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Bestseller-Autor T.C. Boyle: "Wir sind alle angezogene Affen"

Ein Interview von Anne Backhaus

T. C. Boyle: Die Einsamkeit so nah Fotos
Anne Backhaus

Drei Frauen, eine Insel, viel Natur: US-Autor T.C. Boyle hat einen Roman über Amerikas Pioniere geschrieben, der leider schlecht ist. Daher schweigen wir darüber und fragen ihn lieber, warum wir Menschen Tiere sind, wofür ihn seine Frau ermorden würde und wen er zu Katzenfutter verarbeiten will.

SPIEGEL ONLINE: Herr Boyle, ich möchte mich eigentlich nicht mit Ihnen über Ihr neues Buch unterhalten.

Boyle: Zeichnen Sie das Interview auf?

SPIEGEL ONLINE: Ja.

Boyle: Dann ist das in Ordnung. Hauptsache, Sie schreiben alles genau so, wie ich es gesagt habe.

SPIEGEL ONLINE: Sie können das Interview auch vor Veröffentlichung gegenlesen, um Fehler zu vermeiden.

Boyle: Das mache ich nie, dafür habe ich keine Zeit. Für Rezensionen ebenfalls nicht. Meistens wird mir das alles geschickt, wenn ich unterwegs bin. Dann kommen in mein chaotisches Leben auch noch 5000 E-Mails. Es wäre doch irre, das alles zu lesen.

SPIEGEL ONLINE: Also wissen Sie gar nicht, was die Leute über Ihre Arbeit denken?

Boyle: Manche sagen es mir. Was halten Sie von "San Miguel"?

SPIEGEL ONLINE: Darüber wollte ich doch nicht mit Ihnen sprechen.

Boyle: Nur kurz.

SPIEGEL ONLINE: Na gut. Ich mag das Buch nicht. Es ist irritierend langweilig.

Boyle: Einige Journalistinnen haben mir erzählt, dass sie am Ende weinen mussten.

SPIEGEL ONLINE: Ich habe fast geweint.

Boyle: Wirklich?

SPIEGEL ONLINE: Nein. Aber ich habe mich gefragt, warum Sie einen derartig quälend realistischen Roman verfassen.

Boyle: Das war nicht meine Absicht.

SPIEGEL ONLINE: Das macht es nicht leichter.

Boyle: Für mich war es auch nicht leicht! Am schwersten fiel mir, dass mein Buch weder ironisch noch lustig ist.

SPIEGEL ONLINE: Mir auch.

Boyle: Ich wollte sehen, ob ich das kann. Ich hätte tolle Szenen schreiben können, aber ich wollte nicht. Ich wollte, dass alles strikt an den historischen Hintergrund und die Insel gebunden ist. Es geht um San Miguel, diesen bedrohlichen Ort.

SPIEGEL ONLINE: Das Buch wirkt selbst wie eine Insel, die in Ihrem Gesamtwerk treibt.

Boyle: Den Gedanken mag ich. Ich habe außerdem noch nie eine Geschichte komplett aus der Sicht von Frauen geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben über drei Frauen, eine Insel vor Kalifornien und viel Natur - ein historischer Roman über das Leben amerikanischer Pioniere. Und erzählen dabei aber eigentlich die Geschichte von Männern.

Boyle: Nein, eigentlich schreibe ich über Natur. Da sind Menschen, die aus der Zivilisation fliehen und ihr Leben in der Wildnis verbringen wollen. Doch die Natur bezwingt sie, so wie sie uns letztlich alle irgendwann kriegen wird.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie sich vor der Natur?

Boyle: Ganz im Gegenteil. Ich schätze mich glücklich, dass ich die Möglichkeit habe, Internet und Telefon auszustellen, in die Berge zu fahren und mehrere Monate im Jahr in der Natur zu verbringen. Alle sind immer erreichbar, das ist unheimlich. Die Maschinen kontrollieren uns und ich hasse sie.

SPIEGEL ONLINE: Für viele ist es vielleicht unheimlich, allein auf einem Berg oder auf einer Insel zu sitzen.

Boyle: Nur weil sie nicht daran gewöhnt sind. Dabei sind wir alle nichts als dicke, angezogene Affen, die sich gegenseitig den ganzen Tag lang vergewaltigen und umbringen müssen. Ich mag es, darüber nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eine gewalttätige Person?

Boyle: Ich würde sofort selbst mit einer Frau im Rollstuhl über 90 kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ein hübsches Bild.

Boyle: Zu früh gefreut, meine Gewalt ist nur innerlich.

SPIEGEL ONLINE: Gegen Sie selbst gerichtet?

Boyle: Gegen die Welt. Deswegen schreibe ich, ein sicherer Weg.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben besonders gern in Ihrem Haus in den Bergen. Können Sie da besser auf die Welt blicken?

Boyle: Ich will vor allem keine anderen Menschen sehen. Ich habe schon genug Menschen in meinem Leben gesehen. Ich will allein in der Natur sein, da bin ich mir meiner selbst nicht so bewusst. Das einzige Geschäft auf meinem Berg ist eine Bar. Nur da muss ich gemocht werden, denn bis zur nächsten läuft man 45 Kilometer.

SPIEGEL ONLINE: Aha, ein Autor der Alkohol mag.

Boyle: Alle Autoren sind egomanische Narzissten, drogenabhängig mit Hang zu Alkoholmissbrauch. Ich unterscheide mich nicht von ihnen.

SPIEGEL ONLINE: Das würde womöglich einiges erklären.

Boyle: Im Ernst, ich schreibe eher über Egomanen, um nicht wie sie zu werden. Da fällt mir auf, was Sie vorhin über mein Buch sagten, stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Dass es irritierend langweilig ist?

