Archivar in der größten Bibliothek des Nahen Ostens Der Schatzmeister

Die deutsch-jüdische Kultur des 20. Jahrhunderts hat ein Zuhause: Israels Nationalbibliothek. Nachlässe von Franz Kafka, Stefan Zweig und Else Lasker-Schüler gehören dazu - und Stefan Litt betreut sie alle.

Herzog & de Meuron

Von , Jerusalem


"Life is what happens while you are busy making other plans", sang John Lennon. 1980 war das, da ist Stefan Litt elf Jahre alt. Er wächst in der DDR auf, Ost-Berlin. Und das Lied wird zu seinem Song. Pläne hat er 1980 noch keine, höchstens Teenagerträume. Aber dann, am Ende des Jahrzehnts, als die Mauer fällt und es auf einmal nur noch ein Deutschland gibt, passiert, was Lennon gesungen hatte. Litt ist damals Student in Jena, drittes Semester, wissenschaftlicher Gerätebau. Eine trockene Materie für Tüftler.

Litt schwärmt aber für Geschichte, fremde Sprachen, schmeißt in Jena hin, beginnt an der FU Berlin Judaistik und Geschichte zu studieren - und liest im Herbst 1990 eine Annonce in der "Berliner Zeitung", die alles verändert. Die Israelitische Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel bietet Hebräisch-Intensivsprachkurse in der Kurt-Tuckolsky-Straße an. Litt lernt die Sprache - und sie zu lieben.

Heute, fast 30 Jahre später, ist der große Mann mit der kleinen Brille und der sonoren Stimme, dem man seine Berliner Kindheit immer noch ein wenig anhört, Archivar an der israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem, dort zuständig für die deutschen Bestände und Kurator für allgemeine Geisteswissenschaften. Die Jobbeschreibung müsste wohl lauten: "Schatzmeister".

Größte Bibliothek des Nahen Ostens

Die israelische Nationalbibliothek ist die größte im Nahen Osten - noch vor der im ägyptischen Alexandria. Die residiert seit 2002 in einem futuristischen Neubau mit einem der größten Lesesäle der Welt, Kostenpunkt: umgerechnet rund 167 Millionen Euro. Seit der Revolution gegen Ex-Machthaber Hosni Mubarak fungiert der Bau aber fast nur noch als prachtvolle Fassade.

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Israelische Nationalbibliothek: Ein Haus für Bücher

Anders in Jerusalem: Der schmucklose Steinbau, der bald in ein neues futuristisches Gebäude umziehen wird, beherbergt fünf Millionen Medienträger, Bücher, Zeitschriften, Manuskripte, CDs und derlei mehr. Bis in die Sechzigerjahre hinein waren die meisten Bücher, die angeschafft wurden, auf Deutsch, sagt Litt. Bis heute sind es rund 800.000 Stück, auch wenn Englisch längst die dominierende Sprache ist.

Auch 8000 jüdische, 2000 muslimische und 1000 christliche Handschriften zählen zum Bestand der Nationalbibliothek, illuminierte aus dem Mittelalter sind darunter, auch nordafrikanische Koranhandschriften aus dem 9. Jahrhundert auf Papier, das es damals in Europa noch gar nicht gab.

Zweig, Lasker-Schüler und Grossman

Und dann ist da noch das riesige Archiv mit den persönlichen Nachlässen. Der Schatz von Jerusalem. Die untergegangene deutsch-jüdische Kultur des vergangenen Jahrhunderts: die Dichterin und Expressionistin Else Lasker-Schüler, der Kabbala-Forscher Gerschom Scholem, der im Nachkriegsdeutschland vor allem als Wiederentdecker des Jahrhundertdenkers Walter Benjamin bekannt wurde, und der Religionsphilosoph Martin Buber.

Allein Buber hat der Nationalbibliothek einen Nachlass übergeben, der 50 Regalmeter füllt. Die Hälfte sind Briefkorrespondenzen, WhatsApp der Vorkriegszeit. "Als ich an meinem ersten Arbeitstag vor acht Jahren an den Buber-Regalen vorbeiging", sagt Litt, der über "Juden in Thüringen in der Frühen Neuzeit" promoviert hat und seit 1995 in Jerusalem lebt, "da habe ich ein angenehmes Kitzeln gespürt".

Auch Stefan Zweig gehört zur Sammlung der Nationalbibliothek. Der weltläufige Autor übergab 1933, zutiefst erschrocken über die Machtergreifung der Nazis, einen Teil seiner Korrespondenzen heimlich der Nationalbibliothek. Darin enthalten: Briefe von und an Thomas Mann, ein Manuskript von Alfred Döblin und ein erster Entwurf der 2. Symphonie von Gustav Mahler.

Für Litt, den Archivar, mit Preisen ausgezeichneter Wissenschaftler und Fan, könnte es keinen besseren Arbeitsplatz als die Nationalbibliothek geben, die auch den Nachlass von Israels einzigem Literaturnobelpreisträger S.J. Agnon aufbewahrt und den die israelischen Star-Autoren der Gegenwart, David Grossman und A. B. Jehoshua, bereits ihre Vorlässe übergeben haben.

Kafka, Fallada - und die Frage der Heimat

Der Vater von zwei Kindern hat zuletzt vor allem einen Teil des Kafka-Nachlasses archivarisch aufbereitet, der aus dem Nachlass von Max Brod stammt und um dem jahrelang vor Gericht gestritten wurde. Dazu zählt auch ein mit Bleistift geführtes Deutsch-Hebräisch-Vokabelheft, das Kafka nach 1917 begonnen hatte. Er hatte immer wieder mit dem Gedanken gespielt, von Prag nach Palästina auszuwandern.

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Israel ist für Litt, der mittlerweile neben der deutschen auch die israelische Staatsbürgerschaft besitzt, "der Platz, an dem ich gerne lebe"; Heimat, bei diesem großen Wort, das es nicht im Plural gibt, zögert er.

Litt spricht lieber über seine Arbeit, bei der er oft Spektakuläres und Kurioses entdeckt, im Nachlass eines gewissen Carl Ehrenstein etwa. Der aus Wien stammende und in London lebende jüdische Literaturagent war ein enger Brieffreund von Hans Fallada ("Kleiner Mann - was nun?"), machte ihn in Großbritannien bekannt. Bis 1938 schrieben sich die beiden regelmäßig - trotz der Gefahr, dass die Nazis von der Korrespondenz erfahren könnten.

1946, kurz nach dem Krieg, schlug Ehrenstein einem englischen Verlag begeistert vor, Falladas neustes Werk "Jeder stirbt für sich allein" zu veröffentlichten. Die Antwort von der Insel: negativ. Fallada, "der arme Autor", habe offenbar "seine Inspiration" verloren, "was nach all den Verirrungen der letzten Jahre auch nicht verwunderlich" sei, hieß es.

2002 erschien die Geschichte über den Widerstand gegen das NS-Regime in einer Neufassung, wurde ins Englische und ins Hebräische übersetzt. Ein Welterfolg. "Es war unerhört, dass ein aus dem Deutschen übersetztes Buch 28 Wochen in Folge in Israel auf der Bestsellerliste steht", sagt Litt. "Das hat kein anderes Buch seither geschafft." Carl Ehrenstein hatte das richtige Gespür gehabt.



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