Souad Mekhennet Die Terror-Reporterin

Souad Mekhennet hat den IS-Henker Jihadi John enttarnt und den Anführer von al-Qaida im Maghreb interviewt. Warum riskiert die deutsche Journalistin immer wieder ihr Leben? Ein Porträt.

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Von Sarah Nalazek


Wenn eine Recherche brenzlig wird, schreibt Souad Mekhennet eine Liste. Untereinander notiert sie die Namen ihrer letzten Kontakte, Quellen aus der Islamisten-Szene, und die Telefonnummer ihrer Eltern. Sie steckt die Liste in einen Briefumschlag, klebt ihn zu und drückt ihn ihrem Kollegen in die Hand, bevor sie sich auf den Weg zum nächsten Interview macht - nur für den Fall. Sollte sie nicht zurückkommen, kann er ihre Route nachvollziehen und die Familie benachrichtigen.

Souad Mekhennet ist Reporterin bei der "Washington Post", Spezialgebiet islamistischer Terror. Seit Jahren recherchiert sie in radikalen Kreisen, reist in den Irak, nach Pakistan, in den Libanon - und trifft die gefährlichsten Männer der Welt. Mit ihren Artikeln enttarnte sie den IS-Henker Mohammed Emwazi, der als Jihadi John, maskiert mit schwarzer Sturmhaube, Geiseln vor laufender Kamera hingerichtet hat, darunter Reporter-Kollegen wie James Foley. Sie interviewte den Anführer von al-Qaida im Maghreb und deckte auf, dass der Deutsch-Libanese Khaled al-Masri von der CIA entführt und gefoltert wurde. Einige ihrer Quellen sind so brisant, dass sie mit ihnen nur über Wegwerfhandys und versteckte E-Mail-Konten in Kontakt tritt.

Von diesen und anderen Erfahrungen berichtet Mekhennet in ihrem Buch: "Nur wenn du allein kommst. Eine Reporterin hinter den Fronten des Dschihad", das jetzt im Verlag C.H. Beck erschienen ist. Aber: Wie muss man gestrickt sein, um sich dieser Gefahr auszusetzen?

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Terror-Reporterin: "Eine Garantie gibt es nicht"

Treffen in Frankfurt, Nordend: In einem Café im Holzhausenpark, nicht weit entfernt von der Stelle, wo sie als Kind Fahrradfahren gelernt hat, erzählt Souad Mekhennet, wie sie einmal in einem geheimen Foltergefängnis vom ägyptischen Geheimdienst festgehalten wurde. In einem verdreckten Badezimmer versuchte sie, sich mental darauf vorzubereiten, gleich vergewaltigt zu werden. "Ich habe in den schmutzigen Spiegel geschaut und mir gesagt: Egal, was jetzt passiert, es ist nicht deine Seele, es ist nur dein Körper. Sie dürfen dich nicht brechen."

Ihre Stimme ist fest, als sie die Szene schildert. Damals ist es gut gegangen, sie und ihre Kollegen wurde nach 24 Stunden wieder entlassen. Aber ihr ist bewusst: "Eine Garantie gibt es nicht." Warum geht sie also weiterhin solche Risiken ein?

"Was mir Sorgen macht, ist, dass wir als Gesellschaft immer weiter auseinanderdriften", sagt Mekhennet. Die Leute, die Brücken bauten, hätten es immer schwerer. Auf allen Seiten würde polarisiert. "Der IS-Rekrutierer tut genau dasselbe wie ein Geert Wilders oder Marine Le Pen, sie alle spielen mit der Angst. Jeder benutzt die andere Seite."

