Irans Weblog-Szene Schreiben gegen die Verzweiflung

Iran, die Achsenmacht des Bösen, das Reich der Großajatollahs und Atombombenbastler? Wer Nasreen Alavis Buch über die iranische Weblog-Szene liest, entdeckt eine Welt jenseits solcher Klischees. "Wir sind der Iran" ist ein packendes Dokument über den Wunsch des Landes nach kultureller Vielfalt.


Iran ist das Land, das nach der Atombombe strebt. Iran ist das Land, dessen neu gewählter Präsident Mahmud Ahmadinedschad Israel vernichten will. Iran ist das Land der verschleierten Frauen und der vollbärtigen, Turban tragenden Herrscher. Iran ist ein Gottesstaat und für den US-Präsidenten ein Teil der "Achse des Bösen".

Alavi-Buch: "Es wird keine Zensoren mehr geben"

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Iran ist aber auch das Land im Nahen Osten mit den stärksten zivilgesellschaftlichen Strukturen, 70 Prozent der Menschen sind hier jünger als 30. Und Farsi, die Sprache der Iraner, ist die vierthäufigste Weblog-Sprache der Welt - noch vor Spanisch, Chinesisch oder Deutsch.

Nasreen Alavis Buch "Wir sind der Iran" stellt auf klare und charakteristische Weise die vielfältige und vitale Weblog-Szene des Landes dar - es gibt derzeit über 65.000 Internet-Tagebücher in Farsi. Mit einer klugen Auswahl an Weblog-Einträgen, ergänzt durch einleitende und erklärende Texte der Autorin, zeichnet sie ein authentischeres Bild der iranischen Zivilgesellschaft, als es jeder Uno-Bericht könnte. Dem Leser werden Einträge nahegebracht, die bewegende Zeugnisse einer Gesellschaft sind, die sich trotz Zensur und Repression verwirklichen und artikulieren will:

"Ich führe ein Weblog, damit ich in dieser stickigen Luft überhaupt atmen kann. In einer Gesellschaft, in der man zur Schlachtbank der Geschichte geführt wird, nur weil man das Verbrechen begeht nachzudenken, schreibe ich, damit meine Verzweiflung mich nicht überwältigt."

"Wir sind der Iran" ist ein Buch voller gebrochener Tabus. Die Texte - alle mit Quellenangabe versehen - handeln von Männern, die ihre Frauen auf der Straße auf den Mund küssen; vom letzten Besuch bei der Tante im Gefängnis, bevor sie hingerichtet wird; vom Leben mit der Zensur; vom freien Leben in den USA; von Drogen, Elvis und vom verzweifelten Wunsch nach internationaler Anerkennung:

"Gestern kam ein Bericht der BBC über die Bombenanschläge von Bali. Der Reporter wiederholte immer wieder, dass die Mehrheit der balinesischen Muslime sehr friedliebend sei und die Attentäter nicht im Geringsten unterstütze. [...] So weit ist es mit uns Muslimen gekommen, dass uns nur noch die Reporter im nichtmuslimischen Fernsehen aus schlichtem Anstand verteidigen und als friedliebend bezeichnen. Wir sind nutzlos".

Weblogs sind bei den knapp acht Millionen Internet-Nutzern in Iran gerade deshalb besonders beliebt, weil sie weniger den üblichen Repressionen der Zensur ausgesetzt sind. Dennoch versucht der iranische Staat so viel Kontrolle auszuüben wie möglich. So wurde mit Sina Motallebi weltweit erstmals ein Weblogbetreiber verhaftet. Trotzdem lässt man sich nicht einschüchtern - Generationen übergreifend. Die iranische Weblog-Szene ist nämlich nicht nur auf die Jüngeren beschränkt:

"Meine Tochter wollte sich einen Nasenring stechen lassen. [...] Dies ist der Iran. Du hörst meine Stimme aus dem Land der besorgtesten Mütter."

