Interview mit Wladimir Kaminer "Die russische Literatur ist nicht so spannend"

Der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer sprach mit SPIEGEL ONLINE über die Parallelen zwischen deutschem und russischem Literaturbetrieb und den überschätzten Einfluss der neuen Sex- und Drogenliteratur.


Wladimir Kaminer, 36, wanderte 1990 aus der damaligen Sowjetunion aus und schreibt sich seit Mitte der Neunziger als Stimme der russischen Emigranten in die hiesigen Bestsellerlisten. Zu den größten Erfolgen des Wahlberliners gehört der Erzählband "Russendisko". Im August erschien sein jüngstes Werk "Mein deutsches Dschungelbuch" (Goldmann)
Sabine Sauer

Wladimir Kaminer, 36, wanderte 1990 aus der damaligen Sowjetunion aus und schreibt sich seit Mitte der Neunziger als Stimme der russischen Emigranten in die hiesigen Bestsellerlisten. Zu den größten Erfolgen des Wahlberliners gehört der Erzählband "Russendisko". Im August erschien sein jüngstes Werk "Mein deutsches Dschungelbuch" (Goldmann)

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kaminer, wie würden Sie die russische Literatur charakterisieren?

Wladimir Kaminer: Man kann getrost sagen, dass die neue russische Literatur eine große kulturelle Vielfalt bietet. Gerade ist in Russland die Buchmesse zu Ende gegangen. Dort gab es neben den klassischen Verlegern, die auf publikumsbewährte Autoren setzen, auch umstrittene Verleger wie Kormilzew. Er baute einen Stand mit einem Flugzeug auf, auf dem der Schriftzug "Konterkultura" prangte. Früher schrieb er die Texte für alle sibirischen Rockgruppen, jetzt veröffentlicht er die "Enzyklopädie der Börsenkünstler". Außerdem fanden Diskussionen wie bei jeder anderen Messe statt: über die Zukunft der russischen Literatur und die Identität der russischen Leserschaft. Laut Statistik ist der Durchschnittsleser in Russland genau wie in Deutschland eine Frau um die fünfzig, die auch selbst ab und zu an einem Buch arbeitet. Arbeitstitel "Mein Leben als Frau".

SPIEGEL ONLINE: Ihrer Einschätzung nach ist der russische Literaturbetrieb also ähnlich wie in Deutschland?

Kaminer: Das kann man wohl sagen. Ich war einmal mit einer Gruppe deutscher Schriftsteller unterwegs. Das war genau so verrückt wie mit russischen. Günter Grass lief mit den Koffern seiner Frau hinterher, die im Hotelfoyer Kreise drehte. Ein bekannter deutscher Schriftsteller ging kurz mit einem Bier in der Hand raus und kam zwei Tage später mit einem anderen Bier wieder zurück. Das einzige, was die russische von der deutschen Literatur unterscheidet, ist der überragende Einfluss postmoderner Autoren. Dabei handelt es sich meist um frühere Künstler, die ihre Bücher als theoretische Werke geschrieben haben - wie Sorokin, der eigentlich ein komplizierter Autor ist.

SPIEGEL ONLINE: Was schätzt das Publikum so an ihm?

Kaminer: Ich glaube, das ist ein absolutes Missverständnis. Viele Zeitungen haben geschrieben, dass eine militante Gruppe seine Bücher verbrennen wollte, dann sah er sich selbst durch eine solche Werbung in Gefahr gebracht - wie bei dem Buch "Der blaue Speck", in dem Stalin und Hitler Geschlechtsverkehr haben. Auf Grund dieser öffentlichkeitswirksamen Geschichte haben ihn viele gekauft, aber ob sie ihn gelesen haben, weiß ich nicht.

Postmodernist Sorokin: "Das sind Diskussionen, die im Westen vor dreißig Jahren stattfanden"
AP

Postmodernist Sorokin: "Das sind Diskussionen, die im Westen vor dreißig Jahren stattfanden"

SPIEGEL ONLINE: Sex, Macht und Geld scheinen in seinen Büchern eine große Rolle zu spielen. Bezeichnet das die russische Gesellschaft von heute?

Kaminer: Verstehen Sie mich nicht falsch, bei Sorokin geht es nicht darum. Die Postmoderne zeigt die Leere. Sie zeigt, dass hinter der Form keine Inhalte stecken müssen. Man kann einen Roman schreiben, der wie einer aussieht, aber keiner ist. Das sind alles nur Buchstaben, auf Papier gekritzelte Zeichen. Das ist in Russland aus einer älteren Kampfsituation entstanden, in der sowjetische und anti-sowjetische Schriftsteller sagten: Literatur hat eine große Verantwortung, sie muss als Wegweiser in der Gesellschaft wahrgenommen werden! Die Postmodernen erwiderten: Das ist Quatsch. Literatur ist Fiction, nichts weiter. Heute hört sich das ein wenig komisch an. Das sind Diskussionen, die im Westen vor dreißig Jahren stattfanden. Aber in Russland passiert alles später.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt also keine Sex- und-Drogen-Literatur?

