Interview mit Kazuo Ishiguro "Erinnerung ist faszinierend"

Kazuo Ishiguro gehört zu den Stars der internationalen Literatur. In Japan geboren, in England aufgewachsen, schreibt er subtile Romane über Menschen im Kampf mit ihrer Vergangenheit. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über seinen neuen Roman, literarische Tradition und die Last der Erinnerung.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Ishiguro, Ihr gerade auf Deutsch erschienenes Buch "Alles, was wir geben mussten" ist Ihr sechster Roman in 23 Jahren. Warum schreiben Sie so langsam?

Autor Ishiguro: England neu erfinden

Autor Ishiguro: England neu erfinden

Ishiguro: Ich hatte nie das Gefühl, schneller schreiben zu müssen. Ich glaube nicht, dass ich etwas zur Zahl der erhältlichen Bücher beitragen sollte. Es ist wichtiger, ein Buch zu schreiben, das sich von anderen abhebt.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche Jungschriftsteller sagen oft, dass man sich hierzulande am besten abhebt, indem man ein erfolgreicher Romancier in Amerika wird.

Ishiguro: Ich finde es bewundernswert, dass man in Deutschland weit über die Grenzen blickt und amerikanischen oder auch britischen Autoren Aufmerksamkeit schenkt. Andererseits stört mich dieser Trend. Jedes Land sollte eine starke eigene literarische Tradition haben.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es für Sie, ein internationaler Autor zu sein?

Ishiguro: Es bedeutet, dass ich, nachdem ein Buch erschienen ist, bis zu zwei Jahre lang in aller Welt Werbung für dieses Buch mache. Lesungen, Interviews und so weiter. Gerade bin ich in Deutschland und erkläre, warum ich bestimmte Passagen so und nicht anders geschrieben habe. Wenn ich dann nach Hause komme, um mein nächstes Buch zu schreiben, weiß ich, dass es übersetzt werden wird. Etwas, das auf Englisch großartig ist, funktioniert nicht in anderen Sprachen, weil es zu sehr auf Wortspielen, Markennamen oder kulturellen Referenzen beruht. Also fühle ich mich unter Druck, dies beim Schreiben wegzulassen. Das kann sehr gefährlich sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Japan geboren und kamen mit fünf Jahren nach England. Fühlen Sie sich der japanischen Kultur noch verbunden?

Ishiguro: Natürlich ist England meine Heimat. Aber meine Eltern leben noch; wenn ich mit ihnen telefoniere, spreche ich schlechtes Kinder-Japanisch. Mein Vater hat als Ozeanologe für die britische Regierung gearbeitet, und es war immer der Plan, nach Japan zurückzukehren. Ich wurde darauf vorbereitet, mich in die japanische Gesellschaft einzufügen.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie ein Außenseiter, als asiatischer Junge in der Kleinstadt in Surrey, in der Sie aufwuchsen?

Ishiguro: Weit gefehlt. Ich war sehr populär. Ich war der Solist im Kirchenchor und kannte jeden. Die Briten können dafür kritisiert werden, rassistisch zu sein, aber auf der persönlichen Ebene waren sie immer sehr offen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr neuer Roman spielt wieder in England, aber er seine Atmosphäre ist nicht sonderlich englisch.

Ishiguro: Ich wollte nie Bücher über England schreiben. Ich kenne viele gute Schriftsteller in Großbritannien, die sich bemühen, der britischen Gesellschaft den Puls zu messen. Mein England ist eine imaginäre Umgebung. Als ich "Was vom Tage übrigblieb" schrieb, was viele für einen sehr englischen Roman halten, habe ich ein bestimmtes England erfunden, in "Alles, was wir geben mussten" ein anderes, aber ebenso stilisiertes.

SPIEGEL ONLINE: "Alles, was wir geben mussten" ist im Ganzen sehr deprimierend. Im Mittelpunkt stehen junge Menschen, die für spätere Organspenden geklont werden, gegen ihr schreckliches Schicksal aber nicht aufbegehren. Ist das Ihre Vorstellung von der menschlichen Natur?

Ishiguro: Ich muss zugeben, dass alle meine Bücher diese Tonart haben. Zum Beispiel der Butler in "Was vom Tage übrigblieb": Er akzeptiert das Gegebene und versucht ein wenig Stolz oder Würde zu retten. Bei "Alles, was wir geben mussten" wusste ich von Anfang an, dass ich nicht die Geschichte einer versklavten ausgebeuteten Klasse schreiben wollte, die irgendwann rebelliert. Mein Thema war nicht der Triumph des menschlichen Geistes. Mich interessierte vielmehr die menschliche Kapazität, ein grausames Schicksal zu akzeptieren.