"Manchmal ist es schwer, sich damit abzufinden, als Witwe zu leben, nachdem die Kinder aus dem Haus sind. Meine Enkel besuchen mich, so oft sie können."

Gerade die Frage der Frauenrechte spielt in den Weblog-Einträgen - wie in der gesamten iranischen Zivilgesellschaft - eine zentrale Rolle. Dabei werden internationale Entwicklungen sehr genau registriert, wie beispielsweise das Kopftuchverbot an französischen Schulen.

"Sowohl der Mann, der seiner Frau oder Tochter auf den Kopf schlägt und sagt: Binde dein Kopftuch enger und bedecke dich!, als auch der Mann, der ein Gesetz verabschiedet, das Kopftücher verbietet, zwingt anderen seine Meinung auf. Freiheit bedeutet, wählen zu dürfen. In unserem Fall zwingen uns die Männer, das Ding zu tragen, woanders zwingen sie Frauen, es abzulegen!"

Auch die Geschichte Irans wird in Alavis Buch eingehend behandelt. Die konstitutionelle Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts kommt ebenso zur Sprache wie der CIA-Putsch im Jahr 1953 und natürlich die islamische Revolution 1979. Und man erfährt viel über die aktuelle Sicht der Menschen in Iran auf diese Ereignisse. "Wir sind der Iran" ist vielleicht auch deshalb ein Buch voller Bitterkeit und Ironie, Verzweiflung und Hoffnung:

"Die Geschichte meiner Generation habt ihr schon oft gehört. Eine Generation, die mit Bomben, Raketen, Krieg und revolutionären Parolen aufgewachsen ist. Eine Generation, deren Sparschweine die Form von Handgranaten in Tarnfarben hatten."

"Der Tag wird kommen, an dem alles, alles gut wird. Es wird keine Zensoren mehr geben, die Blogs durchkämmen. Eine verschleierte Frau wird im Fernsehen nur mit Zensurbalken zu sehen sein. Dann werden du und ich bis zum Morgengrauen mit einer Flasche Champagner durch die Straßen schlendern. Natürlich nur, wenn deine Mutter es erlaubt!"

Insgesamt wird allerdings deutlich, wie schwer es ist, die ganze Welt dieser virtuellen Tagebücher in 380 Seiten zu packen, sie thematisch zu gliedern und kritisch eimzuordnen. Die Auswahl der Einträge folgt letztlich der politischen Botschaft der Autorin - und an deren Tenor ist nichts auszusetzen: Es gibt bei Weitem nicht nur den Iran des religiösen Fanatismus.

"Ist irgendjemandem aufgefallen, dass es in unseren öffentlichen Toiletten kaum noch Graffiti gibt, seit die Weblogs aufgetaucht sind? Erinnert ihr Euch an die Toiletten in der Uni, die wir 'Freiheitssäulen' nannten?"

Und kurz nach der Präsidentschaftswahl schrieb ein Blogger, der sich "Sadegh56" nennt:

"Ich möchte Herrn Ahmadinedschad gratulieren und ihn daran erinnern, dass ich ihn gewählt habe wegen seiner hoch gesteckten Ziele der sozialen Gerechtigkeit und des Kampfes gegen die Armut."

Man sieht: In Iran werden im Wahlkampf dieselben Versprechungen gemacht wie in anderen Ländern. Es ist also eine Nation wie viele andere auch, mit einer Bevölkerung, beseelt vom Wunsch nach einem humanen Zusammenleben. Im Übrigen ist das Motto des Weblogs von Sadegh56 ein vielsagendes Motto: "Wir schnitzten, wir beteten, wir zerbrachen."

Auch in Iran stirbt die Hoffnung zuletzt.



Nasrin Alavi: "Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs - die junge persische Weblog-Szene".
Übersetzt von Violeta Topalova und Karin Schuler. Kiwi Paperback, 387 Seiten, 9,90 Euro.



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