Interview mit Josef Bierbichler "Ich vertreibe jedes Filmteam"

Erst rodet er seinen Wald, dann schreibt er ein Buch. Und was für eins! Im Interview spricht Schauspieler, Landbesitzer und Naturgewalt Josef Bierbichler über seinen Roman "Mittelreich" und erklärt, weshalb er immer noch Kommunist ist - und im Theater keine Turnübungen mehr macht.

dapd

Der Schauspieler Josef Bierbichler ("Im Winter ein Jahr") hat mit 63 Jahren seinen ersten Roman geschrieben. "Mittelreich", ab 10. September in den Buchhandlungen, erzählt die Geschichte einer Bauern- und Wirtsfamilie zwischen 1914 und 1984 - das Porträt eines Katastrophenjahrhunderts aus der Perspektive eines bayerischen Dorfs.

Der Roman handelt von zwei Weltkriegen, von nachbarschaftlicher Gemeinheit und verdruckster Liebe, vom Mord an den Juden und von der Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen, von sexueller Unterdrückung und dem Aufruhr dagegen. Und von der Abschaffung des Landlebens durch die Wirtschaftswundergesellschaft in der jungen Bundesrepublik.

Eine literarische Tour de Force in einer Sprache, die weitgehend in der Tradition realistischer Erzähler wie Oskar Maria Graf steht, in ihren besten Momenten aber in surreale Höhen abhebt. Bierbichler, selber als Wirts- und Bauernsohn in einem Dorf am Starnberger See aufgewachsen und bis heute dort zuhause, erzählt höchst anschaulich und manchmal bissig nicht nur von der Eroberung des Dorfs durch großstädtische Zuzügler, durch moderne Erntemaschinen und Fernsehapparate, sondern auch vom sexuellen Missbrauch eines Seewirts-Sohnes: Der Knabe wird in einem katholischen Internat von einem Mönch drangsaliert und nimmt dafür blutig Rache.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bierbichler, die meisten Menschen kennen Sie als Schauspieler, dazu bewirtschaften Sie einen Wald, der Ihnen gehört. Welcher Ehrgeiz hat Sie getrieben, jetzt Ihren ersten Roman zu schreiben?

Bierbichler: Kein Ehrgeiz. Das Schreiben ist für mich eher eine Beschäftigungstherapie. Ich mache ja wenig im Theater, so zwei Sachen im Jahr höchstens. Und das Spielen vor der Kamera, das früher aufregend war, ist kein Abenteuer mehr, weil es arbeitsteiliger und mehr auf Sicherheit angelegt ist als früher. Das bringt vor allem viel Geld. Deshalb habe ich Zeit. Und wenn die Wälder abgeholzt sind, dann versuche ich sowas wie das Schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Und hauen einen derart furiosen Roman von fast 400 Seiten heraus? Das als Beschäftigungstherapie zu bezeichnen, klingt kokett.

Bierbichler: Ist das kokett? Dann bin ich kokett. Im Theater und vielleicht überhaupt in der Kunst gibt's bei vielen Leuten so eine religiöse Hingabe, sowas Esoterisches. Das finde ich bei mir nicht. Ich glaube, dass ich dann nichts zustande brächte. Für mich war das Theaterspielen nie ein religiöser Akt. Ich prüfe das Material, und wenn es gut ist, versuche ich damit ein Spiel. Beim Schreiben ist es vielleicht genauso.

SPIEGEL ONLINE: Das Schreiben ist für Sie nur ein Spiel und keine Arbeit?

Bierbichler: Ich empfinde das Schreiben genausowenig als Arbeit wie das Theaterspielen und die Filmerei. Das ist ganz wichtig. Selbst wenn ich viel Geld damit verdiene. Das ist keine Arbeit. Ich habe entdeckt, dass Schreiben ein echtes Abenteuer ist. Ich habe von dem Roman nichts gewusst vorher. Ich habe nicht gewusst, wo es hingehen soll. Ich habe keinerlei Gliederung gemacht, ich wüsste auch gar nicht, wie das geht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor zehn Jahren zum ersten Mal ein Buch veröffentlicht, den Band "Verfluchtes Fleisch", in dem sie übers Theater und die Welt räsonierten. Wann haben Sie überhaupt mit dem Schreiben angefangen?

