Kleinstadt-Storys Teenager in der Waschmaschine der Emotionen

Es gibt Hoffnung, es gibt Heilung: Joey Goebels erster Kurzgeschichtenband "Irgendwann wird es gut" berichtet ebenso zärtlich wie blickgenau aus dem Kosmos eines Städtchens in Kentucky.

Autor Joey Goebel
Jens Kalaene/ picture alliance

Autor Joey Goebel


Joey Goebel hatte ja selbst einmal eine Band. Sie hieß The Mullets; ihre Songs, die Titel wie "Nacho Cheese", "Dump Your Boyfriend" und "Going Through Puberty" tragen, lassen sich auch heute noch bei Spotify nachhören. Das war immer ein kleiner Seitenstrang in der Goebel-Geschichte, eine Wikipedia-Fußnote, die sich als Idee, als Stimmung durch seine Romane zog, vor allem durch "Vincent", "Freaks" und "Ich gegen Osborne".

In "Irgendwann wird es gut" erfährt diese Band-Geschichte eine sehr konkrete Aufarbeitung: "Skanky Baby" heißt die dritte der insgesamt zehn Kurzgeschichten dieses Buchs, sie erzählt zärtlich und liebevoll von Luke Birkhall, der einen neuen Song geschrieben hat. Einen, der anders ist als die bisherigen. "Wenn man mit ihm sprach, hätte man es nie gemerkt, doch tatsächlich trug Luke eine schlimme Traurigkeit in sich, und er dachte, er könnte einen Teil dieser Traurigkeit loswerden, wenn er sie in einem neuen Song unterbrachte", schreibt Goebel.

Dann erzählt er von der letzten Bandprobe vor dem ersten richtigen Konzert und davon, wie Birkhall durch diese Waschmaschine aus Emotionen geschleudert wird, die vermutlich für alle sehr schüchternen Teenager in irgendeiner Ecke ihres Bewusstseins steht, die zum ersten Mal eine Bühne betreten. Die auf fremde Menschen stoßen, auf eine Szene. "Er hoffte, dass sich unter diesen Leuten ein Mädchen befand, das ihn Gitarre spielen und singen sah und sich sofort in ihn verlieben würde."

Nachts am Whirlpool

"Skanky Baby" spielt in Moberly, einer kleinen Stadt im US-Bundesstaat Kentucky. Dieser Ort, er ist mit seinen zwei Hauptverkehrsadern recht überschaubar, eint die Geschichten in Goebels ersten Short-Story-Band. Seine Helden sind nicht auf die Art und Weise in die Gesellschaft der Stadt integriert wie das gesellschaftliche Konventionen vorsehen, beziehungsweise: höchstens bei einem sehr ungenauen Blick.

Joey Goebel
Regine Mosimann/ Diogenes-Verlag

Joey Goebel

Etwa Luke Birkhalls kleine Schwester Carly, ein Mädchen, das sich für Kinderdinge nicht interessiert, sondern es vorzieht, ihre Nachmittage in einem kleinen Antik-Markt zu verbringen und sich dort mit Mr. Baynham, einem älteren Herrn mit Ascot-Krawatte und Ballonmütze, anfreundet. Entsprechend schwer hat sie es in der Schule.

Winston, der als Messie seine Vergangenheit in Gegenstände packt - und sein vollgemülltes Haus erst in dem Moment als Falle erkennt, in dem er sich in eine Frau verliebt, die er Tag für Tag durchs Wohnzimmerfenster beobachtet. Stephanie, die ihren Schülern anbietet, sie zu jeder Tages- und Nachtzeit anzurufen, wenn sie getrunken haben, und nicht wissen, wie sie heimkommen sollen. Einer nimmt das Angebot an.

Matt Cooper, der an einem Winterabend - es hat stark geschneit - nicht mehr von seiner Schicht in der Blockbuster-Videothek nach Hause fahren kann und im Ramada Inn eincheckt, im Kopf ein ganz genaues Drehbuch von dem, was in den nächsten Stunden passieren könnte. Am Ende schneidet er sich betrunken im Hotelwhirlpool an einer Bierflasche die Hand auf.

Verzicht auf Klischees

Carson McCullers, F. Scott Fitzgerald, J.D. Salinger: In dem vom deutschen Schriftsteller Benedict Wells geführten Interview, das das Buch beendet, wird das Gelände, in dem die Geschichten Goebels zu verorten sind, gut benannt. Man könnte noch weiter gehen, das fiebrig Skurille, bisweilen Gekünstelte, das der Amerikaner einigen seiner Protagonisten mitgibt, erinnert an Roald Dahl, auch John Cheevers wunderbarer Kurzgeschichtenband "Der Schwimmer" ist nicht weit weg. Und die Art, wie Goebel beim Schildern seiner Figuren auf jedes Klischee verzichtet, wie seine Charaktere Nähe suchen, auf zum Teil irritierende, aber immer aufrichtige Art und Weise, und wie sie dabei nicht nur scheitern, sondern auch wachsen, besitzt durchaus etwas von John Updike.

Preisabfragezeitpunkt:
22.03.2019, 08:40 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Joey Goebel
Irgendwann wird es gut

Verlag:
Diogenes
Seiten:
320
Preis:
EUR 22,00

Luke Birkhall spielt den neuen Song seinen Freunden nicht vor. Aber er träumt davon, damit aufzutreten, erst in Moberly und dann im Rest der Welt. Carly Birkhall nimmt sich fest vor, ihren Mitschülerinnen in Zukunft die Stirn zu bieten. Matt Cooper legt sich schlafen, er wird im Verlauf des Buches noch einmal auftauchen, denn zwei Dinge haben Goebels Geschichten gemein: Sie sind miteinander verbunden, was Orte wie Personal angeht, ergeben beinahe so etwas wie einen Episodenroman, auch wenn dafür der große Überbau, der Schirm einer übergeordneten Handlung fehlen mag.

Und: Goebel versucht sich an Happy Ends. Nicht auf eine kitschige Hollywood-Art, Gott bewahre. Eher ist es ein unerschütterlicher Grundoptimismus, der sich durch seine Storys zieht. In der letzten Geschichte reichen sich zwei Menschen die Hand. Ein neues Kapitel beginnt, aber das muss man sich als Leser schon selbst überlegen, und vielleicht ist das dann so etwas wie die Moral dieses Buches: Für Hoffnung sollte immer Raum sein, selbst in der langweiligsten Kleinstadt der Welt.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.