Gefeierter Familienroman Versaute Mütter und siechende Söhne

Ein Buch wie ein Schlagabtausch: Irina Teodorescu erzählt in "Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen" eine aberwitzige Familiensaga. Zu Recht gilt sie als große Hoffnung der französischen Literatur.

Debütantin Irina Teodorescu: Das Schicksal verfährt nach Gutsherrenart
Geraldine Aresteanu

Debütantin Irina Teodorescu: Das Schicksal verfährt nach Gutsherrenart

Von Franziska Wolffheim


Schuld an allem sind zwei Pistolen. Oder die Gutgläubigkeit eines Banditen mit ungepflegtem Schnauzbart. Oder die Gemeinheit eines Kleinbürgers mit gepflegtem Schnauzbart. Beim Barbier treffen die beiden Schnauzbärtigen zusammen: Der Bandit, ein Robin Hood, der die Reichen ausraubt, um seine Beute den Armen zu geben, und Gheorghe Marinescu, der dem Schurken listig zwei Revolver verspricht.

Er lädt den Gauner in sein Haus, sperrt ihn dann jedoch im Keller ein und lässt ihn verhungern. Und sichert sich so den Inhalt von zwei Goldtruhen, den der Bandit noch nicht verteilt hat. Alles schön und gut, wäre da nicht die üble Drohung, die der Räuber vor seinem Tod ausgestoßen hat: Er verflucht Marinescu und seinen gesamten Clan - und das bis ins Jahr 2000.

Das ist der Ausgangspunkt von Irina Teodorescus wunderbar verrücktem Familienroman "Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen", der irgendwo im Osten Europas spielt. Ein Buch, das in erstaunlichem Tempo immer neue Wendungen nimmt, meist Lichtjahre entfernt von Logik und Wahrscheinlichkeit - aber genau das macht den Reiz dieses erzählerischen Schelmenstücks aus. Ein vielversprechendes Debüt der 1979 in Bukarest geborenen Autorin, die seit längerem in Frankreich lebt und auf Französisch schreibt. In ihrer Wahlheimat wurde der Roman ausgesprochen positiv aufgenommen.

Immer trifft es die Erstgeborenen des Clans

Wie gut, dass es am Ende des Buches einen Stammbaum gibt. Sonst könnte man sich glatt verlieren in diesem bunten Marinescu-Kosmos mit seinen schrägen, häufig nicht zimperlich agierenden Figuren. Da ist zum Beispiel Maria, auch genannt Maria die Versaute, verheiratet, drei Kinder, die sich mehr an den Männern des Dorfes als an ihrem eigenen Mann erfreut. Und die im Übrigen auch den eigenen Sohn Ion, den Erstgeborenen, nicht unattraktiv findet, aber, halt!, er ist ja ihr Sohn.

Maria die Versaute ist die Enkelin des fiesen Gheorghe Marinescu. Als sie eines Tages von dem Familiengeheimnis erfährt, macht sie sich zur Heiligen Mauer in Jerusalem auf, um den Fluch wegzubeten. Doch es nützt nichts, Gottes Gnade zeigt sich nicht: Ion, ihr geliebter Sohn, stirbt bei einem Autounfall, in der Blüte seiner Jugend. So wie es überhaupt immer die Erstgeborenen des Clans trifft.

Einen anderen Marinescu rafft es Jahrzehnte später schon als Kind dahin, er stirbt an einer unheilbaren Krankheit, nicht mal elf Jahre alt. Als Ioan fünf ist, lernt er die Musik von Ella Fitzgerald kennen und auf dem Globus das ferne Amerika. Wenn er groß ist, möchte er gern Entdecker werden, erzählt er seinem Vater, und vor allem nie wieder in ein Krankenhaus gehen müssen. Bei seinem Tod ist die Mutter untröstlich, und seine kleine Schwester weint "wochenlang, monatelang, jahrelang" um ihn.

Irina Teodorescus Roman spielt im 20. Jahrhundert, streift die beiden Weltkriege, Kommunismus, Amerikanismus, aber alles nur beiläufig. Im Vordergrund stehen die Verwicklungen des Marinescu-Clans. Teodorescus Buch ist kein traditioneller Familienroman, sondern ein schneller Schlagabtausch der Generationen - spielerisch, aberwitzig. Mit viel Situationskomik, typisierten Figuren - fast in Commedia dell'Arte-Manier - und einer überaus originellen Sprache.

Was lernen wir aus dem Ganzen? Leben und Tod liegen oft sehr nahe beieinander. Das Schicksal verfährt nach Gutsherrenart, manche verwöhnt es, andere tritt es brutal gegen das Schienbein. Selbst wenn es augenzwinkernd daherkommt, erweist es sich oft als rabenschwarz. Wer einen Sinn in all dem sucht, hat schon verloren. So ist "Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen" letztlich eine wunderbare Lektion, sich in Fatalismus zu üben.

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