Kaminer: Anfang der Neunziger wurde mit dem Film "Pulp Fiction" tatsächlich ein ganz neuer Typus an Geschichten eingeführt. Das gab es früher in Russland nicht. Plötzlich kamen Autoren, die grässliche Geschichten lieferten, in denen es um Sex, Macht und Geld ging. Das kann man schon festmachen.

SPIEGEL ONLINE: In der jüngst erschienenen Anthologie "Russland" schreibt die junge Autorin Irina Deneshkina larmoyant über Drogen und Sex im Teenie-Alter. Sagt Ihnen das zu?

Kaminer: Deneshkina ist jung, es interessiert sie nicht, als Journalistin alten Männern mit einem Diktiergerät hinterherzulaufen, und sie zu befragen, ob Putin wieder gewählt wird. Stattdessen geht sie in die Clubs, lernt Jungs kennen und schreibt darüber kurze, trashige Geschichten. Ich habe mit Interesse ihr Buch gelesen, aber es ist nicht alles gleichwertig gut. Ein Thema, das mich als Vater sehr anspricht, ist die Erzählung, wie eine junge Erzieherin zum ersten Mal in den Kindergarten kommt. Sie hat romantische Vorstellungen von ihrem Beruf, dass Kinder wunderbare Wesen seien, und gleich am ersten Tag sagt eines der Kinder zu ihr: Verpiss dich, blöde Kuh! Wie sie sich dann in einem Strudel der Gefühle zwischen der Angst und der Hoffnung verliert, das ist sehr schön beschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Sie nimmt auch an der Frankfurter Buchmesse teil. Offiziell heißt das Motto: Ein neues Land, neue Gesichter, neue Namen. Ist wirklich alles neu?

Kaminer: Jemanden wie Deneshkina konnte man sich in meiner Heimat, der Sowjetunion, gar nicht vorstellen. Andere wie Jegor Radow sind schon gut bekannt. Das ist jemand, der vor zwanzig Jahren bereits über seine Drogenerfahrungen berichtete. Er ist nun kein wirklich junger Autor mehr - er ist älter als ich.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam er in der Sowjetunion an Drogen heran?

Kaminer: Indem er sie selbst verarbeitete. Es gab eine sowjetische Variante von Heroin: den Mohnsaft. Die Säfte der Blume sammelte man zur richtigen Zeit, kochte die schwarze Flüssigkeit auf und säuberte sie mit Blut oder anderen Reinigungsmitteln. Das war das reinste Heroin, aber schonender als im Westen. Heute existieren andere Drogen. Es ist noch nicht so wie in Deutschland, eher wie in Polen. Das kann man vielleicht allgemein für die literarische Szene sagen. Deshalb finde ich sie gar nicht so spannend. Man engagiert sich in einem gesellschaftlichen Prozess, bleibt aber literarisch isoliert. Ausländische Autoren spielen kaum eine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Kaminer: Weil die russische Problematik eine ganz andere ist. Was kann uns ein Deutscher oder Engländer schon erzählen, was wir nicht wüssten? Denken die Russen.

SPIEGEL ONLINE: Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew behauptet, es gibt in der russischen Literatur einen Bürgerkrieg zwischen den Schockern und den Humanisten. Sehen Sie das ähnlich?

Kaminer: Ich kann mir nicht vorstellen, was er meint. Den noch nicht ausgetragenen Kampf sehe ich zwischen denen, die Werte in der Literatur verteidigen, und denen, die eine Leck-Mich-Haltung haben und ein "Alles geht" propagieren. Dieser verstaubte und unaktuelle Kampf findet dort noch statt. Das ist nicht gerade eine spannende Schlacht. Die Einen übernehmen sich, die Anderen kämpfen für eine Selbstverständlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Wohin entwickelt sich die russische Literatur?

Kaminer: Dorthin, wohin sich die russische Gesellschaft entwickelt. Das ist viel übersichtlicher als in der EU. Es kann nur in zwei Richtungen gehen: Entweder werden sie zu einer Art heutiges Polen, einem freundlichen Nachbarn der Gemeinschaft - mit schwächerer Wirtschaft und verminderten Menschenrechten. Oder sie kehren zu der finsteren Vergangenheit zurück, woran ich persönlich nicht glaube.

Interview: Ulf Lippitz



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