Interview mit Nika Bertram "Ich irritiere immer noch"

Nika Bertram, 30, Autorin des Romans "Der Kahuna Modus", sprach im E-Mail-Interview mit SPIEGEL ONLINE über Homosexualität und Feminismus, Pop-Literatur und Computer-Clubs.

Von Wiebke Brauer


SPIEGEL ONLINE:

Was sagen Sie zu den Schlagworten Drogen und Homosexualität?

Roman-Debütantin Nika Bertram: "Wie Björk oder Kristin Hersh"
Eichborn Verlag

Roman-Debütantin Nika Bertram: "Wie Björk oder Kristin Hersh"

Nika Bertram: Zum Thema Drogen: Da bevorzuge ich eher natürliche Sachen, und beim Schreiben trinke ich nur Wasser und Tee. Meine Phantasie ist auch ohne Drogen schon schräg genug, denke ich ;)
Zum Thema Homosexualität: Oh, Männer mag ich eigentlich sehr. Erweckt mein Roman da einen anderen Eindruck? ;) Ich habe irgendwann herausgefunden, dass Nadine lesbisch ist, eben auf Frauen steht, und habe das dann auch so gelassen. Ich selber finde allerdings auch Männer nicht unattraktiv.

SPIEGEL ONLINE: Ist "Der Kahuna Modus" ein feministisches Buch?

Bertram: In dem Sinne, dass es darin um eine Frau geht, die um ihre Unabhängigkeit kämpft, natürlich. Aber Nadine ist keine Radikalfeministin. Sie hat eine gesunde Abneigung gegen jede Art ideologischer Vereinnahmung und kämpft um ihre Rechte als Frau genauso wie um ihre Rechte als Wesen aus einer anderen Welt. Es geht vielleicht primär eher um das Konzept des "Anderen" und "alternative Lebensformen" ganz allgemein - und unsere Faszination, Ängste, Vorstellungen und Vorurteile in der Begegnung mit diesem Anderen, seien es nun Frauen, Hexen oder andere Monster ;))

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von den so genannten Pop-Literaten?

Bertram: Na ja, also welche Autoren da mittlerweile alle unter einen Hut gepackt werden - da kann ich kaum noch Gemeinsamkeiten entdecken. Mir scheint es bei diesem Begriff eher darum zu gehen, die Literatur einer bestimmten Altersgruppe zu verharmlosen, auch wenn sie durch dieses Etikett letztlich besser vermarktet wurde. Ich finde die ganze Sache sehr merkwürdig. Als ich anfing, Musikzitate und andere Popkultur-Referenzen zu verwenden, habe ich mich dabei an Autoren wie Thomas Pynchon orientiert und einfach aus der Welt zitiert, in der ich mich bewege, und bin damit im traditionellen Literaturbetrieb eher angeeckt - und dann kamen plötzlich Christian Kracht & Co. und jeder machte das. Jetzt, wo mein erster Roman endlich erschienen ist, ist die Welle schon fast wieder verebbt, und nichts scheint sich wirklich verändert zu haben, denn ich irritiere immer noch. Vielleicht ist mein Pop ja auch eher alternativ, oder "indie", wie wir in den 80ern sagten ;)

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt man auf die Idee, ein "Spiel zum Buch" zu entwerfen?

Bertram: Das kam daher, dass ich mich immer schon mit Hypertexten und der Frage nach den Möglichkeiten, die neuen Technologien für neue Formen des Geschichtenerzählens zu nutzen, beschäftigt habe - und selbst noch nach einem Projekt in diesem Bereich suchte. Dann hat mir ein Freund das interaktive "Fiction Game" von Douglas Adams zum "Hitchhiker's Guide" gezeigt - und schon war ich verloren.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eine Tausendsassa-Überfliegerin?

Bertram: Nein, bestimmt nicht, nur eine typische Zwilling-Natur und chronisch urlaubsreif ;)

SPIEGEL ONLINE: Was wären Sie gerne?

Bertram: Also wenn ich ganz ehrlich bin: Sängerin oder Musikerin. Wie Björk oder Kristin Hersh. Nein, kein Tier. Und auch kein Cyborg... und bestimmt nicht Nadine ;)

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Mitglied des Chaos Computer Clubs. Sind Sie dort die einzige Frau? Was macht man da?

Bertram: Tatsächlich hat der CCC eine Frauenquote von ca. 10 %. Was wir dort machen? Gutes tun, dabei viel Spaß am Gerät haben und die Welt retten. Ich fühle mich dort sehr wohl, in dieser Community, habe dort so etwas wie eine Bohème gefunden, einen kreativen Geist, den ich in der Literaturszene eher vermisst hatte.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das Internet und Computer für Sie?

Bertram: "You can create art and beauty with a computer", um mal aus der Hacker-Ethik zu zitieren. Ich liebe das Internet genauso wie Bücher, und finde, man sollte beide Medien zu ihrem besten Zwecke nutzen. Ich halte sehr viel vom Prinzip des Networkings allgemein und habe durch das Netz schon viele wunderbare Menschen und Sachen kennen gelernt. Doch sehe ich auch die andere Seite, und möchte keine Romane auf kopiergeschützten, in zwei Jahren bereits veralteten Datenträgern aufbewahren oder mein Wohnzimmer mit Kameras überwachen lassen. Offline zu sein und Bücher zu lesen wird da vielleicht bald schon wieder ein rebellischer Akt sein ;)



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.