Isabel Allendes "Ein unvergänglicher Sommer" Die Liebe in der Luft, den Tod im Kofferraum

Ein Chihuahua im Wintercape, eine Romanze im Alter, entwurzelte Menschen, grausame politische Systeme und ein Mord. In ihrem neuen Roman erzählt Isabel Allende die Geschichte dreier Flüchtlingsschicksale.

Isabel Allende
AP

Isabel Allende

Von Britta Schmeis


Eine tiefgefrorene Leiche im Kofferraum, die immer wieder die Klappe aufgehen lässt. Ein Elch, der mit einem Motelgast im nördlichen New York State Auge in Auge steht. Ein Schneesturm, der New York lahm legt, erst mit voller Wucht, dann ganz sanft eine weiße Decke über das Szenario legt. Dass all das als Kulisse für einen Roman dreier Flüchtlingsschicksale und einer späten Liebe dienen soll, scheint etwas tollkühn.

Nun ist Isabel Allende für ihre Erzählkunst voller Witz und kluger Betrachtungen bekannt geworden, mit Geschichten über Unterdrückte und Entwurzelte. Gleich ihr Debütroman "Das Geisterhaus" aus dem Jahr 1982 machte die in Peru geborene Chilenin, die seit Jahrzehnten in den USA lebt, weltberühmt.

Sie weiß, was es heißt, in einem Regime unterdrückt zu werden, eine neue Heimat zu finden, ein Kind zu verlieren. In ihren inzwischen mehr als 20 Romanen hat sie das immer wieder thematisiert. Jetzt hat Allende, Jahrgang 1942, eine späte Liebe gefunden, wie sie in einem Interview erzählte, und hat das zu einem zentralen Thema ihres neuesten Romans "Ein unvergänglicher Sommer" gemacht.

Der Schneesturm über New York führt Richard, einen grummeligen, 60-jährigen Universitätsprofessor, seine chilenische 62-jährige Kollegin Lucia und das junge Kindermädchen aus Guatemala, Evelyn, zusammen. Richard ist im Schneegestöber mit seinem Wagen in einen anderen gerutscht, am Steuer die verschreckte Evelyn. Schnell will er die Sache regeln, doch die junge Frau spricht nicht. Richard steckt ihr seine Karte zu und hofft den Vorfall, der ihn aus seiner Routine gerissen hat, damit rasch vergessen zu können.

Doch wenig später taucht die junge Frau bei ihm auf. Von der Situation komplett überfordert ruft Richard die lebensfrohe Lucia zur Hilfe. Mühsam finden die beiden gemeinsam heraus, dass Evelyn keine Aufenthalts- und schon gar keine Arbeitsgenehmigung hat, unerlaubt den Wagen von ihrem Gangsterboss gefahren hat - und im Kofferraum des Autos eine tiefgekühlte Leiche schlummert.

Holzschnittartige Charaktere

Bei einem Haschkeks schmieden sie nicht nur einen Plan, wie sie sich der Leiche entledigen und Evelyn retten können, sie beginnen sich auch ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Evelyn verlor einen Bruder an die brutale Jugendbande Maras und musste dabei zusehen, wie der andere Bruder getötet wurde, während ein Mann über sie herfiel. Mit Schleusern gelingt ihr später über Mexiko die Flucht in die USA. Lucia floh einst vor dem Pinochet-Regime, dem auch ihr Bruder zum Opfer fiel. Und Richard, dessen Vater den Nazis entkommen ist, flieht vor seiner eigenen Vergangenheit in komplette Emotionslosigkeit.

ANZEIGE
Isabel Allende:
Ein unvergänglicher Sommer

Aus dem Spanischen von Svenja Becker

Suhrkamp, 350 Seiten, 24 Euro

Dabei zeichnet Allende ihre Charaktere holzschnittartig. Da ist die lebenslustige, pragmatische Chilenin: "Sie sehnte sich nach Sex, Romantik und Liebe. Ersteres konnte sie ab und zu bekommen, die Romantik war dabei Glücksache, und die Liebe ein Geschenk des Himmels." Ihren winzigen Chihuahua Marcelo kleidet sie mit Cape und Weste, sie selbst trägt ihr Haar bunt und umgarnt Richard.

Richard ist der Amerikaner "mit finsterem Gemüt", Hypochonder, Allergiker, der nichts mehr hasst, als aus seinem Trott gerissen zu werden. Er hat seine Frau und die beiden Kinder verloren und fürchtet nun, "der Liebe in die Falle zu gehen", um sich dann nach der ersten Nacht mit Lucia in zwei miteinander verbundenen Schlafsäcken zu gestehen, dass er sie "grenzenlos, umfassend lieben" werde.

Und Evelyn bleibt das blasse verschreckte Mädchen aus Guatemala, das nie Entscheidungsgewalt über ihr Leben hatte und dann doch noch sein kleines Glück findet. Die Geschichten der drei Protagonisten drohen hinter der mit klebrig-süßen Worten erzählten pilcheresken Romanze zu verblassen.

Ab und zu blitzt dann doch noch Allendes Witz auf, ihre Fähigkeit, die grausamen politischen Verhältnisse Mittel- und Südamerikas und deren Folgen für die Individuen zu erzählen, sie mit Mystik samt Schamanen, Riten und ein bisschen Spuk zu versehen. Doch sie verstrickt sich, tunkt ihre Geschichte in gehauchte Sätze und hölzerne Dialoge. Vor allem aber vergibt Allende die Chance, von den Ursachen und Grausamkeiten der Flucht zu erzählen - in einer Zeit, in der solche Geschichten kaum dringlicher sein könnten.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
borges 15.08.2018
1. Völlig überschätzte Schriftstellerin
Es war mir immer schleierhaft, warum Allende in Deutschland so einen großen Erfolg hat, über Jahrzehnte. Im spanischsprachigen Raum gilt sie als das, was sie ist: eine Autorin von verkitschter und oberflächlicher Trivialliteratur. Zugegeben, das "Geisterhaus" war gut, aber wirklich gut daran war nur der von ihr selbst erlebte Teil über den Putsch in Chile. Der Rest erinnerte sehr an García Márquez und war zu Teilen eindeutig abgekupfert. Wie so oft springt sie offensichtlich auch jetzt auf den Wagen mit den aktuellen Themen auf. Dabei bleibt alles, wie der Rezensent richtig vermerkt, an der Oberfläche, die Figuren hölzern, nichts wird erklärt oder hinterfragt. Die grausame Realität Lateinamerikas soll dazu dienen, eine völlig überschätzte und abgehalfterte Autorin, die von dieser Realität wirklich keine Ahnung mehr hat, wieder in die Bestsellerlisten zu führen. Man kann nur hoffen, dass die deutschen Leser (bzw. Leserinnen, sie scheint ja vor allem bei Frauen so beliebt) diesen Trick durchschauen und die Finger von dem Buch lassen. In anderen Ländern ist man ja sowieso schon klüger.
lachina 15.08.2018
2. Überschätzt.....
der Erfolg in Deutschland hat wohl damit zu tun, dass nach Garcia Marquez'"Hundert Jahre Einsamkeit" alle Welt süchtig wurde nach Magischem Realismus, und nach Ähnlichem Ausschau hielt. Das passiert ja auch mit anderen Autoren bis hin zu Tolkien und Rowling. Wir sagen aber auch, Isabel Allende das ist Gabo plus drei Eimer Wasser."
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.