J.D. Salinger zum 90. Fänger der Generationen

Die Träume und Ängste unserer Jugend: J. D. Salingers "Fänger im Roggen" erzählt von ihnen wie kein zweiter Roman der Moderne. Heute wird der Autor 90. Zeit für einen persönlichen Geburtstagsgruß von Philip Meinhold.


Wir waren gerade sechzehn geworden und das erste Mal alleine verreist. Jerome David Salingers "Fänger im Roggen" war unsere Bibel, und Holden Caulfield, der Erzähler des Romans, war unser Gott. Ein Satz, der keinen Fluch enthielt, grenzte an Blasphemie. Und die Baseballkappen mussten mit dem Schirm nach hinten getragen werden, so wie Holden seine rote Jagdmütze trug.



Da nur einer von uns Holden heißen konnte, nannte sich der andere Edgar - nach Holdens Bewunderer aus Plenzdorfs "Die neue Leiden des jungen W." Auch für Edgar war Salingers Roman, das einzige Buch, das zu lesen sich lohnte. Es gab nichts Schöneres, als wenn im Selbstbedienungsrestaurant unsere Bestellungen ausgerufen wurden: Pizza für Holden, Spaghetti für Edgar. Helden wie Holden - das wollten wir sein!

Herkunft und Jahrgang waren für unsere Identifikation kein Problem. New York war Berlin, die Fünfziger die Achtziger, unser Pencey hieß Friedrich-Ebert-Gymnasium und meine Jane Gallagher Susanne. Wie Holden waren wir in das Zeitloch zwischen Kindheit und Erwachsensein gefallen. Mit ihm sprach endlich jemand aus, was wir dachten - nur besser.

Den Verehrern ins Netz gegangen

Wie uns ging es, vorher und nachher, Millionen. Seit das Buch vor fast 60 Jahren in Amerika erschien, ist sein Erfolg ungebrochen: Auf 25 Millionen wird die Weltauflage des "Fängers" geschätzt, 250.000 Exemplare kommen nach wie vor jährlich dazu. Im Internet haben Verehrer Holden Caulfield einen virtuellen Altar errichtet; einen Link weiter kann man seinem Schöpfer Salinger Briefe schreiben, als wäre er ein Kummerkasten.

Längst gehören Salingers Sätze zum Schulstoff wie der Satz des Pythagoras; und manch einer hat sein Buch so zerlesen, wie man als Kind sonst nur Teddys zu Tode liebt. In Deutschland brauchte das Buch zwei Anläufe: Die erste Übersetzung aus dem Jahr 1954 blieb von Lesern und Kritikern nahezu unbemerkt. Erst als das Buch 1962 bei Kiepenheuer & Witsch noch einmal erschien - überarbeitet von Heinrich Böll -, entdeckten auch die Deutschen den Text.

"Ein moderner Fänger im Roggen" wird seit damals gerne für Neuerscheinungen geworben - als handele es sich um ein Qualitätsurteil der Stiftung Warentest. Dabei braucht dieses Buch keine Modernisierung. Noch immer ist es so, wie das "Time Magazine" es in einer Titelstory erklärte: Der Fänger im Roggen ist die "Hymne", das "Manifest einer Generation". Und zwar seit Generationen. Egal, ob man sie nun X, @ oder Golf nennen mag.

"Rührende Rebellion"

Denn bei allem, was seit dem Erscheinen 1951 geschah: Sex ist nicht einfacher, Schule nicht spannender, die Scheinheiligkeit in der Welt nicht geringer geworden. Merkwürdig alterslos kommt die Geschichte daher, erzählt von der Suche nach einem Platz in der Welt, von einer "fast rührenden Rebellion" (Reich-Ranicki).

Holden Caulfield ist gerade von der Schule geflogen, "wegen ungenügender Leistung in vier Fächern und mangelhaftem Fleiß und so weiter". Es ist kurz vor Weihnachten "und höllisch kalt", und Holden fährt zwei Tage vor Ferienbeginn ins heimatliche New York. Was folgt, ist eine zweitägige Irrfahrt durch den Großstadtdschungel, durch die bizarre Welt der Erwachsenen.

Im Grunde passiert gar nicht viel: Der Held trifft ein paar Leute, trinkt ein paar Cocktails, treibt sich in Bars, Parks, einem billigen Hotel herum. Einmal nimmt ihn eine Nutte aus, einmal macht sich ein ehemaliger Lehrer an ihn heran. Das war es schon. "Ein üblicher Roman würde über einem solchen Stoff verhungern", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" im Jahr 1962. "Nicht was er mitzuteilen hat, sondern wie er es mitteilt, das macht seine Geschichte und seinen Fall aus."

Es stimmt: Holdens Blick ist treffend und gnadenlos, seine Worte schnoddrig und rüde. Aber im tiefsten Herzen ist er doch verletzlicher Philanthrop, seine Arroganz ist nur Attitüde. Wir bewunderten Holden für seine Kompromisslosigkeit, kompromisslos im besten Sinne: in seinem Urteil, seinen Träumen, seinem Anspruch an sich und die Welt.

Aber was sollte aus jemandem werden, der so konsequent und unbeugsam war? Wie kam er durchs Leben, welchen Beruf wählte er? Wenn wir das gewusst hätten, wir hätten es ihm gleichgetan. Doch Holden hatte ja selbst keinen Schimmer: "Wie soll man denn wissen, was man tun wird, bevor man es wirklich tut?" Wie wir wusste er nur, was er nicht werden will. Gelehrter? "Für so etwas bin ich nicht begabt", erklärt er. Rechtsanwälte dagegen "sind schon Recht, vermutlich - aber mich lockt das nicht". Und Lehrer? Waren sowieso nicht ganz ernst zu nehmen: "Man braucht nie besonders nachzudenken, wenn man mit einem Lehrer spricht", weiß Holden. Und: "Sogar die paar netten Lehrer waren Heuchler."

Vielleicht hätte der Held unserer Reise irgendwann später John Lennon ermordet. Wie Mark David Chapman, der erst den Beatle erschoss und sich dann, den "Fänger" lesend, festnehmen ließ. Stammelnd gab er zu Protokoll, von Holden Caulfield beeinflusst zu sein. Wahrscheinlicher schien uns da allerdings, dass Holden Selbstmord begangen hätte, vom Leben zu Grunde gerichtet. Und so beschlossen wir, uns mit dreißig ebenfalls umzubringen - bevor wir die Grenzen der Welt akzeptierten. Wir nahmen es uns ganz fest vor.



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