Interview mit Wladimir Sorokin "Die Leute sind gekauft"

Der Moskauer Schriftsteller Wladimir Sorokin, 46 ("Die Schlange"), über seine Vorladung bei der Staatsanwaltschaft und einen drohenden Prozess wegen Pornografie


Autor Sorokin: "Die Situation ist ernst"
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Autor Sorokin: "Die Situation ist ernst"

SPIEGEL:

Herr Sorokin, auf Anzeige eines Funktionärs der Jugendorganisation "Gemeinsam Gehen" hat die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Sie eingeleitet, weil Ihr Roman "Der himmelblaue Speck" Pornografie enthalte. Droht eine neue Zensur in Russland?

Sorokin: Es ist ein hässlicher Versuch, die Zensur wieder einzuführen. Die Organisation testet im Auftrag staatlicher Machtstrukturen, ob die Gesellschaft schon wieder bereit ist, Zensur zu akzeptieren.

SPIEGEL: Ihnen droht Haft bis zu zwei Jahren. Denken Sie an Emigration ?

Sorokin: Nein. Ich kann nicht lange im Westen leben. Mir fehlt dort die russische Luft zum Atmen, die russische Unberechenbarkeit, das Absurde.

SPIEGEL: Die Mitglieder der Organisation "Gemeinsam Gehen" werden von Kritikern "Putin-Jugend" genannt. In Moskau wurden Ihre Bücher öffentlich zerrissen. Sehen Sie Parallelen zu den Bücherverbrennungen in Deutschland im Jahr 1933?

Sorokin: "Gemeinsam Gehen" ist eine SA in Puderzucker. Die SA-Leute waren vom Nationalsozialismus überzeugt, "Gemeinsam Gehen" dagegen kauft sich junge Leute für diese Aktionen. Das ist eher eine kapitalistische als eine totalitäre Veranstaltung.

SPIEGEL: Warum fällt die Solidarität Ihrer russischen Schriftstellerkollegen mit Ihnen so schwach aus?

Sorokin: Einige der besten Schriftsteller unterstützen mich: Andrej Bitow, der Chef des russischen PEN-Clubs, Viktor Jerofejew, Wladimir Makanin, Dmitrij Prigow, Ljudmila Ulizkaja. Die Autoren der sechziger Jahre aber meinen, dass ich die russische Literatur zerstöre. Sie sollten bedenken, dass Dutzende von Prozessen beginnen werden, wenn der Staat dieses Verfahren gewinnt. Das wird eine Wende, was die Freiheit des Wortes in Russland angeht. Die Situation ist ernst.

SPIEGEL: Ihr Schriftstellerkollege Eduard Limonow stuft das System in Russland als "Polizeistaat" ein. Stimmen Sie dem zu?

Sorokin: Nein. Wenn wir in Russland schon einen Polizeistaat hätten, könnte ich meine Bücher nicht verlegen lassen.



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