Interview mit Stefan Heym: "Wir wollten ehrlich leben"

"Du kannst nicht abtreten, ohne dass Du Dein Werk vollständig vorgelegt hast" meinte der Schriftsteller Stefan Heym vor rund einem Jahr in einem bislang unveröffentlichten Interview. Anlass des Gesprächs, das der damals 87-jährige Schriftsteller gemeinsam mit seiner Frau Inge bestritt, war Heyms letzte Buchveröffentlichung: "Die Architekten". Der Roman seziert, woran die DDR scheitern musste.

Stefan Heym im Mai 2001 in Berlin. Der Schriftsteller starb am 16. Dezember in Jerusalem im Alter von 88 Jahren
DDP

Stefan Heym im Mai 2001 in Berlin. Der Schriftsteller starb am 16. Dezember in Jerusalem im Alter von 88 Jahren

Seinen Roman "Die Architekten" verfasste Stefan Heym bereits 1964/65, konnte ihn aber nicht veröffentlichen. Es geht darin um die Lebenslügen der "Bauherren" der DDR. Sie werden gleichgesetzt mit Architekten, die nach sowjetischem Vorbild eine Straße des Weltfriedens errichten - analog zur ehemaligen Stalinallee in Ost-Berlin.

Ein weiteres zeitgenössisches DDR-Geschichtsbuch kam zeitgleich von seiner Frau, der Schriftstellerin Inge Heym, auf den Markt. Sie hatte zwischen 1980 und 1982 mehrere Kurzgeschichten verfasst, die sehr pointiert und mit Berliner Mundart den DDR-Alltag reflektierten. Stets mit der Fragestellung "Was ist das bloß für'n Staat, in dem ick lebe?". Auch dieses Buch hatte in der DDR keine Chance. Mit Inge und Stefan Heym sprach SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Holger Kulick vor rund einem Jahr in ihrem Haus in Berlin-Grünau, wo beide zu DDR-Zeiten lückenlos von der Stasi überwacht worden waren.

SPIEGEL ONLINE: Frau Heym, Sie haben Ihr Buch "Die Leute aus meiner Straße" einer gewissen "Lulu" gewidmet. Wer ist das?

Inge Heym: Mein Schutzengel. Wenn man durch diese Zeit gekommen ist und durch diese Jahre, dann muss man schon so einen haben.

SPIEGEL ONLINE: Einen Schutzengel, um vor wem beschützt zu werden?

Inge Heym: Zum Beispiel vor der Staatssicherheit. Das war schon sehr ernst, was wir erlebt haben, aber manchmal auch ein bisschen wie ein Spiel. Man musste sich ständig überlegen, was man tut.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Stasi versuchte, Keile zwischen Sie zu treiben?

Das Schriftstellerehepaar Stefan und Inge Heym
AFP

Das Schriftstellerehepaar Stefan und Inge Heym

Inge Heym: Das ist in deren Maßnahmeplänen sogar richtig formuliert: "Auseinandermanipulieren der Ehe. Zersetzung der Beziehung". Es war ja nicht so, dass unsere Ehe immer harmonisch war. Wir hatten auch Krisenzeiten und Streitigkeiten. Aber da musste man sich immer wieder überlegen: Wer hätte denn davon profitiert, wenn wir uns getrennt hätten? Dann hätten wir ja gemacht, was die wollten, und die haben das ja auch bei vielen geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie geahnt, wie nah die Stasi an Ihre Lebenswege herantrat, Herr Heym?

Stefan Heym: Mein Gott, ganz dicht! Die haben den Schlüssel gehabt zu meinem Schreibtisch, den Schlüssel zu meinem Safe, den Schlüssel zu unserem Haus. Und wenn wir verreist waren und zurückkamen, konnte man sehen und spüren, dass Leute da gewesen waren und sich umgeschaut haben.

Inge Heym: Aber damals hat er das nicht geglaubt, wie dicht die uns an die Haut kamen, dass wir sie praktisch unter der Haut hatten. Gerade Leute, die mir hier im Haus halfen, im Haushalt, die waren von der Stasi angeheuert.

Stefan Heym: Als wir unsere Akten einsehen konnten, zu denen jetzt schon wieder neue Bände dazugekommen sind, waren kartonweise auch Fotos dabei. Die haben alles im Haus fotografiert, jede Tasse im Schrank, jeden Buchrücken und natürlich die Menschen, die hierher kamen oder zu meinem Geburtstagsfest in einem Restaurant. Man lebte in einer ganz merkwürdigen Öffentlichkeit, einer polizeilichen Öffentlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Roman "Die Architekten" beschreibt sehr nachhaltig, wie sich Menschen in solche Situationen fügen und anfangen, ihr Leben auf Lebenslügen aufzubauen.

Stefan Heym: Das ist das Allerschlimmste. Das haben wir uns geweigert zu tun. Wir wollten ehrlich leben, meine Frau und ich.

SPIEGEL ONLINE: In den "Architekten" sprechen Sie von Menschen "mit eingebautem doppelten Boden" und "Gummigewissen" beziehungsweise "Gewissen mit Superelastizität". Gewissenlosigkeit als Verhängnis der DDR?

Stefan Heym: Ja. Dadurch, dass die Menschen gezwungen waren, etwas vorzugeben, etwa zu lügen, wusste natürlich auch die Regierung nicht, auf wen sie sich verlassen konnte, wer für sie und wer gegen sie war. Und wenn man eine Gesellschaft baut, kann man es nicht mit Menschen tun, die einen belügen. Man muss ehrlich sein. Von oben nach unten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es diese ehrliche Gesellschaft überhaupt?