Neuer Ishiguro-Roman: Leidensprüfung statt Geistestriumph

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SPIEGEL ONLINE: Hat ein amerikanischer Literaturkritiker ihre Romane deshalb mit den desillusionierenden Werken von Kafka und Beckett verglichen?

Ishiguro: Er hat Recht: Man sollte meine Bücher eher als abstrakt verstehen, wie die Werke von Kafka und Beckett. Ich habe immer darum gekämpft, dass meine Werke auf einer eher metaphorischen Ebene gelesen werden. Ich hänge viel weniger an Setting als sagen wir Saul Bellow. Die Umgebung eines Romans ist für mich einfach ein Teil der Technik. Ich wähle sie ganz zum Schluss aus.

SPIEGEL ONLINE: Was steht am Anfang eines Projekts?

Ishiguro: Ich beginne gewöhnlich mit den Beziehungen, den Fragen, den Themen. Das ist immer mein großes Problem. Ich habe oft eine ganze Story und dann suche ich in Geschichtsbüchern nach ihrer Location und sage mir: "Wenn ich es während der kubanischen Revolution spielen lassen würde, das könnte interessant sein." Mein erster Roman "Damals in Nagasaki" ist in Japan am Ende des Zweiten Weltkriegs angesiedelt, aber als ich anfing, spielte er in Cornwall.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat Sie literarisch beeinflusst?

Ishiguro: Dostojewski, Tolstoi, Tschechow, Autoren, die ich in meiner Jugend las. Auch ein paar Engländer, keine japanischen Schriftsteller. Dafür haben mich japanische Filmregisseure aus den fünfziger Jahren wie Yasujiro Ozu oder Akira Kurosawa stark beeinflusst. Japanische Bücher fand ich ziemlich merkwürdig, wenn ich sie in englischer Übersetzung las. Erst mit Haruki Murakami entdecke ich japanische Literatur, mit der ich etwas anfangen kann.

SPIEGEL ONLINE: Murakami kombiniert Westliches, besonders amerikanische und britische Popkultur, mit spezifisch japanischen Elementen.

Ishiguro: So ist Japan. Schon vor zwanzig Jahren war ich bei einer Diskussion mit Kurosawa, und er wurde gefragt: "Sie adaptieren Shakespeare? Das ist sehr international." Er antwortete: "Nein, das finde ich ganz natürlich." Er wuchs mit Shakespeare ebenso auf wie mit russischen und französischen Schriftstellern. Murakami ist mit den Beatles groß geworden, und wenn Sie heute nach Tokio kommen, sehen Sie eine nahtlose Verbindung aus Popkultur und traditioneller japanischer Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Romane handeln von Individuen, die ihr Leben rekapitulieren. Gibt es noch andere Sujets?

Ishiguro: Erinnerung fasziniert mich nach wie vor. Als nächstes will ich das Thema angehen, wie eine ganze Gesellschaft oder Nation sich erinnert.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist die Vergangenheitsbewältigung angesichts der Nazi-Herrschaft schon seit den sechziger Jahren ein großes Thema.

Ishiguro: Ja, in Deutschland wird die kritische Konfrontation mit der Vergangenheit auf einer bewussten Ebene sehr gründlich und vielleicht erfolgreicher als anderswo betrieben.

SPIEGEL ONLINE: Jedenfalls im Vergleich zu Japan.

Ishiguro: Ja, aber auch Amerika hat Probleme mit der Erinnerung an die Sklaverei. Manche sagen: Lasst uns dieses Kapitel begraben. Andere meinen: Wenn wir das nicht aufarbeiten, werden wir die Beziehung zwischen Schwarzen und Weißen nie verbessern. Ähnliche Kontroversen gibt es auch in den Ländern, die von Nazi-Deutschland besetzt waren, in Frankreich oder in Skandinavien. Soll die Geschichte der Kollaboration aufgearbeitet oder beerdigt werden? Es ist eine echte Herausforderung, ein riesiges Projekt. Meine Bücher handeln einerseits von Ländern, die durch große soziale Veränderungen gehen, andererseits von individueller Erinnerung. Aber ich habe es noch nicht geschafft, beide Elemente zusammenzubringen.

Das Interview führten Michael Scott Moore und Michael Sontheimer



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