Eigentum zivilisiert"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Hein, woher nimmt Ihre Hauptfigur Bernhard Haber eigentlich das ungeheure Selbstbewusstsein, sich gegen die Anfeindungen der anderen durchzusetzen?

Christoph Hein: Die Ablehnung, der er fortgesetzt begegnet, zwingt ihn dazu, die Fäuste zu heben. Er kommt als Flüchtlingskind in einem Deutschland an, in dem niemand viel hat und das Leute wie ihn, die gar nichts haben, ablehnt. Heute, 50 Jahre nach dem Krieg, hat sich an dieser Grundsituation nichts verändert, auch wenn wir alle viel reicher sind als 1945, lehnen wir die Leute ab, die kommen.

SPIEGEL ONLINE: Zu diesem Thema steht in Ihrem Buch folgender Satz: "In den Jahren nach dem Krieg gab es keine reichen Leute bei uns, doch wenn auch das Elend allgemein war, es gab eine Armut, für die man lediglich Verachtung aufbrachte." Welche Armut ist das?

Hein: Wo die Grenze liegt, das wechselt je nach dem Wohlstand, den wir haben. Diese Armut, für die man nur Verachtung übrig hat, gibt es auch noch heute. In den fünfziger Jahren waren es die geflickten Kleider, die jemand trug, heute ist es der Schüler, der kein Geld für die Klassenfahrt bekommt, der sich nicht die richtigen Marken leisten kann, der mit einem Handy herrumläuft, das schon sechs Jahre alt ist - der, den auch die verachten, die nur wenig haben. Selbst wenn wir noch reicher werden, wird es immer noch die Leute geben, die abstrakt gar nicht arm sind, aber ärmer als andere und es wird eine Armut geben, die Empörung auslöst.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt die Empörung? Warum löst Schwäche Feindschaft aus?

Hein-Roman "Landnahme": "Diese Armut, für die man nur Verachtung übrig hat, gibt es auch noch heute"

Hein-Roman "Landnahme": "Diese Armut, für die man nur Verachtung übrig hat, gibt es auch noch heute"

Hein: Es ist nicht die Armut selbst, sondern die Angst davor zu verarmen. Wir haben heute eine hohe Arbeitslosigkeit. 8 bis 9 Prozent im Westen, 20 bis 50 Prozent im Osten. Ein Großteil der Bevölkerung hat Arbeit, aber die Bedrohung der Arbeitslosigkeit macht diesen 80 Prozent Angst. Angst dazuzugehören, zu denen, die weniger haben. Solange man noch nicht dazugehört, will man mit 'denen' nichts zu tun haben. Man ahnt, man kann ganz schnell dazugehören. Und jede Art der Nähe, mental oder räumlich, physisch oder geistig scheint den Weg in die Armut zu begünstigen. Es ist ein Hass auf eine Bedrohung, eine Bedrohung des Individuums.

SPIEGEL ONLINE: Man kann Ihre Geschichte des Bernhard Haber auch als Erfolgsgeschichte eines Rebellen lesen. Ist er ein bundesdeutsches Idealmodell?

Hein: Nein, er hat keine höheren Ziele, er trifft keine Bewusstseinsentscheidung, er wehrt sich einfach nur, bedingt durch seine Herkunft, seinen Lebensweg, durch Flucht und Vertreibung, die Ablehnung, die er erfährt. Er reagiert eigentlich nur, er wehrt sich heftig und überzogen. Bis er aufhört sich zu wehren. Als das Schlimmste, was ihm angetan werden kann, passiert - als sein Vater ermordet wird. Und er sich plötzlich nicht mehr wehrt. nicht mehr Rache nimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wird er also letztendlich domestiziert?

Hein: Was heißt für Sie domestiziert? Was macht das aus? Vielleicht das Eigentum, das Haber später besitzt? Eigentum zivilisiert. Haber wehrt sich nicht mehr. Nicht aus intellektuellen Gründen. Eher, weil er weiß, dass er dann erst recht ausgestoßen würde und alles verlöre. Es ist wirklich so: 'Jeder hat die Welt geliebt, dem man ein Stückchen Erde gibt'. Keiner von uns kommt durchs Leben ohne Deformationen. Das ist auch Leben - Formation und Deformation.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch wurde als der erste wirklich gesamtdeutsche Roman angesehen. Wieso erzählen Ost und West ihre Geschichten momentan gegeneinander? Am SED-Unrecht scheint das nicht zu liegen. Aus dem Osten hören wir ja vor allem zahme Alltagsgeschichten...

Hein: Das ist ein normaler Pendelausschlag. Nach 1989 gab es eine ungeheure Dämonisierung der DDR. Jetzt eine rosarote Verklärung. Das würde ich mit Humor und Gelassenheit nehmen. Wer wirklich etwas über die DDR erfahren will, der muss Bücher lesen, die in dieser Zeit geschrieben wurden. Etwa meinen Roman "Horns Ende". Nur die Romane von damals erzählen etwas über die Wirklichkeit in der DDR.

Das Interview führte Daniel-Dylan Böhmer

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