Bierbichler: In der Schule, wo sonst? Eine Zeitlang habe ich Tagebuch geschrieben und gelegentlich Artikel in kommunistischen Blättern wie der "DVZ", der "Deutschen Volkszeitung" oder im "Kürbiskern". "Verfluchtes Fleisch" habe ich in einem Jahr geschrieben, in der Ich-Form. Das neue Buch hat fünf Jahre gedauert, mit Pausen natürlich. Und ich wollte von der Ich-Form weg, so dass der Stoff weiter weg ist von mir.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark ähnelt das Material, mit dem Sie im Buch spielen, die Geschichte des Seewirts von Seedorf, der Geschichte ihrer Familie und Ihres Vaters?

Bierbichler: Natürlich ist die Geschichte des Buchs angelehnt an den Raum, in dem ich lebe. Aber ich wollte kein Porträt meiner Familie und ihres Hauses machen. Das ist das Buch auch nicht. Die Figuren haben im Lauf der Zeit so viele andere Elemente dazu bekommen, dass es vollkommen andere Menschen geworden sind. Dazu gibt es Geschichten, die gar nichts mit meinem Lebensraum zu tun haben wie die Erlebnisse der Frau Zwittau in Ostpreußen. Da bin ich überrascht, wie die gelungen sind, obwohl sie nicht zu tun haben mit dem, was ich kenne.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn sich nun doch die Bewohner eines in einer Talsenke gelegenen realen Dorfes unweit des Starnberger Sees in den Bürgern des Dorfes Kirchdorf, der "Senkgrube", wie es im Buch heißt, wiedererkennen?

Bierbichler: Sollten die sich erkennen in den Bewohnern der Senkgrube, dann werden sie sagen: "Das ist ja ein Schmarrn, so war es nicht." Das würde ich mir hoch anrechnen. Denn Kirchgrub ist eine Erfindung. Und die meisten seiner Bewohner werden vom Erzähler sehr liebevoll behandelt und mit großer Achtung bedacht.

SPIEGEL ONLINE: In der Figur des Seewirt-Sohnes Semi, der von seinem Vater ins Internat gesteckt und dort von einem Mönch sexuell missbraucht wird, könnte man durchaus semiautobiografische Züge des Autors Bierbichler finden.

Bierbichler: Könnte man. So ist es aber nicht. Mein Leben kommt ja nicht vor. Fast nicht.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie nicht selber auch auf einem katholischen Internat?

Bierbichler: Ja, war ich, in Donauwörth, vier Jahre lang. Übrigens nicht in Ettal, wie irgendwer im Internet behauptet hat, weswegen ich dauernd nach den Zuständen dort befragt werde, seit der Missbrauch in Ettal aufgedeckt wurde. Ich bin aber erst mit 13 aufs Internat gekommen und mich hat der Missbrauch nicht betroffen. Sonst hätte ich vermutlich nicht schreiben können, was dem Semi widerfährt.

SPIEGEL ONLINE: Warum schickte Ihr Vater, warum schickt der Seewirt im Buch die eigenen Kinder in die Internate, obwohl diese Väter ihre Kinder offenbar ganz gern daheim um sich hatten?

Bierbichler: Den gehobenen Kleinbürgern, zu denen man sich im Haus des Wirts zählte, ging es um gute Schulbildung. Sie hielten sich für was Besseres. Viele der Kinder, denen ich in den Sechzigern im Internat begegnet bin, hatten Eltern, die keine Zeit für ihre Kinder hatten. Das war bei meinen Eltern nicht so. Ich habe Donauwörth nachträglich als wichtige und gute Zeit empfunden, weil ich dort selbständig geworden bin. Aber ich kam eben mit 13 erst dazu, ich bin erst von der siebten Klasse Volksschule ins Internat abgegangen, um die Mittlere Reife zu machen. Für mich war kein Hochschulstudium vorgesehen, weil ich den Hof zu übernehmen hatte.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Wirtshaus haben Sie später verpachtet, um frei zu sein für die Schauspielerei. Ist Ihr Roman jetzt ein Beleg dafür, dass Sie die Schauspielerei mit der Zeit mehr und mehr satt bekommen haben?

