Interview mit Wladimir Sorokin "Es war schon immer gefährlich, ein russischer Schriftsteller zu sein"

Der Schriftsteller Wladimir Sorokin, 48, gilt als provokanter Neuerer des russischen Romans. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über über die Mechanisierung der menschlichen Gefühlswelt und den Anbruch eines neuen politischen Winters in Russland.


Schriftsteller Sorokin: "Wir tauschen nur Textblöcke aus, die keinen Sinn mehr haben"
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Schriftsteller Sorokin: "Wir tauschen nur Textblöcke aus, die keinen Sinn mehr haben"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Sorokin, Sie werden mit folgendem Satz zitiert: "Die russische Literatur ist eine Kirche und ich betrete diese Kirche mit einer Axt". Wer hat etwas davon, wenn Ikonen zu Bruch gehen?

Wladimir Sorokin Ich komme nicht, um diese Kirche zu zerstören, sondern um sie zu säubern. Da hat sich viel Schrott angesammelt, alte Möbel. Vor dem Gebäude selbst habe ich viel Respekt, aber vom Mobiliar aus drei Jahrhunderten ist vieles verrottet. Da sind schon Maden drin und es riecht muffig. Es wird zwar immer wieder geschrieben, ich sei ein Provokateur. Aber das bin ich nur in den Augen oberflächlicher Beobachter. Nur in Raskolnikows Händen ist die Axt ein Werkzeug der Aggression. Wenn sie dagegen ein Zimmermann in die Hand nimmt, dann hat das nichts mit Aggression zu tun. Sondern mit Wiederaufbau.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch "Ljod. Das Eis" sucht eine barbarische Sekte die wahre Menschlichkeit in den "sprechenden Herzen" von Opfern, denen zuvor der Brustkorb mit Eishämmern aufgeschlagen wurde. Viele haben dies als eine Ode auf Liebe und Erlösung verstanden. Liegen sie mit dieser Deutung richtig?

Sorokin: Nein das Gegenteil ist der Fall - es ist eher eine Satire auf die Kommerzialisierung von Liebe und Erlösung. Natürlich ist es keine reine Satire. Eher ein metaphysischer Roman, bis jetzt mein wichtigstes Buch, denn 99 Prozent der Menschen streben nach Glück. Auf einer anderen Ebene ist es ein Roman über die Automatisierung des menschlichen Lebens und der Liebe allgemein. Der Mensch bewegt sich Richtung Glück, aber auf dem Weg dahin bleibt der Dreck an ihm hängen wie an einem Igel - das sind unsere Automatismen. Und irgendwann besteht unser Leben aus Alltag. Wir tauschen nur Textblöcke aus, die keinen Sinn mehr haben. Selbst im Liebesakt, der eigentlich der aufrichtigste Moment im Lebens sein sollte, flüstern wir uns Klischees zu. Und aus der Enttäuschung, die das hervorruft, entstand dieser Roman.

SPIEGEL ONLINE: Die Automatisierung und Kommerzialisierung von Sexualität ist Pornografie. Setzen sie sich mit "Ljod" auch gegen den Vorwurf der Pornografie zur Wehr, mit dem man in Russland versucht hat, Sie zu diffamieren?

Sorokin: Ich habe mich noch nie verteidigt. Ich habe immer nur verschiedene Bücher geschrieben. "Ljod" ist eine Wende für mich. Früher wollte ich mich mit Gewalt auseinander setzen und mit der Abhängigkeit der Menschen von Gewalt. Aber mit diesem Buch gehe ich neue Wege. Auch formal. Diesmal habe ich ziemlich klassisch erzählt. Dass meine Bücher oft an Drehbücher erinnern, besonders in diesem Fall, liegt daran, dass der Leser den Text maximal visualisieren können soll.

SPIEGEL ONLINE: Aber geht es Ihnen nicht auch jetzt um Gewalt, wenn sie von Automatisierung des Lebens sprechen? Hat sich die Gewalt nicht bloß gewandelt - in Russland wie in Ihren Romanen?

Sorokin: Nein. Die Gewalt hat sich in Russland nicht wirklich gewandelt. Doch nicht im Lauf von 10, 12 Jahren! Während des 20. Jahrhunderts hat man in bei uns so viele Menschen vernichtet, dass diese Prinzipien der Gewalt sehr tief im russischen Unterbewusstsein verwurzelt sind. Aber wenn man von Gewalt und ihrer wachsenden Rolle heute spricht, dann betrifft das ja die ganze Menschheit. Der Mensch lebt in der Gewalt und von der Gewalt wie eine Mücke im Honigglas. Wir strampeln uns unser Leben lang ab und kommen nicht raus. Aber ich fände es sehr langweilig, mich damit zu befassen, wie sich diese Gewalt verändert.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Kollegen behaupten, Literatur habe ihren Stellenwert in der russischen Gesellschaft verloren. Während der Kampagne gegen Sie sah das jedoch anders aus. Jetzt haben die Angriffe aufgehört und Sie sind nicht weniger mutig geworden. Wie gefährlich ist Literatur in Russland also wirklich?

Sorokin: Es war schon immer gefährlich, ein russischer Schriftsteller zu sein. Alle unsere Klassiker waren im Konflikt mit der Obrigkeit. Fast ohne Ausnahme. In der Sowjetzeit wurden sie physisch vernichtet. Heute wird ihr Schreiben vernichtet. Der russische Staat hat eine panische Angst vor Schriftstellern, warum auch immer. Das gilt eben auch für mich. Ich bin nicht sicher, ob es die letzte Aktion gegen mich war. In Russland bricht ein neuer politischer Winter an. Die Übermacht der Bürokratie wächst wieder, und eine neue konservative Periode beginnt. In solchen Perioden befasst man sich immer viel genauer mit Schriftstellern. Russland ist ein Land, über das man keine Prognosen treffen kann. Ich weiß nicht genau, was da kommt. Aber es kommt etwas auf uns zu.

SPIEGEL ONLINE: Wie und woher kommt dieser politische Winter?

Sorokin: Die Massenmedien werden schon vom Staat kontrolliert, wir haben keinen unabhängigen Fernsehsender mehr. Die Bürokratie hat schon absolute Macht. Reicht das nicht? Aber das, was wir jetzt sehen, ist nur der erste Schneefall, eines langen Winters.

Interview: Daniel-Dylan Böhmer



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