Stefan Heym: Ich glaube, dass es sie noch nicht gibt. Aber ich glaube, wir müssen irgendwie dafür arbeiten, wenigstens im persönlichen Rahmen, sodass die Menschen miteinander in Liebe und Ehrlichkeit miteinander verkehren.

Stefan Heyms jüngster Roman - Die Architekten

Stefan Heyms jüngster Roman - Die Architekten

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Roman ist wiederholt die Rede von "Heuchelei in Stein, Ziegeln und Gips", die errichtet wird. War die DDR auf Heuchelei gebaut?

Stefan Heym: Die Heuchelei ist natürlich die öffentliche Heuchelei und einer der Gründe, warum dieser Staat zu Grunde gegangen ist. Das bezieht sich aber auch auf die Sowjetunion und die sozialistischen Staaten. Dabei war es ursprünglich gewiss nicht die Absicht, ein Gewebe von Lügen zu errichten, sondern eine neue, bessere soziale Ordnung als den Kapitalismus. Aber wie es sich dann herausgestellt hat, hat der Kapitalismus gesiegt und heute leben wir wieder alle darin. Manche leben gut, manche weniger gut. Die ganzen Widersprüche sind wieder da, die es ursprünglich gegeben hat. Und die Widersprüche, die es im so genannten Sozialismus gab, haben sich als sehr erheblich herausgestellt. Sie ließen sich nicht lösen.

SPIEGEL ONLINE: Im Buch setzen Sie die Architekten einer machtvollen Straße des Weltfriedens gleich mit den Architekten des sogenannten Friedensstaats DDR.

Stefan Heym: Ich gehe aber auch der Sache auf den Grund und frage: Woher kommen die Stilmomente, die damals benutzt worden sind, diese Verzierungen, dieser Barock? An einer Stelle erfährt die weibliche Hauptfigur des Buchs, die Architektenfrau Julia, von der Ähnlichkeit der Architektur ihres Gatten mit der Architektur von Hitlers Leibarchitekten, dem Speer. Darüber erschrickt sie zutiefst und kommt ins Grübeln, ob an den ganzen Ideen, die ihr Mann ihr beigebracht hat, vielleicht etwas nicht stimmen könnte - das ist eine der Hauptstellen des Buches und der Entwicklung dieser Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Staats-Architeken der DDR zu viel Fassade vor das eigentliche Leben gesetzt?

Stefan Heym: So könnte man das auch nennen, das haben Sie sehr gut erkannt.

SPIEGEL ONLINE: Dass Sie sich beide zur gleichen Zeit alte Manuskripte über DDR-Geschichte(n) hervorholten...

Inge Heym: ...war wirklich Zufall.

Stefan Heym: War Schicksal! Aber lustig!

SPIEGEL ONLINE: Wobei es in beiden Büchern auf sehr unterschiedlichen Ebenen ähnliche Beobachtungen gibt. In den "Architekten" wird bloßgestellt, wie Nazi-Stilmittel bedenkenlos übernommen wurden. Und in Ihrem Buch, Frau Heym, wird zum Beispiel die Ausweisung Wolf Biermanns von Bürgern kommentiert: "Sowat kann man nicht machen, sowat ham die Nazis jemacht!"

1976 ausgewiesener DDR-Bürger Wolf Biermann: "Sowat ham die Nazis jemacht"
DPA

1976 ausgewiesener DDR-Bürger Wolf Biermann: "Sowat ham die Nazis jemacht"

Inge Heym: Ja, so haben die Leute damals in der Mehrheit empfunden: Ausbürgerung - so was gab es doch nur bei den Nazis! Das war ein Argument, das ich damals oft gehört habe. Auch auf Parteiversammlungen trat dann große Hilflosigkeit ein, weil sich die Funktionäre nach den Protesten fragen mussten: Wer gehört jetzt eigentlich noch zu uns?

SPIEGEL ONLINE: War das ein Grundbaufehler der DDR, dass zu viele Bausteine aus der Nazizeit übernommen wurden, auch Charaktere?

Stefan Heym: Das war doch von vornherein das Problem der DDR. Wenn man sich wirklich vornahm, den Sozialismus aufzubauen, mit wem sollte man es denn machen? Man musste doch die Menschen nehmen, die da waren im Lande und diese Menschen waren entweder Nazis gewesen oder hatten den Nationalsozialismus toleriert. Keine anderen Menschen gab es doch. Und denken Sie bloß an die Ähnlichkeiten zwischen den Uniformen der Polizei oder der Armee in der Nazizeit und denen der DDR. Oder an Ähnlichkeiten auf dem Gebiet der Malerei und auch anderswo.

Inge Heym: Ich glaube, dass es da Prägungen gab, die gar nicht bewusst waren. Dass es da Leute gab, die sich mit den Ideen des Sozialismus identifizierten, aber geprägt waren durch die Nazizeit.

Stefan Heym: Kann man ihnen auch nicht übel nehmen. Was sollten Sie denn tun? Man muss nur aufpassen, dass sich das nicht immer weiter fortpflanzt, auch heute und gerade heute. Wenn Sie sich ansehen, was unter vielen jungen Menschen heute passiert, das ist doch ganz schrecklich.

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