Schottischer Patriot Irvine Welsh "Großbritannien ist erledigt"

"Trainspotting"-Erfinder Irvine Welsh liebt Kraftausdrücke. Zurzeit hebt sich der schottische Autor viele davon für englische Politiker auf. Die Polit-Elite in London hält er für korrupt, die Unabhängigkeit Schottlands für zwingend.

Ein Interview von Daniel-C. Schmidt

REUTERS

Zur Person
Irvine Welsh wurde 1958 als Sohn eines Hafenarbeiters und einer Kellnerin in Edinburgh geboren. Das Buch "Trainspotting" über die Heroinabhängigen Renton, Spud und Sick Boy machte Welsh 1993 berühmt. Danny Boyle verfilmte das Drama 1996 mit Ewan McGregor in der Hauptrolle. Welsh schrieb zudem Werke wie "Porno" (2002), "Crime" (2008") und "Skagboys" (2012). Im vergangenen Jahr lief die Verfilmung von Welshs Roman "Filth" ("Drecksau") mit James McAvoy in den Kinos an. In Aufsätzen und vor allem via Twitter kritisiert Welsh derzeit fast täglich die britische Zentralregierung in London. Er ist Anhänger der "Yes"-Kampagne, die sich für die Unabhängigkeit Schottlands stark macht.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Welsh, Sie leben inzwischen in Chicago und Miami. Damit sind Sie gar nicht berechtigt, am 18. September über Schottlands Schicksal abzustimmen. Warum regen Sie sich eigentlich so auf?

Welsh: Ich bin in Schottland aufgewachsen, meine Freunde und Familie kommen von dort, klar juckt es mich, was da stattfindet. Ich empfände es als meinem Heimatland gegenüber höchst illoyal, wenn ich mich nicht darum scherte, was mit dem Volk passiert.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Hass auf die britischen Politiker klingt aber mehr danach, als ob es gar nicht so sehr um Schottland, sondern um London ginge. Ist die "Yes"-Kampagne nicht einfach nur ein letzter Dolchstoß ins Herz der Tories, die Schottland unter Margaret Thatcher besonders hart rangenommen haben?

Welsh: Ach, wissen Sie, da kommt eine Menge zusammen. Zum einen war Schottland schon immer ein wenig anders, hatte ein anderes Rechtssystem, Bildungssystem, eine andere Religion, Verwaltung, und mit der Wiedereinführung des Parlaments Ende der Neunzigerjahre hat sich Schottland schließlich zu einem Mini-Staat entwickelt. Die Menschen haben sich damit wieder stärker an Schottland gebunden gefühlt - auch weil das, was Großbritannien einst zusammengehalten und ausgemacht hat, so nicht mehr existiert.

Für die Darstellung wird Javascript benötigt.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Welsh: Großbritannien war einmal ein imperialistisches Konstrukt, das sich aus zwei Dingen zusammensetzte: Industrie und Empire. Das ist Vergangenheit. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, als auch das nationale Gesundheitssystem eingeführt worden ist, war es für eine kurze Zeit ein sozialdemokratischer Staat. Auch das ist Vergangenheit, komplett zerstört in der ursprünglichen Form. Es gibt einfach nichts, was Schottland am Rest des United Kingdom festhalten lässt.

SPIEGEL ONLINE: Und dafür machen Sie die Regierung in London verantwortlich.

Welsh: Großbritannien ist ein zentralisierter Staat mit zentralisierter Wirtschaft. Alles fließt nach London, in diesen Sozialstaat für Superreiche, der die Ur-Londoner aus ihrer Stadt verscheucht, und die arabischen Oligarchen und die Russen auch noch bevorzugt behandelt, während sie die Immobilienpreise hochtreiben. All das wird auf dem Rücken der Leute ausgetragen. Diese Wirtschaft funktioniert ganz anders als der Rest von Großbritannien. Gepaart mit starker schottischer Nationalidentität, die die Leute durch die Unabhängigkeitskampagne spüren, stehen wir im Grunde vor dem Ende der Union. Großbritannien wird von karrieregeilen Politikern zusammengehalten. Und das reicht einfach nicht.

Fotostrecke

10  Bilder
Fotoessay von Holger Mohaupt: Schottlands Straßen stimmen ab
SPIEGEL ONLINE: Führen die Leute also auch einen kleinen Rachefeldzug gegen die Westminster-Elite?

Welsh: Die Unabhängigkeitsbewegung ist zu einer Kampagne pro Demokratie geworden. Sie beflügelt die Vorstellungskraft der Leute, die gemerkt haben, dass das United Kingdom für die Eliten errichtet wurde und nur das Establishment reicher macht. Aber selbst wenn es am kommenden Donnerstag ein knapper Sieg für die "Nein"-Kampagne werden sollte und Schottland nicht unabhängig wird, glaube ich, dass Großbritannien erledigt ist. Wenn man sich anschaut, wer gegen die Unabhängigkeit stimmt, sind das mehrheitlich die über 65-Jährigen. Die restlichen Altersschichten haben sich über die Jahre immer mehr für ein unabhängiges Land bekannt. Sie sehen, was unser Parlament, selbst in seiner Miniaturform, bewegen kann und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben. Die Schotten wollen jetzt noch mehr davon.

Für die Darstellung wird Javascript benötigt.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie so sicher, dass in einem unabhängigen Schottland sich nicht eine ähnlich elitäre Polit-Kaste entwickelt?

Welsh: In kleineren Demokratien sind die Politiker viel näher an ihren Wurzeln und ihren Wahlkreisen. Eliten werden sich immer entwickeln, das hat uns die Geschichte gelehrt. Was eine Demokratie braucht, sind stabile demokratische Institutionen, eine richtige Verfassung, eine starke Gesetzgebung, aber sicher kein hierarchisches System wie derzeitig in Westminster, wo Posten vererbt und Eliten gefördert werden.

SPIEGEL ONLINE: Im besten Fall winkt für die Schotten Unabhängigkeit, im schlimmsten Fall gibt es großzügige Zugeständnisse von der Londoner Regierung, die mit Milliarden-Pfund-Paketen und Steuerbefugnissen um die Gunst der Unionsanhänger wirbt. Können sich das Land und die Unterstützer der "Ja"-Kampagne zurücklehnen?

Welsh: Womöglich. Aber diese Zugeständnisse werden sehr viele Leute in England aufhorchen lassen, besonders im Süden. Das kratzt an ihrem Status, und sie werden fragen: Warum steht Schottland das zu? Entweder die Engländer akzeptieren das oder lehnen sich gegen die Dezentralisierung auf. Was die Schotten noch mehr frustrieren würde, so dass sie bei der nächsten Parlamentswahl komplett für Unabhängigkeitskandidaten abstimmen werden. Ich sehe nicht, wie sich dieses Konstrukt über kurz oder lang halten soll.

Für die Darstellung wird Javascript benötigt.

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.