Bierbichler: Es stimmt, dass ich mich mehr beansprucht fühle, wenn ich vor einem eigenen Text sitze, als wenn ich im Theater den Text von jemand anderem auswendig lerne und aufsage oder bei den Dreharbeiten zu einem Film die Hälfte der Zeit im Wohnwagen sitze. Ich mag den Glückszustand, wenn es beim Schreiben erst hakt und dann endlich doch vier Seiten weitergeht. Aber es ist ein Irrtum, dass ich mich deshalb zurückziehe von der Schauspielerei. Den Film "Das weiße Band", bei dem ich in einer Episode dabei war, fand ich zum Beispiel unglaublich gut. Im Theater kann ich nicht mehr bei allem so mitmachen wie früher, das hat aber mit meinem Alter und nicht mit der aktuellen Ästhetik zu tun. Ich kann keine Turnübungen mehr machen, da passe ich nicht rein. Dass heißt aber nicht, dass ich die aktuelle Ästhetik für einen Scheiß halte. Ich schau mir das sogar oft sehr gern an.

SPIEGEL ONLINE: Wie gerne sehen Sie sich das Treiben am Starnberger See an, wo heute viele reiche Menschen wohnen? Gibt es ein Missbehagen gegenüber den Fremden wie unter den Dorfbewohnern in Ihrem Buch?

Bierbichler: Bei mir schon, da ist die Abneigung an der Puffwerdung des Dorfes sogar immer stärker geworden. Den wenigen Bauern, die noch da sind, geht es ähnlich. Aber längst nicht allen Bewohnern. Als das Bayerische Fernsehen kürzlich eine Reportage machte, da haben die meisten ansässigen Künstler und Kleinkünstler bereitwillig mitgemacht. Und als der Film dann im Wirtshaus gezeigt wurde, haben sich alle wahnsinnig gefreut, wie ich durchs Fenster sehen konnte. Nur ein Fischer hat nach der Filmvorführung massive Kritik geübt. Zu Recht. Ich selber vertreibe jedes Filmteam und jeden Modefotografen vom Grund des Wirtshauses, sonst würden die jede Woche einen Film oder eine Modestrecke machen.

SPIEGEL ONLINE: Früher galten Sie in Bayern als linker Revoluzzer. Würden Sie sagen, dass Sie ihren Prinzipien treu geblieben sind?

Bierbichler: Meine politische Haltung hat sich in den Jahren nicht groß verändert. Ich sage es vielleicht nicht mehr so oft. Aber ich gehöre nicht zu den Wendehälsen, die 1989 aus allen Ecken gewachsen sind wie die Brennesseln aus einem Rübenacker. Ursprünglich wollte ich das Theater benutzen, um meine politische Haltung zu demonstrieren, um Wirkung zu erzielen - da habe ich irgendwann gemerkt, dass das nicht gelingt. Das System des Kapitalismus zweifle ich trotzdem an. Das tut heute fast jeder, nicht nur der Grass, sondern beinahe auch schon der Schirrmacher.

Das Interview führte Wolfgang Höbel



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jos777 08.09.2011
1. Bayerisches Dorf - psychologisch betrachtet
Hallo, mich würde interessieren, wie Ihr es seht: --- TEIL 01: Behauptung: Mindestens die Hälfte der Dorfbewohner ist - egoistisch - gierig - geizig - mißgünstig - schadenfroh - scheinheilig - lügt beim sprechen Wie sind hier Eure Erfahrungen ? Was sind die historischen, evolutionären oder sonstigen Ursachen für diese Verhaltensausprägungen ? --- TEIL 02: Behauptung: Im bayerischen Dorf sind die Landwirte zwischenzeitlich die Großgrundbesitzer, die Immobilienkönige, die Photovoltaik-EEG-Plantagen-Profiteure, die Windrad-Turbinen-Betreiber, etc. Sollte dieser Status so bleiben oder sollte es eine staatliche Teilenteignung der Landwirte geben ? --- TEIL 03: Was fällte auch noch zum "Dorfleben" ein und würdet Ihr sagen, daß das Stadtleben wesentlich angenehmer ist ?
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