Eine Muslimin die beim Krippenspiel die Maria spielt

Bei ihren Recherchen spricht Souad Mekhennet nicht nur mit Islamisten, sondern auch mit Nazis, radikalen Christen, Leuten, die sich abgehängt fühlen und als Antwort darauf Hass gegen alles entwickeln, was nicht in ihr Weltbild passt. "Die Leute sehen sich als Opfer und merken nicht, dass sie selbst zu Tätern werden", sagt die 39-Jährige. In gewisser Form versteht sie sie sogar. "Ich weiß, wie es sich anfühlt, diskriminiert zu werden." Als Kind aus einer Gastarbeiterfamilie stach sie heraus. Manche Kinder aus der Nachbarschaft durften nicht mit ihr spielen.

Die Frage, die sich automatisch anschließt, stellt - und beantwortet - sie selbst: "Ist das eine Entschuldigung? Nein, ist es nicht. Aber ich weiß, was diese Leute meinen und kann auf einer anderen Ebene mit ihnen reden, weil ich eben auch in den verschiedenen Welten groß geworden bin."

Souad Mekhennets Mutter kommt aus der Türkei, der Vater aus Marokko, sie ist Schiitin, er Sunnit - eigentlich unvereinbar. Trotzdem funktioniert es. Genauso wie ihre Kindheit zwischen der Koranschule in Marokko und dem christlichen Kindergarten in Deutschland. "Wir haben nicht nur die islamischen Festtage gefeiert, sondern auch Weihnachten, mit Plastikbaum und elektrischen Kerzen." Auch dass sie als gläubige Muslimin beim Krippenspiel die Maria spielt, war nie ein Problem - oder ein Widerspruch.

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Souad Mekhennet:
Nur wenn du allein kommst

Eine Reporterin hinter den Fronten des Dschihad

C.H.Beck; 384 Seiten; 24,95 Euro

Dass Mekhennet die verschiedenen Welten kennt, ist ihr größtes Kapital. Im Libanon wollte die Journalistin einmal an Schakir al-Absi rankommen, ein international gesuchter Terrorist und Verbündeter des al-Qaida-Anführers im Irak. Mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit und Charme überredete sie ihn zu einem Treffen: "Ein Gläschen Tee werden Sie mir ja wohl nicht abschlagen - das wäre gegen unsere gute arabische Tradition." Und tatsächlich, sie durfte kommen.

Als Reporterin nutzt sie ihre eigene Lebenserfahrung, um Anknüpfungspunkte mit ihrem Gegenüber zu finden. Mal betont sie ihre arabische Herkunft, mal ihre deutsche, mal ihren muslimischen Glauben, mal ihre Kindheit in Marokko, dadurch schafft sie Nähe, Vertrauen - und es ist immer die Wahrheit.

Das erklärt auch, warum Leute mit ihr sprechen, die Medien misstrauen und die westliche Welt verachten. Weil sie den Koran kennt, kann sie mit Taliban-Kommandeuren über die Rolle der Frau diskutieren. Und weil sie deutsche Expertin für islamistischen Terrorismus ist, wird sie zu Günther Jauch in die Talkshow eingeladen. Sie geht hin, obwohl sie befürchtet, in die Moslem-Ecke gedrängt zu werden, diskutiert über Krieg und Religion.

Mekhennets Anliegen ist immer dasselbe: vermitteln, verstehen. Sie will erklären, was in den Köpfen islamistischer Attentäter vorgeht und wieso es wichtig ist, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Sie hat in Harvard studiert, hat für international renommierte Medien gearbeitet, den SPIEGEL, die "Zeit", die "New York Times". Sie könnte es sich einfach machen und vom Schreibtisch aus Analysen über den Clash der Kulturen verfassen. Stattdessen sucht sie die Begegnung mit den Menschen, über die sie schreibt, und riskiert ihr Leben.

Fragt man warum, zitiert Mekhennet den Propheten Mohammed: "Wenn man einen Menschen tötet, dann ist es, als hätte man die ganze Menschheit getötet, aber wenn man einen Menschen rettet, dann ist es, als könnte man die ganze Menschheit retten." Und selbst wenn es nur einer ist, dann ist er es auch wert, sagt Mekhennet.

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