Boyle: Nein, dass ich zwar aus der Sicht von Frauen, aber doch über Männer schreibe.

SPIEGEL ONLINE: Ach so.

Boyle: Am besten kann ich mich übrigens mit meinen Punkmännern identifizieren. Das ist leicht, denn so fühle ich mich. Es wäre aber nicht sonderlich befriedigend, hätte ich 50 Bücher über Punks geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie lebt es sich als Punk in den USA?

Boyle: Ich habe immer gedacht, ich lebe in einem freien Land, in einer Demokratie. Eigentlich stimmt das aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Nein?

Boyle: Jeder Politiker ist käuflich. Wenn ich in Charge wäre - aber ich habe keine Zeit, ich muss ja Bücher schreiben - würde ich alle Lobbyisten verbannen. Nein, ich würde sie zu Katzenfutter verarbeiten lassen. Ich würde jedem Präsidenten eine einmalige Regierungsperiode von sechs Jahren geben, so müssten sie sich keine Gedanken über Geld machen.

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie sich Gedanken über Geld?

Boyle: Zum Glück nicht, ich bin Künstler. Und ich konnte immer alles tun, was ich wollte. Es gibt nur eine Einschränkung in meinem Leben: Ich darf nicht über meine früheren Freundinnen und die Familie meiner Frau schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Schade, das ist sicher das beste Material.

Boyle: Klar, aber Frau Boyle würde mich umbringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange sind sie verheiratet?

Boyle: 75 Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Das stimmt nicht.

Boyle: Doch.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht fühlt es sich so an?

Boyle: Im guten Sinne. Sie ist mein College Sweetheart. Ich habe sie kennengelernt, als sie 20 war. Ich hatte keine Wahl, wir haben Glück mit uns gehabt. Ich bin übrigens der einzige Autor der Weltgeschichte, der nur eine Frau hat.

SPIEGEL ONLINE: Das stimmt auch nicht.

Boyle: Es fühlt sich aber so an!

SPIEGEL ONLINE: Nicht schlecht für einen verhinderten Egomanen.

Boyle: Jeden Morgen ziehen wir als erstes Boxhandschuhe an und schlagen uns für zehn Minuten gegenseitig ins Gesicht. Das hilft uns über den Rest des Tages.

SPIEGEL ONLINE: Wie romantisch.

Boyle: Es ist okay, ich kann damit umgehen. So wie mein Vorbild Jesus Christus. Aber schauen Sie, was die Menschen mit ihm gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Jesus ist doch niemals Ihr Vorbild.

Boyle: Nein. Ich würde aber gerne die Menschheit erlösen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Boyle, Ihnen ist nicht zu glauben.

Boyle: Das hoffe ich sehr.

T.C. Boyle: San Miguel; Carl Hanser; 448 Seiten, 22,90 Euro (bei Amazon erhältlich)

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insgesamt 31 Beiträge
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1. optional
sudiso 02.11.2013
wenn es in dem Artikel um den Autor geht und sein buch als langweilig betitelt wird, da muss doch dann was an dem buch dran sein, weil ansonsten kein derartiger Artikel zustande gekommen wäre. oder der Autor hat so gute Bücher geschrieben, das dieses als langweilig betitelte buch als relativ schlecht erscheint. ansonsten wären mal ein paar Biografien über Autoren nicht schlecht. und um einiges interessanter.
2. Audioaufzeichnung
thewildmax 02.11.2013
Wäre es möglich die Audioaufzeichnung irgendwo als Podcast zu bekommen? Die Buchstaben und Wörter mangeln an Ausdrucksfähigkeit durch Betonung und Stimmung.
3.
skilliard 02.11.2013
Meinetwegen darf Boyle gerne weiter langweilige Bücher schreiben, wenn nachher so kurzweilige Interviews dabei herauskommen. Vielleicht sollte ich das Buch doch mal lesen.
4. grosser mensch, dieser boyle,
jetlag chinaski 02.11.2013
und auf die übersetzung von Dirk van Gunsteren bin ich auch mal gespannt.
5. Funktion der Schutzumschläge
Antoninus 02.11.2013
"Wir sind alle angezogene Affen" Und die komischen/blöden oder herrlich intelligenten Affen schreiben so viele Bücher. - Ach, ja, die Bücher haben, wenn sie nicht als Tabus (zumeist) im Bahnhofsbuchhandel (wo jede Pfote alles angrabbeln kann) landen: S c h u t z u m s c h l ä g e! Signet unserer äffischen oder anthopogenen Kultur? Gibt es noch Menchen, die da Zeugs lesen? Ja, sicher: verkauft werden soll es. Und wenn doch die Lectures klassiche oder klassisch moderne Literatur lesen wollten - es gäbe herrliche Grenzüberschreitungen. ETA Hoffmann crossover. Oder gar ein Afffe als Mörder? Hatte da ein Edgar Sowwieso Poe nicht Heimvorteil auf dem Feld. Und es war alles leserlich, was er schrieb.
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Zur Person
  • DPA
    Thomas Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, N.Y., geboren, ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und unterrichtete an der University of Southern California in Los Angeles. Boyle wuchs in schwierigen Familienverhältnissen auf und entdeckte erst auf der Universität seine Liebe zur Literatur. Mit seinem ersten Roman "Wassermusik" (1982) begann Boyles Karriere als Autor, seitdem hat er 13 weitere Bücher und eine Vielzahl von Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht. Boyle ist bekannt für seine historischen Romane. Sein neustes Werk "San Miguel", über eine einsame Insel vor der Küste von Kalifornien, erschien auf Deutsch im August 2013 im Carl Hanser Verlag.
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